American Football RHEINPFALZ Plus Artikel Die Football-Welt vereint in München beschert der NFL eine Erkenntnis

Gekommen, um zu bleiben: Die Choreo vor dem NFL in München ist beeindruckend.
Gekommen, um zu bleiben: Die Choreo vor dem NFL in München ist beeindruckend.

Auf dem Papier ist die Partie zwischen den New York Giants und den Carolina Panthers die schwächste der vier, die die NFL bislang in Deutschland ausgetragen hat. Doch dann wird sie zur spannendsten. Die Liga gewinnt eine Erkenntnis und macht beste Werbung in eigener Sache – nicht nur auf dem Platz. Auch, weil ihr Wachstum daheim an Grenzen kommt?

Am Platzl im Münchener Zentrum pocht das Football-Herz am stärksten. Die Schlange der Menschen, die darauf warten, in das Hard-Rock-Café zu dürfen, wo die Seattle Seahawks ihre Zelte aufgeschlagen haben, kreuzt sich mit derer von denen, die ins gegenüberliegende Hofbräuhaus wollen, um die New York Giants zu feiern. Und läge keine Straße dazwischen, würden sich auch noch die jene gesellen, die das Nest der Atlanta Falcons im Wirtshaus an der Ecke besuchen wollen.

Dort vor dem Eingang kabbeln sich Falken-Maskottchen Fritz und Falcon-Fan Alesantoz auf liebevolle Weise. Sie boxen sich, sie umarmen sich. Der 46-Jährige aus Berlin trägt eine überdimensionierte Silber glitzernde Halskette – und ein Atlanta-Shirt mit besonderer Aufschrift auf dem Rücken: „International Fan of the Year“. Zu dem hat ihn die National Football League gemacht und damit zum Botschafter ihres Sports in Deutschland. Alesantoz hat den Falcons-Fanclub in Deutschland aufgebaut, Podcasts und Instagram-Seiten ins Leben gerufen. Er koordiniert die Aktivitäten der Falcons-Anhänger in Deutschland und hat inzwischen beste Kontakte zu den Klub-Verantwortlichen in Atlanta. Wann immer sie in Deutschland aktiv werden wollen, ist Alesantoz ihr erster Ansprechpartner. „Ich will die Football-Welt zusammenbringen“, sagt er.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Das gelingt beim zweiten Gastspiel der NFL in München auf spielerische Weise. Tausende Menschen strömen ins Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt, wo Gastfreundschaft, Oktoberfeststimmung und Sportbegeisterung aufeinandertreffen. Wohin man in diesen Tagen schaut, an der NFL ist kein Vorbeikommen. Die Menschen, die sich durch die Fußgängerzone schieben, tragen Shirts, Wintermützen, Basecaps oder Schals. Die Farbe des Teams ist dabei egal, die Sympathien sind auf die 32 Mannschaften der Liga verteilt. Und wer sich noch nicht mit Fanartikeln eingedeckt hat, kann das beispielsweise im offiziellen NFL Shop tun. Die Preise sind hoch, die Warteschlange lang. Galeria Kaufhof, was früher hier daheim war, hätte sich über einen solchen Ansturm gefreut.

Eine Botschaft für die Bucs

„In Europa war ich schon, aber in diesem spezifischen Land noch nicht“, sagt Shaquil Barrett. Der frühere Spieler der Tampa Bay Buccaneers steht vor dem Ned Kelly“s hinter der Frauenkirche. Das Team aus Florida hat ehemalige Spieler mit nach Bayern gebracht. Werbung und Marketing, aber Fans stehen darauf, ihren Idolen so nahe wie möglich zu kommen. Der australische Pub hinter der Frauenkirche ist zur „Botschaft“ der Bucs geworden – und zwar nicht nur während des Gastspiel-Wochenendes. Es soll ein permanenter Anlaufpunkt für die Fans in Deutschland werden. Es gibt nicht mehr nur das typische Pub-Quiz, nun werden nun auch regelmäßig Football-Spiele übertragen. „Es ist nur logisch, dass wir über das ganze Jahr vertreten sind“, sagt Christi Bedan, Vizepräsidentin im Marketing der Bucs, „wir waren erste Team, das ist Deutschland gewonnen hat.“

Bei der Premiere 2022 siegte das Team gegen die Seattle Seahawks, Quarterback-Superstar Tom Brady warf Pässe in der Allianz-Arena, die Zuschauer jubelten. Bei der zweiten Auflage fand das wohl attraktivste Spiel der Hauptrunde in Frankfurt statt, die Kansas City Chiefs traten gegen die Miami Dolphins an. Nun folgte in der Begegnung zwischen den Carolina Panthers und den New York Giants die auf dem Papier schwächste Partie des bisherigen Deutschland-Spiele. Weil die Begeisterung dennoch groß ist, dürfte die Erkenntnis die NFL-Verantwortlichen besonders freuen: American Football in deutschen Stadien, das funktioniert offenbar auch mit grauem Liga-Alltag.

Die NFL in München: Kommt bald Berlin als weiterer Austragungsort in Deutschland hinzu?
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70.132 Menschen kommen am Sonntag in die Arena vor den Toren der Stadt, wenngleich sich das Bild auf dem Weg von der U-Bahn-Haltestelle zum Stadion verändert hat: Normalerweise stehen dort diejenigen, die noch verzweifelt ein Ticket suchen. Nun ist das Angebot größer als die Nachfrage. Wer sich aber das Spiel anschaut, wird überrascht: Die Panthers schlagen die Giants 20:17 nach Verlängerung. Es ist nicht keine hochklassige Partie, aber dafür die spannendste der deutschen NFL-Geschichte. Und gefeiert wird sowieso: Die Choreo vor dem Spiel ist beeindruckend, die Evergreens „Sweet Caroline“ und „Country Roads“ werden allmählich zu deutschen NFL-Schlagern. Die Absperrbarrieren, die die Wartebereiche für die sechs Fanartikel-Shops kennzeichnen“, sind 1900 Meter lang. Jeder Meter wird gebraucht.

30.000 Bierdeckel

„Die feiern ein bissl wild, die Amis, aber sonst sind sie ganz okay“, sagt der Sicherheitsmitarbeiter vor dem Augustiner Stammhaus in der Münchener Innenstadt und lacht. Die Carolina Panthers haben das Wirtshaus zu ihrem „Bau“ auserkoren. Das Team zählte 2021 zu den ersten vier, das von der NFL Marketingrechte für Deutschland erhielt. „Für uns fühlt sich Deutschland inzwischen an wie eine zweite Heimat“, sagt PR-Chefin Kalen Karahalios. 500 Bierkrüge mit Panthers-Logo verschenkt der Klub an die Fans. Ein begehrtes Souvenir, genauso wie die Bierdeckel mit dem Raubkatzen-Motiv. 30.000 davon sollen die Panthers mitgebracht haben, heißt es. Draußen stehen die Menschen Schlange, drinnen feiern Deutsche und Amerikaner – und US-Bürger miteinander. Kaum zu glauben, dass diese Nation so gespalten sein soll, wenige Tage nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten.

Während in der Stadt die Football-Welt zusammenfindet, sagt NFL-Boss Roger Goodell bei einer Podiumsdiskussion: „Normalerweise sage ich den Leuten: Glaubt den Gerüchten nicht. Diesmal würde ich sagen: Glaubt sie!“ Damit befeuert er ein Thema, das in diesen Tagen immer wieder durch München wabert: 2025 würde Berlin Austragungsort eines NFL-Spiels werden.

2025 in die Hauptstadt?

Als die Liga Anfang 2022 bekannt gab, ihre internationalen Spiele um den Standort Deutschland zu erweitern, schien die Sache klar zu sein: Vier Spiele, München und Frankfurt im Wechsel als Gastgeber. Der Deal sollte zunächst bis 2025 laufen. Nun gibt es jedoch Interpretationsspielraum: Nach der Premiere im November 2022 in München hatte Frankfurt 2023 ein zweites Spiel bekommen, weil das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt umgebaut wird. Nur: Ist diese zweite Begegnung tatsächlich zusätzlich zu sehen – oder Teil des Vier-Spiele-Deals? Der wäre nun erfüllt. Es ist eine Frage, die auch die Kommunikationsabteilung des deutschen NFL-Außenstelle aktuell nicht abschließend beantworten kann. „Wir reden mit allen Beteiligten“, heißt es, wobei München und Frankfurt weiter die ersten Ansprechpartner seien.

Doch es gibt weitere Interessenten, die etwas vom lukrativen Geschäft mit der NFL abhaben wollen, allen voran eben Berlin. Bis zu 12,5 Millionen Euro wolle man für NFL-Spiele im Olympiastadion investieren. Diese Informationen wurden offenbar gezielt gestreut, um in den Verhandlungen Druck zu machen, heißt es aus NFL-Kreisen. Liga-Chef Goodell nennt das Olympiastadion kurz vor dem Kick-off in München „eine großartige Spielstätte“. Am Dienstag gibt der Berliner Senat grünes Licht, die Hauptstadt bewirbt sich um NFL-Spiele 2025, 2027 und 2029.

Die Heimat nicht verprellen

Im Dezember 2023 beschlossen die 32 Teambesitzer, die Anzahl der internationalen Spiele von bislang fünf auf bald maximal neun auszuweiten. Dieses Kontingent will Goodell schon bald fast ausschöpfen. Acht Spiele sollen in der kommenden Saison nicht in den USA ausgetragen werden: In Brasilien, bestenfalls in Mexiko, in Großbritannien, wo seit 2007 regelmäßig bis zu vier Partien gespielt werden. Neu hinzu kommt Spanien. Dort gastiert die NFL im Bernabeu-Stadion von Real Madrid. Und auch Irland nennt Goodell als Option. 93 der 100 in den USA meistgesehenen TV-Sendungen waren 2023 laut Sport Business Journal Übertragungen von NFL-Spielen. Viel mehr geht nicht. Heißt aber auch: Das Wachstum könnte schon bald Grenzen stoßen. Die NFL will neue Märkte erschließen, denn für die Verantwortlichen zeichnet sich ab: die nächsten Millionen Fans finden sich nicht mehr in den USA. Zugleich soll die Heimat nicht verprellt werden.

Mit vier Klubs hat es begonnen, inzwischen dürfen zehn der 32 Teams offiziell in Deutschland werben. Die meisten davon sind am Wochenende in München vertreten. Die Kansas City Chiefs haben ein Brauhaus am Viktualienmarkt in Beschlag genommen und ein kleines Football-Feld aufgebaut. Die Fans können Bälle fangen, die ihnen eine Wurfmaschine zuschleudert. Die New England Patriots sind bereits seit Saisonbeginn im Wirtshaus „Herrschaftszeiten“ vertreten. Während andere Teams Agenturen mit der Marketingarbeit beauftragen, hat die Franchise aus Boston eigene Leute in Deutschland und Brasilien installiert. „Sie verstehen die Sprache und kennen die Kultur“, sagt Chris Knower, PR-Mann der Patriots.

Auch die Seattle Seahawks überlegen, einen dauerhaften Fan-Pub in Deutschland zu installieren. „Nur wo?“, fragt Marketingchefin Isabelle van Coevorden. Die Fans seien über die ganze Bundesrepublik verteilt. „Die größte Community außerhalb von Seattle gibt es in der Bundesrepublik“, sagt sie. Und das könnte zum Problem werden: Die Football-Welt ist ein verschworener Haufen. Man kennt sich, man trifft sich. So wie jetzt in München. Die Herausforderung ist es, neue Leute für den Sport zu begeistern.

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