Speyer
Speyer beim Feinstaub schlechter als Stuttgart und München – Das sind die Gründe
Warum ist Feinstaub so gefährlich?
„Je kleiner ein Partikel ist, umso tiefer kann er in die Lungen eindringen. Feinstaub ist krebserregend und kann Schadstoffe wie giftige Schwermetalle bis in die letzten Verästelungen der Lungen tragen“, erklärt das Bundesumweltministerium. Bei Messungen wird vor allem in Partikel der Kategorien PM10 von bis zu 10 Mikrometer Durchmesser und PM2,5 mit bis zu 2,5 Mikrometer unterschieden. Mögliche Feinstaub-Folgen sind Entzündungen und Stress in menschlichen Zellen, der vor allem bei dauerhafter Belastung für zahlreiche Erkrankungen mitverantwortlich sein kann.
Wo steht Speyer im europaweiten Vergleich?
Die Europäische Umweltagentur (EEA) vergleicht in einer in diesem Jahr vorgelegten Statistik die Luftqualität in 372 europäischen Städten über 50.000 Einwohner auf Basis der PM2,5-Jahresmittelwerte. Tendenziell am saubersten sind skandinavische und portugiesische Städte, am anderen Ende der Skala finden sich auffällig häufig italienische und osteuropäische Kommunen. Speyer liegt mit einer Konzentration von 10,4 Mikrometer pro Kubikmeter Luft auf Rang 196, wobei Rang 372 die höchste Konzentration bedeutet (Slavonski Brod in Kroatien mit 26,5). Auffällig: Von den 65 erfassten deutschen Städten steht Speyer auf Platz 60, hat also nur die fünf Städte Gelsenkirchen, Berlin, Passau, Nürnberg und Dortmund mit höheren Konzentrationen hinter sich. Andere Städte in der Region sind mit geringeren PM2,5-Werten gelistet: Heidelberg (7,1), Kaiserslautern (8,1) oder auch Mainz (9,0).
Ist das nicht alarmierend?
Michael Weißenmayer, Referatsleiter im Landesamt für Umwelt (LfU), ist seit 26 Jahren für die Luftmessstationen in Rheinland-Pfalz zuständig. Er klingt im RHEINPFALZ-Interview einigermaßen entspannt. Zum einen stammten die ausgewiesenen Werte aus den Jahren 2022 und 2023. Inzwischen hätten sie sich verbessert. Zum anderen fehlten viele Kommunen in der EEA-Liste, die vor Speyer stünden. „Die Auswahl der Daten erschließt sich mir nicht ganz“, so Weißenmayer. Die Werte seien alles andere als optimal, aber deutlich unter dem EU-Grenzwert von 25. Inzwischen blieben sie auch unter dem neuen Grenzwert von 10, der vor wenigen Tagen für die Zeit ab 2030 festgelegt wurde. Zur Wahrheit gehört indes auch, dass der Richtwert der Weltgesundheitsorganisation bei 5 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel liegt.
Wie ergeben sich die Speyerer Werte?
Sie werden in der Messstation des LfU im Meisenweg in Speyer-Nord ermittelt. Diese steht in einem Siedlungsbereich, der dem Kreuz Speyer von A61 und B9 am nächsten liegt – womit der Einfluss des Verkehrs auf diesen überörtlichen Straßen hoch ist. Laut Stadtverwaltung Speyer liegen die Quellen für PM2,5 zu großen Teilen in Verbrennungsvorgängen jeglicher Art (Straßenverkehr und Gebäudeheizung).
Dazu kämen aus dem Verkehr Abriebemissionen von Reifen. Die Werte hätten also mit der bewussten Wahl des Messstandorts zu tun, so LfU-Vertreter Weißenmayer. Sie war 2013 vom Guido-Stifts-Platz dorthin verlegt worden. „Wenn wir sie 200 Meter weiter rein ins Wohngebiet rücken würden, hätte Speyer wahrscheinlich nicht den sechsthöchsten Wert der ausgewiesenen deutschen Städte“, so Weißenmayer.
Welche Entwicklung ist in den kommenden Jahren abzusehen?
Die Feinstaubwerte in Speyer seien rückläufig, betonen LfU und Stadt. Die Jahresmittelwerte – jeweils in Mikrogramm pro Kubikmeter – lagen seit 2018 nacheinander bei 13, 12, 10 (Corona-Jahr 2020), 11, 11, 9 und im laufenden Jahr bisher bei 8,8, wie Weißenmayer mitteilt. „Die Konzentration wird sich weiter verbessern, auch wenn das sehr langsam geht“, erwartet er. Bei den 14 rheinland-pfälzischen Stationen, an denen PM2,5 gemessen werde, bewegten sich die Werte zwischen 6 an Stationen im Wald und 11 an der Parcusstraße in Mainz mit rund 30.000 Fahrzeugen am Tag in einer Häuserschlucht-Lage. Für Speyer geht Weißenmayer von weiteren Rückgängen aus, sodass dauerhaft auch der künftige Grenzwert von 10 eingehalten werden könne. Ihre Anteile daran hätten vor allem die Modernisierung alter Heizanlagen und die Erneuerung der Fahrzeugflotte mit immer mehr E-Fahrzeugen. Einfluss könne aber auch die Meteorologie haben: Mehr Inversionswetterlagen mit wenig Luftaustausch in einem Jahr bedeuteten tendenziell höhere Werte.
Was wird dagegen getan?
Die Stadt Speyer hält sich zugute, „umfänglich an einer ständigen Verbesserung der Luftqualität“ zu arbeiten. Diese leide darunter, dass frische Luftmassen aus dem Pfälzerwald die Domstadt nur deutlich abgeschwächt erreichten, was auch zu den rund um den Dom besonders heißen Sommertagen führe. Janine Friedmann, Sprecherin der Stadtverwaltung, nennt als Beispiele für städtische Eingriffe den geplanten Umstieg auf Elektrobusse für den öffentlichen Personennahverkehr (wahrscheinlich 2025) und beim Schiffsanleger der Verkehrsbetriebe am Rhein auf Landstromversorgung. Ein förmlicher Luftreinhalteplan werde in Speyer wahrscheinlich auch in Zukunft nicht vorgelegt werden, sagt LfU-Referatsleiter Weißenmayer. Er wäre bei längeren Überschreitungen der EU-Grenzwerte erforderlich und hat in der Vergangenheit in etlichen Städten etwa zur Ausweisung von Umweltzonen geführt. In Speyer werde er wohl auch mit den verschärften EU-Grenzwerten nicht erforderlich sein: „Auch die neun anderen Messwerte sind okay.“ Für Städte wie Mainz, Koblenz oder Ludwigshafen sei aber Handlungsbedarf absehbar.
Im Netz
Feinstaub-Statistik: https://www.eea.europa.eu/en/topics/in-depth/air-pollution/european-city-air-quality-viewer
weitere Messwerte: http://luft.rlp.de

