Unternehmen RHEINPFALZ Plus Artikel BASF: Chancen in China größer als Risiken

Ludwigshafen solle der Vorzeigestandort einer klimaneutralen Chemieproduktion in Europa werden, sagte am Donnerstag BASF-Chef Ma
Ludwigshafen solle der Vorzeigestandort einer klimaneutralen Chemieproduktion in Europa werden, sagte am Donnerstag BASF-Chef Martin Brudermüller.

Der Ludwigshafener Chemiekonzern spüre zurzeit starken Gegenwind, sagte Martin Brudermüller vor Tausenden Aktionären. Vorstand und Aufsichtsrat mussten sich unter anderem deutliche Kritik am Kursniveau der BASF-Aktie anhören. Der Vorstandsvorsitzende erläuterte den Anteilseignern, was das Unternehmen jetzt vorrangig tun muss.

Martin Brudermüller sieht die BASF in stürmischen Zeiten. Die Chemieindustrie stehe vor allem in Europa und Deutschland vor großen Belastungen, sagte der Vorstandsvorsitzende des Ludwigshafener Chemiekonzerns in seiner Rede vor rund 5000 Aktionären im Kongresszentrum Rosengarten in Mannheim. Die Anteilseigner waren am Donnerstag zum ersten Mal nach drei Jahren wieder physisch zusammengekommen. Von 2020 bis 2022 hatten die Hauptversammlungen des Chemiekonzerns wegen der Pandemie virtuell stattgefunden, wurden also über das Internet übertragen.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine sorge für unermessliches menschliches Leid, sagte Brudermüller weiter, und habe auch erhebliche wirtschaftliche Folgen: drastisch gestiegene Energie- und Rohstoffpreise, hohe Inflation, eine sich abschwächende Nachfrage der Verbraucher, eine intensive, weitreichende und einschränkende Regulierung in Europa. Hinzu komme, so der BASF-Chef, die globale Transformation zur Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft, die er „eine Jahrhundertaufgabe“ nannte. Die BASF müsse klimaneutral gemacht werden und zugleich profitabel wachsen.

„Schmerzhafte Schritte“

Es gebe Realitäten, denen sich der Konzern stellen müsse. Die Chemiemärkte in Europa und Amerika wüchsen kaum noch. Asien-Pazifik dagegen, insbesondere China, lege deutlich zu. Deshalb müsse die BASF ihr Geschäft in Asien ausbauen, um regional ausgewogen aufgestellt zu sein. Das sei vor allem für Europa schmerzlich, sagte Brudermüller.

Der BASF-Chef erläuterte fünf Punkte, die jetzt vorrangig seien für den Konzern. Die Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandskraft in Europa und Deutschland müsse gestärkt werden. Der Kontinent leide schon seit Jahren an einem schwachen Marktwachstum. Dazu komme eine überbordende Regulierung. Deshalb habe die BASF kürzlich angekündigt, jährlich 500 Millionen Euro außerhalb der Produktion einzusparen. Etwa die Hälfte davon soll der Standort Ludwigshafen stemmen. Zudem würden insbesondere in Ludwigshafen Produktionsanlagen geschlossen, deren Betrieb dem Unternehmen nicht mehr aussichtsreich erscheint. Das seien schmerzhafte Schritte, sagte Brudermüller, bekräftigte aber auch: „Ludwigshafen soll der Vorzeigestandort einer klimaneutralen Chemieproduktion in Europa werden.“

4200 Stellen betroffen

Nach bisherigen Angaben sind von beiden Maßnahmen zusammen 4200 Stellen betroffen, vor allem in Ludwigshafen. Das Sparprogramm betrifft 3500 Stellen außerhalb der Produktion, von denen aber 900 an andere Standorte verlagert werden, vor allem nach Berlin und nach Madrid. Die übrigen 2600 Stellen werden ersatzlos gestrichen. Auf Ludwigshafen entfallen davon 1800. Zudem legt der Konzern mehr als neun Großanlagen im Stammwerk still. Betroffen davon sind weitere 700 Stellen. Für die betroffenen Mitarbeiter sollen Stellen in anderen Betrieben der BASF gefunden werden. Eine Standortvereinbarung für das Stammwerk schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025 aus.

Als zweite Priorität, so Brudermüller, gelte es in Wachstumsmärkte zu investieren. Das heißt für den Vorstandsvorsitzenden vor allem: weiterhin hochprofitabel wachsen in China. Dort wird im Süden des Landes in Zhanjiang ein neuer Verbundstandort für 10 Milliarden Euro errichtet. Dieser Standort soll „Vorreiter für Nachhaltigkeit“ werden und vom ersten Tag an mit 100 Prozent Grünstrom betrieben werden. Die geopolitischen Risiken des Engagements in China habe die BASF intensiv abgewogen und sei zu dem Ergebnis gekommen: Die Chancen seien deutlich höher als die Risiken.

Brudermüllers dritte Priorität: Innovationen für eine nachhaltige Zukunft vorantreiben. Mit rund 2,3 Milliarden Euro Forschungs- und Entwicklungskosten pro Jahr sei die BASF das größte forschende Chemieunternehmen der Welt. Der vierte vorrangige Punkt: Die BASF will bis 2050 Klimaneutralität erreichen. Es sei aber eine Illusion zu glauben, dass die Dekarbonisierung unserer Gesellschaft ohne zusätzliche Kosten gelinge. Die notwendigen hohen Investitionen in Anlagen und Technologien müssten einen Ertrag abwerfen – sonst erfolgten sie nicht. Geld verdiene die BASF damit noch nicht. Brudermüller sieht dafür aber in Zukunft einen profitablen Markt.

Kritik am Aktienkurs

Als fünfte Priorität wolle die BASF Vorreiter bei CO2-armen und CO2-freien Produkten bleiben. Der Konzern gehe davon aus, dass 2030 die Nachfrage nach CO2-freien Produkten größer sein werde als das Angebot.

Deutliche Kritik von Aktionärsvertretern, Fondsmanagern und Aktionären gab es unter anderem am Kurs der BASF-Aktie, der 2022 rund 20 Prozent eingebüßt hat. Die BASF schreibe hier schon länger keine Erfolgsgeschichte mehr, war zu hören. Aktionärsschützer Ulrich Hocker sprach vom „stillen Leiden der Aktionäre“ am Kurs der BASF-Aktie, die am Donnerstag etwas über 48 Euro notierte.

Weitere Kritik und Fragen gab es zum Engagement des Konzerns in China. Brudermüller entgegnete, als größter Chemiekonzern der Welt könne sich die BASF nicht aus 50 Prozent des Chemiemarktes verabschieden.

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