Landau / Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Pfälzer Kletterpionier zum Hersteller von Kletterwänden für Schulen

Norbert Schneider lebt seit 13 Jahren wieder in der Pfalz.
Norbert Schneider lebt seit 13 Jahren wieder in der Pfalz.

Er gehörte in der Pfalz zu den Pionieren des Sportkletterns. Er war Lehrer, Internatsleiter und dann einer der ersten Kletterwand-Hersteller in Deutschland. Gerade feiert Norbert Schneider seinen 77. in den Bergen. Ein Erlebnis hat sich ihm bis heute eingebrannt: die Nacht, in der er am Mont Blanc dem Tod ins Auge blickte.

Ob Jahnsporthalle Landau, Landesgartenschaugelände oder Nardinischule Germersheim: Auf die Kletter- und Boulderwände aus der Schmiede von Norbert Schneider trifft man allerorts in der Region. Heute ist die Herstellung professionalisiert. Als er die Firma Griffit zusammen mit seiner damaligen Frau Anfang der 1990er gründete, war die Idee so neu, dass das Paar alle Griffe noch von Hand töpfern musste. Der 77-Jährige zählte zu den Kletterwand-Pionieren in Deutschland. Er war Ende 40, als er sich den Traum erfüllte, seinem Leben noch mal einen anderen Dreh zu geben und den Lehrerberuf an den Nagel hängte.

Immer hoch hinaus ging es für den gebürtigen Speyerer in den 1960er- und 1970er-Jahren.
Immer hoch hinaus ging es für den gebürtigen Speyerer in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Doch das Klettern stand und steht über allem, die Berge werden Schneider wohl nie loslassen. Kein Wunder, dass er seinen 77. Geburtstag am Montag in den Schweizer Alpen bei Davos feiert. 60 Jahre zuvor trat er in den Deutschen Alpenverein ein und mauserte sich alsbald zu einem der wagemutigsten Pfälzer Kletterer der damaligen Zeit. In Speyer aufgewachsen, schloss er sich dort mit 17 Jahren einer Gruppe von Kraxlern an, die regelmäßig im Dahner und Hauensteiner Felsenland unterwegs war. „Wir haben uns langsam hochgearbeitet und ab 1964 auch schwere Touren in Südfrankreich und später in den Alpen und Dolomiten gemacht“, berichtet Schneider.

Jacke gefriert in Biwak

Richtig Blut leckte der junge Pfälzer, als er sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete, um zu den Gebirgsjägern nach Berchtesgaden zu kommen. „Ende der 60er, Anfang der 70er war unsere Speyerer Gruppe richtig stark. Wir durchstiegen 1200 Meter hohe Wände“, erinnert sich Schneider. Damals habe man das Klettern nur durch das Klettern selbst gelernt, systematisches Training wie heute habe es nicht gegeben. Und die Ausrüstung sei natürlich auch sehr einfach gewesen: 40-Meter-Seile, Eisenkarabiner, schwere Kletterschuhe und Baumwollkleidung, die sich bei Feuchtigkeit vollsaugte. „Wenn wir morgens aus dem Biwak kamen, konnte man die Jacke hinstellen, so gefroren war sie“, erzählt er schmunzelnd.

Am Mont Blanc entging Norbert Schneider nur knapp einem Unglück.
Am Mont Blanc entging Norbert Schneider nur knapp einem Unglück.

Ab 1970 studierte er Sport in Saarbrücken. Zu jener Zeit war er Teil einer Expedition, die zu fünft den nadelartigen Gipfel des Aiguille du Plan im Mont-Blanc-Massiv erklimmen wollte. Neun bis zehn Stunden reine Felswand stand ihr bevor. „Diese Tour haben wir nur haarscharf überlebt. Zehn Bergsteiger sind in dieser Nacht am Mont Blanc gestorben“, verdeutlicht Schneider die Dramatik. Denn es kam zu einem Wettersturz. Regen, Schnee, Gewitter. Da hatten die beiden Seilschaften schon Zweidrittel der Ostwand durchstiegen. Für eine Umkehr war es zu spät. „Wir sind immer wieder gestürzt und ein paar Meter runtergefallen. Der Donner hat uns fertig gemacht. Es war ein Inferno.“ Noch in den Ohren liegt ihm das elektrische Brummen der Karabiner. Immer wieder sei der Blitz in den Gipfel eingeschlagen und über die Feuchtigkeit am Berg abgeleitet worden, sodass die Kletterer Stromschläge abbekamen. „Keiner hat gedacht, dass wir da rauskommen.“

Zehn verkohlte Bergsteiger-Leichen

150 Meter unter dem Gipfel verbrachte das Quintett eine „fürchterliche Nacht“ im Biwaksack auf einem ein Meter breiten Felsband. Der herabfallende Schnee sei über die Eiswand immer wieder auf ihr notdürftiges Lager gerutscht. „Wir mussten ihn nachts wegmachen, sonst hätte er uns von der Felsleiste in den Abgrund weggedrückt.“ Doch der nächste Morgen brachte wieder Aufhellung. Trotz der Todesängste wenige Stunden zuvor ließ sich die kühne Gruppe den Gipfel nicht entgehen. Aber es hätte auch anders enden können. Nach jener Nacht wurden zehn verkohlte Leichen aus der Berggruppe geholt.

Das Biwak am Mont Blanc.
Das Biwak am Mont Blanc.

Ans Aufhören habe er trotzdem nie gedacht. „Das Erlebnis wird sofort verarbeitet – oder verdrängt – und man macht weiter.“ Selbst wenn jemand aus seinem engeren Kreis umgekommen wäre, hätte ihn das nicht vom Klettern abgeschreckt, gesteht er. Klettern sei zu jener Zeit kein Sport, sondern ein Bergabenteuer gewesen. „Es gab damals nur wenige, die sich in solch unbekanntes Terrain getraut haben. Und dafür durfte man keine Angst haben.“

Bis heute baut Firma Griffit Kletterwände

Nach seinem Studium wagte er Expeditionen in Peru und Grönland, hatte sich dann aber einer anderen Bestimmung verschrieben: junge Menschen an den Sport – natürlich besonders an das Klettern – heranzuführen. Durch Zufall kam er 1974 an die Merz-Schule, die einen Internatsleiter suchte. Die Privatschule bei Stuttgart verfolgt das Anliegen einer ganzheitlichen Bildung. Heute gehört sie dem Verbund „Eliteschule des Sports“ an. Das Fundament dafür wurde früh gelegt. In den 1960ern war die Merz-Schule eine der ersten deutschen Schulen, die einen eigenen Sportplatz hatte. 25 Jahre prägte Schneider als Internatsleiter und danach als Fachbereichsleiter für Sport die Jugend mit seiner Bergleidenschaft. Er gründete eine Klettergruppe, unternahm schwierige Touren mit den jungen Leuten in den Alpen und sorgte dafür, dass in Stuttgart 1989 die erste Kletterwand an einer deutschen Schule installiert wurde.

Landrat Fritz Brechtel testet die Kletterwand in der Nardinischule in Germersheim.
Landrat Fritz Brechtel testet die Kletterwand in der Nardinischule in Germersheim.

Diese kam noch aus Frankreich. Aber bald legte Schneider zusammen mit seiner damaligen Frau selbst Hand an. In einer Zwölf-Qudratmeter-Werkstatt bestückten sie Platten mit selbst hergestellten Griffen, deren Rezeptur aus Kunstharz und Sand sie durch Probieren entwickelten. „Ich hab’ dem Schulleiter gesagt: Ich will was Neues machen.“ Und so wurde aus einer Handwerker-Idee bald eine Firma, die seit rund 30 Jahren in ganz Deutschland Kletterwände für Schulen, Vereine und Therapiezwecke baut. Durch Schneiders Umzug zurück in die Pfalz – seit 2010 lebt er in Landau – kamen etliche Projekte in der hiesigen Region hinzu. „Aber wir werden die Firma so langsam auslaufen lassen, wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten“, sagt der 77-Jährige, um gleich nachzuschieben: „So ganz können wir noch nicht loslassen.“ So ergeht es ihm auch mit dem Klettern. Auch wenn ihn eine Hüft-OP zurückgeworfen habe, „Klettern im Schwierigkeitsgrad fünf und sechs geht noch“.

Für das LGS-Gelände in Landau hat Schneiders Firma Griffit die Boulderwand gebaut.
Für das LGS-Gelände in Landau hat Schneiders Firma Griffit die Boulderwand gebaut.
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