Meinung
BASF und China: Die Chemie stimmt nicht
Es fühlt sich an wie das Ende einer Liebe, was in diesen Tagen im Ludwigshafener Stammwerk der BASF passiert. Gekriselt hatte es schon lange in der Aniliner-Familie. Doch die Ankündigung vergangene Woche, 2600 Stellen ersatzlos zu streichen, war für viele ein Schock. Die Verunsicherung angesichts des massiven Stellenabbaus ist groß bei den Mitarbeitern und ihren Familien.
Dass dem BASF-Vorstand ein Rosenkrieg droht, wurde bereits im Oktober 2022 deutlich, als Michael Vassiliadis, der einflussreiche Chef der Chemie-Gewerkschaft IGBCE, mit harten Worten öffentlich auf Distanz zu Konzernchef Martin Brudermüller ging. Als „maximal instinktlos“ hatte Vassiliadis den damals angekündigten Arbeitsplatzabbau am Standort Ludwigshafen bezeichnet. Der BASF warf er „Management zulasten Dritter“ vor. Harsche Töne für jemanden, der sich bis dahin nicht unbedingt durch Kritik am Kurs der Konzernführung hervorgetan hatte.
Da helfen auch Treueschwüre Brudermüllers zur BASF-Herzkammer in Ludwigshafen wenig, das Vertrauen der Pfälzer Belegschaft in ihre Anilin bröckelt. Das liegt nicht nur an der China-Begeisterung ihres Chefs, sondern auch daran, dass Brudermüller bislang eine Antwort schuldig geblieben ist, wie das Stammwerk zukunftsfest gemacht werden soll. Statt in neue klimaneutrale Produktionsmethoden vor Ort zu investieren, fließt das Geld in die rund zehn Milliarden Euro teure Chemiefabrik im chinesischen Zhanjiang – es ist die größte Einzelinvestition seit der Unternehmensgründung im Jahr 1865.
Wo ist die kritische Distanz zum China-Geschäft?
Die Begeisterung für immer riskantere Großinvestitionen im Reich der Mitte reicht weit zurück. Ohne Brudermüllers Vorvorgänger Jürgen Hambrecht wäre der Grundstein für den BASF-Verbundstandort in Nanjing wohl nie gelegt worden. Auch in den Jahren danach wurde der BASF-Chef und spätere Aufsichtsratsvorsitzende nicht müde, die Effizienz des chinesischen Systems zu loben. Allerdings wirkt Hambrechts Beziehung zu China rückblickend wie eine harmlose Schwärmerei, während man Brudermüller wohl eher als liebestrunken bezeichnen könnte. Was die Frage aufwirft, ob der Vorstandsvorsitzende überhaupt noch über kritische Distanz zum China-Geschäft verfügt – aber solche Kritik ist in den Augen Brudermüllers sowieso nur „China-Bashing“.
Dabei ist die Realität, in der wir heute leben, längst eine andere als noch zu Hambrechts Zeiten. Gerade erst musste der Ludwigshafener Chemiekonzern auf die harte Tour lernen, was es bedeuten kann, sich mit einem autoritären System einzulassen. Man sei in Russland „faktisch enteignet“ worden, musste der Vorstandschef von Wintershall Dea, Mario Mehren, vergangene Woche einräumen. Trotzdem spielt Brudermüller die Risiken des China-Engagements herunter. Vielleicht mag es im Moment noch so aussehen, als seien die Wachstumschancen für BASF auf dem größten Chemiemarkt der Welt am besten. Aber das kann sich von einem auf den anderen Tag ändern, sollte China seine Drohung, Taiwan anzugreifen, in die Tat umsetzen.
Die meisten deutschen Firmen sind vorsichtiger
Brudermüller geht mit China ein zu großes Risiko ein. Politische Szenarien scheinen für seine Konzern-Strategie keine Rolle zu spielen. Aber diese mitzudenken ist unverzichtbarer Bestandteil der Arbeit eines CEO in einem Weltunternehmen. Während sich die meisten deutschen Konzerne gegenüber dem Reich der Mitte inzwischen eher vorsichtig verhalten, macht sich die BASF immer abhängiger. Es ist eine Wette auf fette Gewinne – bei der Brudermüller am Ende als Verlierer dastehen könnte.
Selbst, wenn es nicht zu einer Eskalation im Taiwan-Konflikt kommt, dürften deutsche Konzerne in den kommenden Jahren öfter zwischen die Fronten geraten, weil sich die China-Politik der EU-Staaten neu orientiert und man in Europa stärker als früher bereit ist, auch Konflikte in Kauf zu nehmen. Die geopolitischen Spannungen steigen und die BASF wird sich entscheiden müssen, mit wem sie Geschäfte macht. Eine Scheidung von China würde teuer werden und zulasten der Mitarbeiter in Ludwigshafen gehen.
Kritik am China-Kurs ist unerwünscht
Was mit Managern bei der BASF passiert, die Kritik an der China-Strategie des Konzerns üben, hat nun das Beispiel Saori Dubourg gezeigt. Immer wieder soll sich die Vorständin gegen den Ausbau des Standortes China ausgesprochen haben. Jetzt verlässt sie das Unternehmen. Was sagt es über die Kultur innerhalb der BASF aus, wenn kritische Stimmen lieber mundtot gemacht werden statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen?
Der Weggang der Top-Managerin macht deutlich, dass man beim Ludwigshafener Chemiekonzern lieber Ja- statt Nein-Sager um sich schart. Das ist bitter. Denn wenn sich niemand mehr traut, den Mund aufzumachen, entscheidet am Ende nur noch einer, wo es langgeht. Und Brudermüller ist nach China unterwegs.
Für einen Kurswechsel braucht es einen Externen
Bei der BASF stimmt die Chemie nicht mehr. Jahrzehntelang kamen Vorstandsvorsitzende aus den eigenen Reihen und wurden später Aufsichtsratschefs. Die Führungsetage war ein hermetisch verschlossener Raum, in den frische Luft und neues Denken nicht hineinkamen. Wer sich aber immer nur selbst bestätigt, wird blind für das, was draußen passiert.
In einem Jahr wird Brudermüller seinen Posten räumen. Für den dringend benötigten Kurswechsel sollte der neue CEO, entgegen der BASF-Tradition, diesmal nicht aus dem inneren Zirkel des Konzerns kommen. Aber das würde eine positive Fehlerkultur im Unternehmen voraussetzen – und davon ist man bei BASF noch Lichtjahre entfernt.