BASF RHEINPFALZ Plus Artikel BASF: Produktionsverlagerung nach Antwerpen kaum möglich

Vor dem BASF-Werk in Antwerpen (von link): Floris Mackor, Commercial Direktor Air Liquide auf dem BASF-Standort, Ministerpräside
Vor dem BASF-Werk in Antwerpen (von link): Floris Mackor, Commercial Direktor Air Liquide auf dem BASF-Standort, Ministerpräsidentin Malu Dreyer,Jan Remeysen, Standortchef BASF Antwerpen und der stellvertretende deutsche Botschafter in Belgien, Volker Timmermann.

Anders als in Deutschland ist die Gasversorgung in Belgien zuverlässig. Dennoch schließt die BASF eine Verlegung größerer Teile der Produktion aus.

Anilin und Soda produziert die BASF an ihrem Standort in Antwerpen. „Eigentlich müsste es ,Belgische’ statt ,Badische Anilin- und Sodafabrik’ heißen“, scherzt Standortchef Jan Remeysen in einwandfreiem Deutsch mit belgischem Akzent, als er am Montag eine Delegation aus Rheinland-Pfalz bei einer Rundfahrt über das Werksgelände führt. Das Herzstück ist ein Steamcracker; die zahlreichen Rohrverbindungen sind untrügliches Zeichen für einen chemischen Verbundstandort. Es ist der zweitgrößte der BASF in Europa nach dem Werk in Ludwigshafen, aber durchaus sehr viel kleiner. 3600 Frauen und Männer arbeiten bei BASF Antwerpen, in der Pfalz sind es fast zehnmal so viele. Aus Rheinland-Pfalz ist Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gekommen, die sich über das Thema Wasserstoff in Belgien und insbesondere bei BASF ein Bild machen will. Das Nachbarland sei hier deutlich weiter als Deutschland, sagt sie.

Ihre Ampelregierung in Mainz hat im Koalitionsvertrag 2021 eine Wasserstoffstrategie vereinbart. Noch in diesem Jahr werde vorgelegt, wie sie aussehen soll, stellt Dreyer in Aussicht.

Preise auch in Belgien gestiegen

Doch ein anderes Thema ist gerade noch dringender: die Gasversorgung. Anders als Deutschland hat Belgien vor dem Ukraine-Krieg nur 6 Prozent seines Erdgases aus Russland erhalten. Doch auch dort steigt der Preis wie überall in Europa steil an. Schon im September 2021, also fast ein halbes Jahr vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine, hat die BASF wegen des hohen Gaspreises an ihren Standorten in Ludwigshafen und in Antwerpen die Ammoniakproduktion reduziert, wie das Unternehmen mitteilte. Der belgische Standortchef Remeysen sagte, dass die Kundennachfrage dennoch bedient werde, unter anderem durch zugekauften Ammoniak. Der Stoff wird für die Düngemittelproduktion verwendet, die weltweit ebenfalls eingebrochen ist.

Während sich ganz Deutschland sorgt, ob im Winter überhaupt ausreichend Gas fließen wird, ganz unabhängig davon, wie teuer es bezahlt werden muss, ist in Belgien die Versorgung mengenmäßig gesichert. „Derzeit erfolgt die Belieferung mit Erdgas an allen europäischen Standorten der BASF bedarfsgerecht“, heißt es aus der Pressestelle des Konzerns. Es werden weiterhin stark schwankende Preise auf hohem Niveau erwartet. Je nach Situation könnten „Anpassungen in den Wertschöpfungsketten“ erfolgen, heißt es, ohne konkret zu werden.

„Wir brauchen den blauen Wasserstoff“

Wäre eine Produktionsverlagerung von Ludwigshafen nach Antwerpen denkbar? „Ludwigshafen ist der mit Abstand größte Standort in der BASF-Gruppe und hat deutlich längere Wertschöpfungsketten als zum Beispiel Antwerpen. Deshalb könnte allenfalls ein kleiner Teil der Produktion von Ludwigshafen durch Antwerpen kompensiert werden“, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung. Auch der Standortchef in Belgien winkt ab.

Ebenso wie für BASF in Ludwigshafen ist für den Standort Antwerpen Wasserstoff wichtig als Rohstoff zur Chemikalienproduktion – nicht als Brennstoff. Am Ende des Jahrzehnts, so Standortchef Jan Remeysen, soll grüner Wasserstoff produziert werden. Das setzt enorme Mengen Strom aus regenerativen Quellen voraus, mit dem der Wasserstoff mittels Elektrolyse gewonnen wird. „Den haben wir noch nicht. Wir brauchen den blauen Wasserstoff auf dem Weg dahin“, sagt Remeysen. Für die Produktion von „blauem“ Wasserstoff werden nach wie vor fossile Energien eingesetzt, aber das CO2, das dabei anfällt, wird abgeschieden, verflüssigt und in einem ehemaligen Gasfeld in der Nordsee verpresst. Eine „Abfanginstallation“ für das Abscheiden von CO2 wird bald in Antwerpen gebaut, die Vorbereitungen für die Baustelle sind bereits am BASF-Standort zu sehen.

Das Abscheiden und Verpressen von Kohlendioxid ist vor einigen Jahren auch in Deutschland diskutiert worden, es blieb als Beitrag zum Klimaschutz heftig umstritten. Inzwischen gibt es keine öffentliche Debatte mehr darüber. Auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer will sich dazu nicht äußern. Es sei derzeit kein Thema, sagt sie auf die Frage, wie sie zu dieser Technik stehe.

Terminal ist ausgelastet

In Belgien dagegen ist das Verpressen Teil der Dekarbonisierungsstrategie. Das Unternehmen Fluxys, Betreiber des LNG-Terminals in Zeebrügge, das auch am Bau des geplanten Terminals im norddeutschen Stade beteiligt ist, will in wenigen Jahren neue Pipelines zu wichtigen Industriestandorten bauen oder bestehende umwidmen. Darin soll je eine Wasserstoff-Versorgungsleitung liegen und eine Entsorgungsleitung für den Abtransport von CO2. Derzeit werde geprüft, welche Kunden Interesse daran haben. Mitte 2026 soll es losgehen, sagt Fluxys-Sprecher Laurent Remy beim Termin der Rheinland-Pfälzer auf dem streng gesicherten Betriebsgelände.

Einstweilen ist des Terminal begehrt, weil dort Schiffe zum Beispiel aus den USA mit LNG, also verflüssigtem Erdgas, ankommen. Bis Juli waren es in diesem Jahr schon mehr als im ganzen Jahr 2021, sagt Remy. Das Terminal sei ausgelastet, aber für den einen oder anderen zusätzlichen Slot gebe es noch Kapazitäten, signalisiert er in Richtung Deutschland.

Pipeline durch die Westpfalz

Auch im Hafen von Antwerpen wird auf die Wasserstoffstrategie 2030 verwiesen und auf die Bedeutung für Europa. Wim Dillen, der Manager für die internationale Entwicklung des Hafens, sagt Ministerpräsidentin Dreyer, dass sie nach Hendrik Wüst (CDU), dem Regierungschef aus Nordrhein-Westfalen, und Bodo Ramelow (Linke), dem Ministerpräsidenten von Thüringen und amtierenden Bundesratspräsidenten, bereits die dritte Regierende eines deutschen Bundeslandes sei, die in diesem Jahr den Hafen in Antwerpen besuche.

20 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases werden nach Angaben der Staatskanzlei über Belgien angeliefert. Eine Pipeline führt durch die Westpfalz, Erweiterungen seien nötig. Das Bundesland selbst kann in dieser Frage nicht tätig werden, aber auf die Bundesregierung einwirken. Dreyer kündigte Gespräche an.

Rheinland-Pfalz gehört zu den Gas-Großverbrauchern in Deutschland. Der Verbrauch lag 2020 bei knapp 74 Terawattstunden, die Hälfte davon verbraucht alleine die BASF.

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