Coronavirus
Wie gefährlich die britische Mutante ist
Auf den ersten Blick hört sich das Ganze dramatisch an: Die britische Variante des Coronavirus erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Covid zu sterben, um 64 Prozent. Das hat ein britisches Team um den Mathematiker Robert Challen von der University of Exeter herausgefunden.
Die Studie ist gut durchdacht. Und die Zahlen, mit denen die Forscher im Fachblatt „The BMJ“ aufwarten, sind beeindruckend: Die Daten von über 100.000 Corona-Positiven wurden ausgewertet. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail. Womit die Veröffentlichung sehr transparent umgeht. Viele Journalisten leider nicht.
Die um 64 Prozent größere Gefährlichkeit des britischen Virus bezieht sich auf das relative Risiko – ein Wert, der in der Wissenschaft gern benutzt wird, um die Bedeutung eines Forschungsergebnisses herauszustreichen. Die seriösere Kennziffer aber ist das absolute Risiko: Es erhöht sich der Studie zufolge von 2,5 auf 4,1 Todesfälle pro 1000 entdeckten Corona-Infektionen. Und bleibe damit „niedrig“, wie die Forscher bemerken.
Überlastete Kliniken
Aufgespürt haben die Experten aus Exeter den ansteckenderen Sars-CoV-2-Ableger mit einem PCR-Test, der bei der britischen Mutante am Stachel nichts anzeigt, während er beim ursprünglichen Corona-Erreger anschlägt. Das ist ein wenig problematisch. Denn außerhalb Englands lassen sich alte und neue Variante damit nicht so eindeutig auseinanderhalten. Ob das deshalb auch im Vereinigten Königreich die zuverlässigste Methode ist, bleibt ein Stück weit offen.
Zu kämpfen hat die Untersuchung außerdem damit, dass im Beobachtungszeitraum zwischen Anfang Oktober und Mitte Februar in England die Corona-Welle ihren Höhepunkt erreichte. Zum Teil könnte daher die höhere Sterblichkeit auf die Überlastung des Krankenhauspersonals und der Kliniken zurückzuführen sein.
Das haben die Fachleute herauszurechnen versucht, indem sie immer nur Patienten miteinander verglichen, die in ähnlichen Einrichtungen der gleichen Region behandelt wurden. Doch ob die Todesrate in Ländern mit einer besseren medizinischen Versorgung genauso hoch wäre wie in England, das lässt sich auf diese Weise nicht ermitteln. Dafür braucht es internationale Vergleiche.
Höhere Virenlast
Letztlich kann niemand genau sagen, ob es die Mutante selbst ist, die gefährlicher ist, oder ob die höhere Virenlast, die offenbar mit ihr einhergeht, für den leichten Anstieg der Todesfälle verantwortlich ist. Und auch hier wird es unscharf: Denn eine höhere Virenlast hat in der Regel auch der, der später zum Testen geht.
Allerdings beharren die Wissenschaftler darauf, dass es einen Effekt gebe, „der sich durch die Virenlast allein nicht erklären lässt“.
Nicht ausschließen wollen Robert Challen und Kollegen, dass die Auswahl der Teilnehmer die Resultate verzerrt. So konnte ihre Arbeit nur 26 Prozent aller Covid-Toten in Großbritannien erfassen. Eine sichere Unterscheidung zwischen dem ursprünglichen Erreger und der neuen Corona-Variante war lediglich in 30 Prozent der Fälle möglich.
Wenn zudem der Anteil der unentdeckten, symptomlosen Mutantenträger unter den Teilnehmern größer ist als der Anteil derjenigen, bei denen man das gängige Virus entdeckt hat, würde es in der Grafik so aussehen, als stürben Mutantenträger häufiger, räumen die Forscher ein. Das Sterblichkeitsrisiko hängt darüber hinaus genauso ab von den Vorerkrankungen der Patienten. Solche Informationen waren nicht vorhanden.
Mehr Mortalität bei Infizierten ab 30
Interessant ist die Auswertung der University of Exeter aber trotzdem, weil sie jüngere Altersgruppen ab 30 untersucht hat: Dass ausgerechnet in dieser Kohorte die Mutante scheinbar ein klein wenig tödlicher agiert, lässt zumindest aufhorchen. Denn das Alter ist der größte Risikofaktor für einen bösen Covid-Verlauf. Umgekehrt kann man die britische Studie aber nicht auf die Hochrisiko-Patienten jenseits der 70 beziehen, denn die hat sie nicht erfasst.
Ähnlich behutsam sollte man mit den Ergebnissen einer anderen Veröffentlichung der Technischen Universität und des Helmholtz Zentrums München umgehen, worauf die Forscher im Fachblatt „PNAS“ selbst aufmerksam machen. Sie haben einen statistischen Zusammenhang gefunden zwischen dem Pollenflug und erhöhten Infektionsraten.
Das 154-köpfige Team um Athanasios Damalis von der TU München hat die Daten von 130 Messstationen in 31 Ländern auf fünf Kontinenten ausgewertet und mit dem Ausbreitungsgeschehen des Erregers in der Pandemie verglichen. Ergebnis: Womöglich lassen sich 44 Prozent der Unterschiede bei den Ansteckungen mit dem Pollenflug erklären.
Pollen schwächen das Immunsystem
An Orten ohne Lockdown kletterte demnach die Infektionsrate im Schnitt um 4 Prozent, wenn sich die Anzahl der Pflanzensamen in der Luft um 100 Pollen pro Kubikmeter erhöhte. In manchen deutschen Städten flogen im Frühjahr 2020 zeitweise bis zu 500 Pollen pro Kubikmeter, was zu einem Anstieg der Ansteckungszahlen um über ein Fünftel führte. Gab es Lockdowns, halbierten sich die Infektionen bei gleicher Pollenzahl.
Der Grund für die größere Anfälligkeit gegenüber Sars-CoV-2 sei das geschwächte Immunsystem, sagen die Forscher. Und zwar unabhängig davon, ob jemand an einer Allergie leidet oder nicht. Der Organismus ist mit dem Blütenstaub vollauf beschäftigt und produziert deshalb weniger Interferone – Botenstoffe zur Virenabwehr. Sind viele Samen in der Luft, gibt es mehr Atemwegserkrankungen. Das gelte auch für Covid-19, erklären die Umweltwissenschaftler.
Grund zu übertriebener Sorge ist das alles nicht, wie die Münchner Experten in ihrem Papier sehr deutlich machen. Obwohl sich überall ein Effekt zeigte, den der Pflanzensamen auf die Corona-Infektionen hatte, „war die Größe dieses Effekts doch klein, was darauf hindeutet, dass der Pollen nur einer von mehreren Umweltfaktoren ist“, schränkt das internationale Team ein.
Keine Viren auf den Samen
So gibt es keine Informationen darüber, wie viele Allergiker sich im vergangenen Frühjahr tatsächlich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Die Zeit, zu der auf der nördlichen Halbkugel der meiste Blütenstaub unterwegs war, konnte nicht komplett erfasst werden, weil die Untersuchung Anfang April 2020 endete – bevor die meisten Lockdowns richtig durchschlugen. Und die Datenerhebung auf der Südhalbkugel fand meist außerhalb der Pollensaison bei einem noch geringen Infektionsgeschehen statt.
Insofern sollten die Ergebnisse mit Vorsicht kommuniziert werden, raten die Wissenschaftler, „um Missverständnisse und Panik zu vermeiden“. Zwar habe der Pollenflug das Potenzial, die Infektionszahlen um 10 bis 30 Prozent hochzutreiben. Aber es gebe keine Hinweise darauf, dass die Virenpartikel auf den Pflanzensamen sitzen und mit ihnen mitreisen. Und wo kein Kontakt zum Erreger, da auch keine Ansteckungsgefahr.
Pollen hätten einen Effekt, wenn überhaupt, dann im Frühjahr – wenn die kühleren Temperaturen draußen noch nicht ausreichten, um das Virus schnell auszutrocknen und zu stoppen, und wenn viele Pflanzensamen unterwegs seien. Hier könne man sich gut mit FFP2-Masken schützen, beruhigt die Veröffentlichung.
Die Macht des Wetters
Doch schon ein Regenguss, der die Luft reinwäscht, oder ein nasses oder ein sehr warmes Frühjahr bringen die Studienergebnisse ins Wanken. Und draußen sind die Aerosolkonzentrationen sowieso in der Regel nicht sehr hoch. Wir infizieren uns in geschlossenen Räumen. Auch hier helfen eine FFP2-Maske, Hände waschen, Lüften und ein wenig Abstand.
Das gilt für die britische Mutante ganz genauso.