Psychologie
Wenn Schriftdeuter Bewerber aussieben
Obwohl alle Kinder die gleichen Buchstaben lernen, schreibt jeder anders. Bis ins Erwachsenenalter verändert sich die Handschrift meistens sehr. Danach bleibt sie bis auf Nuancen praktisch unverwechselbar.
Das macht sich die Forensik zunutze: Sachverständige können feststellen, ob zwei Schriftstücke vom selben Verfasser stammen oder ein Fälscher am Werk war, indem sie zum Beispiel Größe, Neigung und Druckstärke der Lettern vergleichen. Doch die Graphologie glaubt, aus der Handschrift noch mehr herauslesen zu können – die Persönlichkeit.
Eine klassische Berufsausbildung in der Graphologie gibt es nicht. Doch ihre Anhänger sind überzeugt, dass Handgeschriebenes auf das Wesen des Schreibers schließen lässt. Sie bieten ihre Dienste etwa Firmen an, um passende Bewerber zu finden.
Der Berufsverband geprüfter Graphologen wirbt auf seiner Website, professionelle Handschriftenleser könnten Persönlichkeitsstörungen, Intelligenz und Kreativität, soziale Kompetenzen und Führungsqualitäten, Belastbarkeit, Ehrlichkeit und Loyalität aus den Schriftproben ablesen. Eine gewagte Behauptung.
Inzwischen eher psychologische Tests
Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts gab es vereinzelt Deutungen von Geschriebenem. Die Graphologie mit wissenschaftlichem Anspruch begründete der französische Priester Jean-Hippolyte Michon. 1875 veröffentlichte er ein Analysesystem.
Der deutsche Psychologe Ludwig Klages machte die Graphologie in Deutschland bekannt. 1917 erschien sein Buch „Handschrift und Charakter“, in dem er umfangreiche Deutungstabellen abdruckte. Seiner Ansicht nach zerren seelische Kräfte und Gegenkräfte an der Schrift. Als Abbild dieser Kämpfe gewähre sie Einblick in das Innenleben des Menschen.
Bis in die 1950er Jahre, als man Lebensläufe noch von Hand schrieb, wurde die Graphologie häufig in Bewerbungsverfahren und für forensische Gutachten vor Gericht angewendet. Als sich mehr und mehr psychologische Tests durchsetzten und die Bestimmung von Persönlichkeitsmerkmalen gewisse Qualitätskriterien erfüllen musste, verlor die Graphologie an Bedeutung. Zu Recht.
Seit 30 Jahren widerlegt
Zwar ist denkbar, dass das Schreiben – weil es vom Gehirn gesteuert wird – etwas über die Psyche verrät. Doch dass Schriftdeuter tatsächlich vom einen auf das andere schließen können, bezweifelten Efrat Neter und Gershon Ben-Shakhar von der Hebräischen Universität in Jerusalem schon vor rund 30 Jahren.
In einer Übersichtsarbeit mit 17 Studien zum Thema Personalauswahl verglichen sie die Prognosen von Graphologen mit denen von Laien und Psychologen ohne graphologisches Vorwissen. Insgesamt ging es um über 1200 Schriftstücke, aus denen man ablesen sollte, wie sich der Kandidat künftig im Job schlagen würde.
Ergebnis: Die Psychologen waren besser darin, das spätere Verhalten aufgrund von Schriftproben vorherzusagen, als die Graphologen. Die stellten sich teilweise sogar schlechter an als die Laien. Die Unterschiede waren allerdings klein und die Trefferquote insgesamt schlecht.
Es gibt keine geheimen Psychotricks
Um zu prüfen, ob nicht doch einzelne Schriftmerkmale typisch für den Charakter sind, ließ die Psychologin Barbara Gawda von der Maria-Curie-Skłodowska-Universität im polnischen Lublin forensische Schriftgutachter nach auffälligen Merkmalen in Handschriften suchen. 440 Studierende gaben eine Schriftprobe als kurzes Diktat ab und füllten einen Persönlichkeitsfragebogen aus.
Die Gutachter studierten unter anderem die Größe der Lettern, die Art der Buchstabenverbindungen, die Form der Bögen bei m und n, die Art des i-Punkts, Druckstärke und Kipprichtung sowie Anzeichen für eine zitternde Hand. Anschließend suchte die Psychologin nach Zusammenhängen zwischen diesen Schrifttypen und Persönlichkeitsmerkmalen. Doch sie fand keine.
„Menschen möchten gerne daran glauben, dass es geheime Psychotricks gibt, mit denen man andere durchschauen kann“, erklärt Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Vielen gefalle die Vorstellung, man könne etwa anhand von Augenbewegungen Lügner entlarven oder schon an der Unterschrift eine hohe Intelligenz feststellen.
Unseriöse Methoden im Personalwesen
Der Forscher beschäftigt sich mit unseriösen Methoden im Personalwesen. Die Graphologie ordnet er der Kategorie des Halbseidenen zu. Kanning zufolge beschäftigen immer noch etwa 2 Prozent der deutschen Firmen Graphologen. „Das klingt nach nicht viel, aber bei über 3 Millionen Unternehmen in Deutschland werden immer noch Tausende Menschen nach ihrer Handschrift bewertet“, kritisiert er. „In Frankreich und der Schweiz ist die Graphologie sogar noch beliebter als hierzulande.“
Die Graphologie profitiert wie die Horoskopbranche vom sogenannten Barnum-Effekt. Der besagt, dass wir vage Allgemeinplätze schnell als auf uns zugeschnitten interpretieren. Benannt ist das Phänomen nach dem amerikanischen Schausteller Phineas Taylor Barnum (1810 bis 1891), der damit warb, dass in seinem Kuriositätenkabinett für jeden Geschmack etwas dabei sei.
Der Psychologe Bertram Forer entlarvte den dahintersteckenden Hokuspokus bereits Mitte des 20. Jahrhunderts in einem mittlerweile oft wiederholten Experiment. Er gaukelte Studenten vor, sie nähmen an einem Persönlichkeitstest teil. Am Ende sollten sie auf einer Skala von 0 bis 5 bewerten, wie gut das Ergebnis auf sie zutrifft. Im Durchschnitt vergaben die Teilnehmer 4,3 Punkte. Dabei hatte jeder den gleichen Text in die Hand gedrückt bekommen. Und der enthielt Binsenweisheiten wie „manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann aber auch wieder introvertiert, skeptisch und zurückhaltend“.
Unklar, ob Frau oder Mann schreibt
Noch nicht einmal, ob eine Frau oder ein Mann geschrieben hat, ist eindeutig. „Eine sichere Aussage lässt sich darüber nicht treffen“, bekräftigt Petra Halder-Sinn. Sie war bis 2009 Professorin für Psychologische Diagnostik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Als Gutachterin für Schriftvergleich überprüft sie heute Unterschriften auf ihre Echtheit. „Allerdings finden sich unter Schreiberinnen mehr schöne und ordentliche Handschriften als unter männlichen Urhebern. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Frauen eine bessere Feinmotorik besitzen als Männer“, hat die Expertin beobachtet.
Das mit dem Schriftbild sei aber immer mehr verblasst. Mitte des 20. Jahrhunderts legte man in der Schule noch großen Wert auf Schönschrift, und dem kamen Schülerinnen eher nach als Schüler. „Nicht nur weil sie von Haus aus die bessere Feinmotorik besitzen, sondern weil es üblich war, besonders bei ihnen auf eine saubere und ansehnliche Schrift zu achten“, erklärt die Expertin.
Über das Alter allerdings kann Geschriebenes Hinweise geben. Denn präzise Handbewegungen brauchen ein gutes Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Hirnarealen, die für die Motorik zuständig sind. Wer schreibt, legt eine anspruchsvolle Bewegungskoordination an den Tag.
„Im höheren Alter können feinmotorische Störungen auftreten, die oft nur in der Handschrift, aber nicht in der Grobmotorik erkennbar sind“, sagt Halder-Sinn. Das Schriftbild erscheint dann weniger gleichmäßig. Viele Menschen schreiben im Alter außerdem größer, weil sie schlechter sehen als früher. Sehr alte Schreiber erkennt man mitunter daran, dass sie noch einzelne Lettern aus dem Sütterlin-Alphabet verwenden.
Krankheiten ändern das Schriftbild
Auch Krankheiten verändern das Schriftbild. Parkinson äußert sich vor allem in Bewegungsstörungen und führt zu kleineren Buchstaben, der sogenannten Mikrographie. Anfangs verkleinert sich das Schriftbild vor allem beim Schreiben längerer Texte. Das kann das frühe Anzeichen eines beginnenden Parkinson sein. Bei fortgeschrittenem Leiden wird die Schrift regelrecht zittrig.
Als man in den 1950er Jahren zum ersten Mal Neuroleptika zur Behandlung von Schizophrenie einsetzte, zeigte sich, dass die Medikamente bei zu hoher Dosierung parkinsonähnliche Symptome auslösten. Noch bevor man die Nebenwirkungen im Alltag wirklich erkennen konnte, machten sie sich bereits im Schriftbild bemerkbar. Der Psychiater Hans-Joachim Haase führte deshalb die Handschrift als Kriterium ein, um die passende Dosis für den Einzelnen festzulegen.
Wenn sich neurologische Störungen im Gehirn derart auswirken, verrät Geschriebenes womöglich doch etwas über den Seelenzustand. Ausgeschlossen ist das nicht. Besonders bei schweren Depressionen kommt es zu einer sogenannten psychomotorischen Verlangsamung, die sich im Gangbild niederschlägt und an der Gesichtsmimik abzulesen ist.
Depressive schreiben langsamer
Eine Studie an der Universität in München hat ergeben, dass Menschen mit massiver Niedergeschlagenheit tatsächlich langsamer schreiben als Gesunde. Dafür, dass sich Depressionen oder Suizidgedanken im Schriftbild erkennen lassen, gibt es bisher allerdings keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege.
Inzwischen geht der Graphologie mehr und mehr das Studienmaterial aus. Denn die meisten Menschen greifen immer seltener zum Stift, stattdessen tippen und wischen sie auf ihren Tastaturen und Displays. Mit der Hand zu schreiben, sogar eine Postkarte, wirkt immer altertümlicher. Heute gibt es eine Message. Vielleicht sogar nur draufgesprochen.