Technik verstehen Warum wir alle Lichtverschmutzer sind
All diese hell erleuchteten Straßenzüge, wenn es dunkel wird. Die Erde darf nie schlafen, hat man das Gefühl. Kein Wunder, bekommen die Nachtschwärmer Probleme: Fledermäuse, Insekten, verhuschte Säuger und so weiter. Aber: Zumindest die Straßenlaternen trifft die geringste Schuld an der Lichtverschmutzung, zeigt jetzt eine Studie aus Deutschland, den Vereinigten Staaten und Irland, geleitet vom Deutschen GeoForschungsZentrum.
Wie viel von dem Licht, das die Satelliten aus dem All registrieren, wenn sie auf den Planeten blicken, stammt wirklich von Straßenlaternen? Das wollten die Forscher wissen und haben sich Tucson ausgesucht im US-Bundesstaat Arizona. Dort hat man nämlich gute Chancen auf einen klaren Himmel, denn in Arizona regnet es so gut wie nie. Daher auch keine Wolken. Tucson hat außerdem ein Beleuchtungssystem namens „Smart City“ – es kann seine Straßenlaternen nachts dimmen. Ideal.
An zehn Tagen im März und April 2019 änderten die Stadtbediensteten die Helligkeitseinstellungen für 14.000 der 19.500 Straßenlaternen. Normalerweise brennen in Tucson die Lichter am Abend mit 90 Prozent und werden um Mitternacht auf 60 Prozent geregelt. Während des Experiments fuhr die Stadt die Beleuchtung in einigen Nächten bis auf ein Drittel herunter und powerte sie in anderen Nächten auf 100 Prozent hoch. Der Satellit Suomi National Polar-orbiting Partnership beobachtete das Ganze – von ihm stammen die Aufnahmen der hell erleuchteten Kontinente, die man überall findet, wo es um Lichtverschmutzung geht.
Nur 20 Prozent steuern die Straßenlampen bei
Gleichzeitig hatte ein Team vom Boden aus die Helligkeit des Himmels über Tucson vermessen und die sich verändernde Beleuchtungsstärke erfasst. Durch einen Vergleich der unterschiedlichen Helligkeiten in den sechs verschiedenen Nächten fanden die Wissenschaftler heraus, wer der tatsächliche Umweltverschmutzer ist: der gemeine Bürger und seine Aktivitäten. Wir sind alle kleine Sünder.
Nur etwa 20 Prozent des Lichts auf den Satellitenbildern stammt von Tucsons Straßenlaternen. Den großen Rest besorgen helle Fenster, beleuchtete Schilder und Fassaden oder Sportplätze. Die Forscher fordern die politisch Verantwortlichen dazu auf, mehr über das nachzudenken, was sie tun, und sich und ihre Bürger dazu anzuhalten, der Natur zuliebe ein wenig mehr Schatten zu machen.
Was die Wissenschaftler nicht wissen: In der Pfalz gibt es hier noch sehr großen Handlungsbedarf. Hier werden nachts Burgtrümmer und andere Ruinen angestrahlt, manchmal auch einsame Türme, die wie eine Kaffeemühle aussehen. Ja es gibt in der Dunkelheit mit Neonfarben protzende Gartenpools oder Weinberge, in denen Tausende mit zerbrechlichen Gläsern in der Hand und um den Hals von Theke zu Theke wanken.
Natürlich ist das viele Licht segensreich, weil es einem den Weg weisen kann, wenn man nicht mehr heim- oder den Weg zur Terrassentür hineinfindet. Das schwärmende Getier allerdings sehnt sich zurück nach den Zeiten, wo Fuchs und Hase sich noch gute Nacht sagten.