Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Stonehenge: Steinzeitlicher Schwertransport

Stonehenge ist eine Megalith-Gruppe von Menhiren in der Nähe von Salisbury im Süden Englands, die vermutlich um 3000 vor Christu
Stonehenge ist eine Megalith-Gruppe von Menhiren in der Nähe von Salisbury im Süden Englands, die vermutlich um 3000 vor Christus errichtet wurde. Wahrscheinlich wurde die Anlage von Anfang an für Begräbnisse genutzt.

Die tonnenschweren Sarsen-Steine von Stonehenge wurden vor 4500 Jahren über 25 Kilometer zu ihrem Bestimmungsort transportiert und dort zu einem Steinkreis drapiert. Rund 20 Tonnen wiegt jeder einzelne dieser ursprünglich rund 80 Steinblöcke, die Menschen auf der Salisbury-Ebene im Süden Englands zu der bekannten Kultstätte aufrichteten.

Stonehenge ist heute wohl das bekannteste Monument aus der Steinzeit. Bereits im 16. Jahrhundert vermutete man, dass Heerscharen von Steinzeitmenschen diese gewaltigen Felsblöcke – jeweils sechs bis sieben Meter lang und zwei Meter breit – aus dem 30 Kilometer nördlich gelegenen Hügelland der Marlborough Downs geholt haben mussten.

Mit exakten naturwissenschaftlichen Methoden aber wurde diese allgemein anerkannte Überlegung erst jetzt von David Nash von der Universität im englischen Brighton und der Witwatersrand-Universität im südafrikanischen Johannesburg 114567890 überprüft. Die Forscher erklären, dass von den 52 heute noch vorhandenen Stonehenge-Blöcken 50 aus einem „West Woods“ genannten Hügelland stammen, das nur 25 Kilometer nördlich der Kultstätte liegt.

Neben diesen „Sarsen“ genannten Sandsteinblöcken standen in Stonehenge noch etliche, höchstens 2,80 Meter lange und nur wenige Tonnen wiegende, bläulich schimmernde Basaltsteine. Diese waren mit Booten oder auf dem Landweg mühselig aus den mehr als 200 Kilometer entfernten Steinbrüchen in den Preseli-Hügeln im Südwesten von Wales nach Stonehenge transportiert worden.

Sarsen ist seit jeher ein beliebtes Baumaterial

Ein viel größeres Rätsel aber war die Herkunft der Sarsen-Steine. „Entstanden sind sie wohl aus Sand, der in Grundwasserlinsen durch einen natürlichen Zement aus Siliziumdioxid zu einem sehr harten Gestein verbacken wurde“, erklärt David Nash. Durch Verwitterungsprozesse liegen diese Sarsen heute in einigen Regionen im Süden Englands an der Oberfläche auf den dort üblichen Kreidefelsen, aus denen auch die berühmten Klippen von Dover bestehen. Dieses harte Gestein war wohl zu allen Zeiten ein beliebtes Baumaterial, aus dem die Steinzeitmenschen Stonehenge errichteten, die alten Römer ihre Villen bauten und die Dombaumeister ihre mittelalterlichen Kathedralen errichteten. Die Ingenieure des 19. und des 20. Jahrhundert festigten den Unterbau des im Süden Englands entstehenden Straßennetzes mit diesen Steinen.

Der Durchmesser des Sarsen-Steinkreises von Stonehenge beträgt 33 Meter. Auf den Blöcken liegen 30 Decksteine. Im Innern des Kreises befinden sich hufeisenförmig angeordnet fünf Steinpaare, jeweils mit einem Deckstein überdacht. Um herauszubekommen, aus welcher Region die Steine antransportiert worden waren, untersuchten David Nash und seine Kollegen die noch vorhandenen Steine zunächst einmal mit tragbaren Röntgenfluoreszenz-Geräten.

Diese regen mit kurzwelligem Röntgenlicht die Atome im Gestein zu einer für jedes Element typischen Strahlung an, aus deren Stärke die Forscher ausrechnen können, wie häufig das jeweilige Element im Gestein vorhanden ist. An jedem der 52 Steine machten die Forscher fünf solcher Analysen, bei denen sie jeweils 34 Elemente bestimmten, ohne dabei die Steine selbst zu beschädigen. Nach diesen Untersuchungen kommen 50 der Steine, darunter auch Stein 58, aus dem gleichen Gebiet, während die restlichen beiden jeweils aus einer anderen Region stammen müssen.

Um die genaue Herkunft zu bestimmen, müssen die Forscher allerdings zusätzlich Steinproben mit der modernen Methode der Massenspektroskopie analysieren, bei deren das Material verbraucht wird. Diese Methode hatten David Nash und seine Kollegen bei ähnlichen Gesteinsanalysen 2013 in Botswana entwickelt. Allerdings war überhaupt nicht daran zu denken, mit einer solchen Analyse auch nur einen winzig kleinen Teil eines Nationalheiligtums zu zerstören.

Alte Bohrkerne kommen per Luftfracht zurück

„Dann kam uns ein Riesen-Zufall zu Hilfe“, erinnert sich David Nash. 1797 waren die drei Sarsen-Steine 57, 58 und 158 umgestürzt, die bei einer Restaurierung 1958 wieder aufgerichtet wurden. Als man dabei im Stein 58 drei Längsrisse feststellte, bohrten die Restaurateure drei Löcher mit 25 Millimetern Durchmesser durch die gesamte Breite, durch die sie drei Metallbänder zogen, die bis heute den Stein stabilisieren. Die damals erhaltenen Bohrkerne wären für die Analyse der Forscher natürlich bestens geeignet gewesen, waren aber spurlos verschwunden. Bis 2018 ein damaliger Angestellter der Bohrfirma, Robert Phillips, einen der drei verschollenen Bohrkerne mit Luftfracht aus den USA nach England zurückschickte.

David Nash und seine Kollegen durften ein 6,7 Zentimeter langes Stück dieses mehr als einen Meter langen Bohrkerns mit zwei unterschiedlichen Massenspektroskopie-Analysen untersuchen. Mindestens 99,7 Prozent des Steins bestehen aus Siliziumdioxid und damit aus dem Material, aus dem sich Sand aufbaut. Entscheidend sind aber die zusätzlichen Spuren verschiedener Oxide von Elementen wie Aluminium, Calcium, Eisen und Titan, die sich zwischen den möglichen Herkunftsregionen ein wenig unterscheiden. Diesen „chemischen Fingerabdruck“ analysierten David Nash und seine Kollegen dann auch von 20 Sarsen-Stein-Fundorten im Süden Englands. Demnach lagen der Stonehenge-Sarsen-Stein 58 und 49 der weiteren verbliebenen Steine einst in dem 220 Meter über dem Meeresspiegel liegenden West Woods-Hügelland 25 Kilometer nördlich der Kultstätte.

Steine eventuell auf Baumstämmen gerollt

Stonehenge dagegen liegt weit mehr als 100 Höhenmeter unter diesen Hügeln. „Möglicherweise könnten die viele Tonnen schweren Steine von dort im Winter auf gefrorenem Boden rund zwei Kilometer hangabwärts transportiert worden sein“, überlegt David Nash. Vielleicht verrichteten 1000 Menschen bei diesem Transport Schwerstarbeit. Unten im Tal des Avon-Flusses reichten dann wohl schon 250 Arbeiter, um einen Stein weiter südwärts und am Ende hinüber zur Kultstätte zu ziehen. „Eventuell könnten sie auch Baumstämme als Rollen unter die Steine bugsiert haben“, überlegt David Nash weiter.

Mit den wohl unter größten Mühen nach Stonehenge transportierten Sarsen-Steinen bauten die Ingenieure vor 4500 Jahren ein Sonnen-Observatorium, bei dem die Strahlen der aufgehenden Sonne zur Wintersonnwende kurz vor Weihnachten genau in das Herz der Anlage scheinen. Vermutlich gab es einen Kult um dieses wichtige Datum im Jahreslauf. Möglicherweise könnten mit dieser Anlage zusätzlich auch Mondfinsternisse vorhergesagt worden sein. Die Steinzeitmenschen hatten daher vermutlich eine Reihe von Gründen, um aus ganz Großbritannien dort zum Feiern zusammenzukommen.

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