Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Schon vor 100 Jahren: Freiheit für die Ukraine

Bereits als Junge ist Nestor Machno kaum zu halten, er ist eine Naturgewalt. Mit der Zeit lernt er, nicht nur seine Körperkraft
Bereits als Junge ist Nestor Machno kaum zu halten, er ist eine Naturgewalt. Mit der Zeit lernt er, nicht nur seine Körperkraft zu nutzen, sondern auch seinen Kopf. Das macht ihn später zum Anführer einer Revolution.

Nicht erst seit Putins Feldzug ist das ukrainische Volk immer wieder Opfer von Krieg und Terror geworden. Doch schon unter dem Anarchisten Nestor Machno erhob es sich.

Im Frühjahr 2022 ist die 140 Kilometer von Mariupol entfernte Kleinstadt Guliaipole stark umkämpft, die meisten Einwohner müssen fliehen. Auch vor 100 Jahren besetzen immer wieder Kontingente unterschiedlichster Armeen die Ortschaft. Guliaipole ist zu jener Zeit ein Schmelztiegel: Etwa 20.000 Ukrainer, Russen und viele Juden leben hier, die Grenzen verlaufen jedoch nicht zwischen Nationen, sondern zwischen den wenigen Gutsherren und der meist mittellosen Landbevölkerung.

Hier wird Nestor Machno nach dem westlichen Kalender am 8. November 1888 als fünftes Kind von Ivan Michnenko und Evdocia Machnovka geboren, beide waren in ihrer Jugend noch Leibeigene. Angeblich soll der Priester, der ihn taufen will, von Kerzenfeuer erfasst, brennen – eine der vielen Legenden, die sie später in den ukrainischen Dörfern über ihren Batjko „Väterchen“ Machno erzählen.

Sein Vater stirbt, als er noch nicht ein Jahr alt ist, die Familie kann nur durch die Hilfe von Verwandten und Freunden überleben. Der Achtjährige arbeitet im Sommer als Viehhirte, im Winter soll er zur Schule gehen, fährt aber lieber Schlittschuh, bricht dabei durchs Eis. Halb erfroren wird er mit Wodka eingerieben und auf die Ofenbank gelegt. Sein schnell entflammbares Temperament kühlt das nicht ab.

Nimm die Mistgabel!

„Er war stachelig wie Disteln, hatte schlechte Nerven, wurde schnell wütend. Er nahm sich alles sehr zu Herzen, jede Ungerechtigkeit“, sagte später Varvara Machno, die Frau seines Bruders Emilian, über Machno. Die Mutter erzählt ihm oft vom Leben ihrer Vorfahren, der aus Sklaverei und Leibeigenschaft geflohenen Zaporoger Kosaken, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit verteidigten. Machno selbst sieht später darin eine „Quelle für die Wiedergeburt des freien Landes“.

Bereits mit zwölf Jahren verlässt er die Schule und arbeitet auf Gutshöfen, später auch in Fabriken. Als er sieht, wie ein Stallbursche von zwei Söhnen eines Gutsbesitzers brutal verprügelt wird, holt er einen befreundeten Arbeiter zur Hilfe, der dem schnell ein Ende macht. „Wenn es einer bei dir versucht, mein kleiner Nestor, nimm eine Mistgabel und spieß ihn auf“, rät er dem Jugendlichen.

Der entwickelt sich zu einem Raufbold, trinkt mit 16, spielt in einer Schauspieltruppe. Später im Bürgerkrieg wird er sich oft verkleiden. Einmal gelingt ihm sogar die Einnahme einer Stadt, als er seine Männer als Gäste einer Hochzeit getarnt hineinschmuggelt, die feindlichen Soldaten betrunken macht und entwaffnet.

Der Bund der armen Bauern

In der gegen Adelsherrschaft und Zaren gerichteten unvollendeten Revolution von 1905 politisiert sich Machno, ein Jahr darauf nimmt ihn die örtliche anarchistische Gruppe auf. Die etwa 50 jungen Männer – keiner ist älter als 25 – nennen sich „Bund der armen Bauern“, bringen sich selbst das Lesen bei und diskutieren nach der Arbeit über die Werke des Philosophen Kropotkin. Sie überfallen aber auch Gutsbesitzer oder Banken, um Vervielfältigungsgeräte für Flugblätter, Revolver und Dynamit zu finanzieren – harte Jungs.

Als Reaktion stellen die Reichen die Miliz „Bund der wahren russischen Menschen“ auf, die nicht nur die aufmüpfigen Bauern ausfindig machen soll, sondern genauso mit der Parole „Schlag die Juden, rette Russland“ gegen die jüdische Minderheit hetzt. Die Lage eskaliert, die Anarchisten zünden Häuser der „wahren Russen“ an, es gibt Schießereien. Schließlich werden 16 von ihnen, darunter Machno, verhaftet und zum Tod verurteilt.

In der zehn Quadratmeter großen Todeszelle lebt Machno über 52 Tage unter unvorstellbaren Bedingungen. Zunächst noch zu zehnt, wird einer nach dem anderen seiner Freunde abgeholt und hingerichtet, er selbst aber wegen seiner Jugend begnadigt und zu Zwangsarbeit verurteilt, gleichzeitig erkrankt er schwer an Typhus.

Ständig in Ketten

Anfang August 1911 verlegt man ihn ins Butyrka-Gefängnis nach Moskau, wo etwa 3000 politische Gefangene einsitzen. Dort freundet er sich mit dem Anarchisten Piotr Archinov an, der später Chronist der Aufstandsbewegung wird. Da er ständig aufbegehrt, muss Machno oft in Einzelhaft. Lungenentzündung und Tuberkulose, von der er sich Zeit seines Lebens niemals ganz erholen wird, sind die Folge.

Weil er als besonders gefährlich gilt, muss er an Händen und Füssen ständig Ketten tragen. Ein Lichtblick ist die große Bibliothek des Gefängnisses. So gelingt es ihm, besonders während der langen Lazarettaufenthalte, sich weiterzubilden.

Die demokratische Revolution, die mitten im Ersten Weltkrieg im Februar und März 1917 den Zaren stürzt, bringt die Amnestie. Insgesamt neun Jahre Kerkerhaft machen aus dem impulsiven Jugendlichen einen willensstarken Mann, der mit einem Rucksack anarchistischer Schriften nach Guliaipole zurückkehrt. Dort mischt er sich in die beginnende soziale Revolution ein, wird zum Vorsitzenden des Bauernverbandes, des Komitees zur Landverteilung, der Metall und Holzarbeitergewerkschaft, der Krankenkasse und später auch des bewaffneten Verteidigungskomitees gewählt.

Russland liefert die Ukraine aus

Er heiratet die 20-jährige Anastassia Wassezkaja. Mit der Hochzeitskutsche geht es zur Kirche, doch als Anarchisten fahren sie nur um das Gebäude herum, bevor nach altem Brauch eine Woche gefeiert wird. Vier Landkommunen mit über 700 Kommunarden entstehen auf den Gütern geflohener Großgrundbesitzer. Auch Anastassia arbeitet dort, Machno ist kaum zu Hause. Mit der Nachricht vom Sieg der Bolschewiki in St. Petersburg und Moskau glauben die Bauern an den Sieg der Revolution. Doch bereits Anfang März 1918 weicht der Begeisterung Entsetzen, als in der Stadt Brest-Litowsk der Frieden mit den Mittelmächten durch eine deutsche Besetzung der Ukraine erkauft wird.

Die Deutschen ersetzen die bürgerliche Petljurabewegung durch den Mann der Großgrundbesitzer, Hetman Skoropadski. Machno organisiert die Verteidigung des selbst verwalteten Gebietes, was durch Verrat scheitert. Viele Revolutionäre, darunter Machnos Bruder Emilian, werden gehängt oder erschossen.

Machno kann fliehen, folgt seiner hochschwangeren Frau an die Wolga, wo sich ihre Wege ungewollt für immer trennen, das Kind stirbt früh. Er macht sich auf nach Moskau, trifft den Philosophen Kropotkin, der ihm Mut zuspricht. Selbst Lenin hilft ihm nach einer Unterredung trotz grundlegender Meinungsverschiedenheit in die Ukraine zurückzukehren, um dort einen neuen Aufstand anzuzetteln.

Die Schwarze Armee vertreibt die Besatzer

Die Anfänge des neuen Widerstands sind bescheiden. Zunächst finden sich nur sieben junge Männer, um sich an denen zu rächen, die die Bauern hingerichtet haben. Sechs weitere Gesetzlose stoßen zu ihnen, gemeinsam überfallen sie eine Polizeistation und danach verkleidet den Ball eines Gutsbesitzers. Immer mehr Aufständische schließen sich Machno an, Dutzende, dann Hunderte, schließlich Tausende.

Seine Schwarze Armee vertreibt deutsche und österreichische Besatzer, besiegt ukrainische Nationalisten und konterrevolutionäre Weiße Armeen, kämpft später auch gegen die Rote Armee. Machno selbst soll die Tachanka erfunden haben, eine leichte Kutsche mit montiertem Maschinengewehr. Seine zweite Frau, die Lehrerin Galina Kuzmenko, reitet oft an seiner Seite. Waghalsig führt er seine Reiter selbst in die Schlacht.

In aufständischen Orten werden die Gefangenen befreit, die Gefängnisse in die Luft gesprengt. Die Machnotschina will nicht die politische Macht erobern, sondern verhindern, dass irgendwer die Bauern beherrscht. Als einzige Kraft im Bürgerkrieg garantiert sie Rede- und Versammlungsfreiheit für sozialistische Parteien und Gruppen. Über Machno sagen die Bauern: „Unser Väterchen fürchtet weder Gott noch Teufel, und doch ist er ein einfacher Mann wie wir.“

Grausamer Rächer

Machno entwickelt sich zum erbarmungslosen, manchmal auch grausamen Rächer, tötet viele Offiziere, jedoch nicht kriegsgefangene Soldaten. Entscheidend für die erste siegreiche Phase ist das Überlaufen großer, von den Kommunisten enttäuschter Armee-Einheiten zu Machno.

Im Frühjahr 1919 feiert die kommunistische Presse Machno als Befreier der Ostukraine, erklärt ihn dann aber über Nacht zum Feind, weil er sich weigert, Moskaus Befehlen zu folgen. Dennoch gehen die Bolschewiki später ein zweites Zweckbündnis mit ihm ein. Und Machno schlägt tatsächlich die Armeen der gefürchteten Generäle Denikin und Wrangel und hat damit großen Anteil daran, dass die Bolschewiki den Bürgerkrieg gewinnen.

Die erweisen sich als wenig dankbar, töten die meisten Anführer der Machnotschina in einem Hinterhalt auf der Krim, terrorisieren die Bauern. Es bewahrheitet sich, was der Begründer des Anarchismus, der Russe Michael Bakunin, vorhersagte: „Freiheit ohne Sozialismus bedeutet Privilegien-Wirtschaft und Ungerechtigkeit, Sozialismus ohne Freiheit aber Sklaverei und Brutalität.“

Von Kugeln durchsiebt

Von Kugeln durchsiebt, wird Machno im August 1921 durch eine kleine Gruppe überlebender Kämpfer über die rumänische Grenze geschleppt. Im Pariser Exil lebt er in großer Armut, entfernt sich immer mehr von vielen Freunden, entfremdet sich seiner Frau, die Unterstützung anderer Anarchisten lässt er allein seiner Tochter Helena zukommen, die er abgöttisch liebt.

Er stirbt am 25. Juli 1934 an Tuberkulose. Besonders in Frankreich ist er unvergessen. Dort veröffentlichte Alexandre Skirda die bekannteste Biografie über ihn, dort bringt das beliebte Lied Machnotschina die Tragik des Geschehens auf den Punkt: „Unsere Fahnen sind schwarz von unserem Schmerz und Rot von unserem Blut.“

Dennoch gibt es zu Recht auch kritische Stimmen über die von der Aufstandsbewegung ausgeübte Gewalt. So untersuchte Sean David Patterson in seiner Magisterarbeit der Universität von Manitoba Übergriffe gegen deutsche Siedler.

Putin brachte 2014 den Krieg zurück in die Ukraine, seit dem 24. Februar ist er auch im Bewusstsein des Westens angekommen. Nun kämpfen dort wieder Anarchisten gegen die Invasion der Russen, der gemeinsame Nenner aller Verteidiger gegen den Angriffskrieg heißt Freiheit.

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