Beweger
Naturzerstörer, Naturbewahrer: Der Alpenverein auf schmalem Grat
Die 50-Jährige stürzt 170 Meter in die Tiefe. Als das Notarztteam des Rettungshubschraubers Christophorus 8 am Unglücksort eintrifft, ist die Deutsche noch am Leben. Die Helfer fliegen sie zum Landeskrankenhaus nach Feldkirch. Doch dort stirbt die Frau kurze Zeit später an den Folgen ihrer schweren Verletzungen.
Tödliche Bergunfälle sind in den Alpen keine Seltenheit, seit die Berge für ein breites Publikum zugänglich gemacht wurden. Dass der Massentourismus aber schon vor Jahrzehnten Einzug halten konnte in den zahlreichen Bergdörfern zwischen München und Mailand, das ist eng verknüpft mit dem Deutschen Alpenverein, kurz DAV. Dass heute Hunderttausende von Touristen jedes Jahr schroffe Felsen hinaufklettern oder über saftige Almwiesen marschieren, hatten die Gründer der mit knapp 1,39 Millionen Mitgliedern größten nationalen Bergsteigervereinigung der Welt vor mehr als 150 Jahren vermutlich nicht geahnt.
36 Männer im Wirtshaus
Die Geschichte des Deutschen Alpenvereins beginnt bescheiden am 9. Mai 1869 im Gasthof „Zur Blauen Traube“ in München. 36 Männer treffen sich an diesem Tag, um die Sektion München zu gründen. Auch einige Österreicher sind bei der Zusammenkunft in der Wirtschaft dabei. Dazu gehört unter anderem der Pfarrer Franz Senn aus dem Ötztal, der das dortige Dorf Vent zu einem Bergsteigertreff gemacht hat. In der K.u.K.-Monarchie war bereits sieben Jahre zuvor der Österreichische Alpenverein, der ÖAV, gegründet worden.
Doch dort gibt es mächtig Zoff. Mitglieder kritisieren etwa, und dazu gehört auch Senn, dass der Verband zentralistisch in Wien organisiert ist und seine Arbeit in den meisten Fällen auf Vorträge und wissenschaftliche Publikationen beschränkt. So beschreibt es die Webseite des DAV, die auf dem 2019 vom Alpenverein anlässlich des 150. Jubiläums herausgegebenen Buch „Die Berge und wir“ gründet.
Für viele Bergfreunde in Österreich, vor allem jüngere, sind die Alpen aber kein akademisches Forschungsobjekt, sondern müssen erlebbar gemacht werden, und zwar für viele Menschen. Daher wollen sie eigene Sektionen bilden, Treffen, Vorträge und Expeditionen selbst organisieren. Doch die Reformbemühungen scheitern, daher sitzen eben auch Österreicher an jenem 9. Mai 1869 in dem Münchner Gasthof.
Das Bergfieber bricht aus
Nach der Gründung der Sektion München als erste des Deutschen Alpenvereins geht es Schlag auf Schlag. Das Bergfieber scheint ausgebrochen zu sein. Bereits zum ersten Geburtstag des Vereins gibt es 24 Außenstellen, nicht nur in Augsburg, Lienz oder München, sondern auch im alpenfernen Leipzig. Das zeigt Wirkung, vor allem im Nachbarland Österreich: Bereits ab 1871 verhandeln der ÖAV und der DAV über eine Fusion. 1874 tritt der ÖAV schließlich bei, er bildet die Sektion Austria.
Ab 1874 nennt sich der Alpenverein schließlich „Deutscher und Oesterreichischer Alpenverein“. Schon nach wenigen Jahren zeigt sich, was die Alpinistenbewegung bewegt: Die Mitglieder bauen Hütten, legen Wege an. Folge: Der Alpentourismus wächst rasant – und sorgt für einen wirtschaftlichen Aufschwung bei den Menschen in den meist armen Bergtälern.
Die trotz aller aufkeimenden Konflikte wirkmächtige Edelweiß-Romantik der Alpenverein-Bewegung wird bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts von völkischen Seilschaften unterwandert. Antisemitismus macht sich breit unter den Gipfelstürmern, obwohl Juden fester Bestandteil des Vereinslebens sind.
Die jüdischen Mitglieder sollen raus
Beim Dachverband gehen immer häufiger Anträge ein, mit denen Sektionen in ihren Satzungen einen „Arierparagraphen“ einführen wollen. Insbesondere jüngere Mitglieder des Alpenvereins fallen mit Deutschtümelei und Volksgehabe auf. Der Verein kann sich trotzdem lange der Attacken von rechts außen erwehren.
Das ändert sich nach dem Ersten Weltkrieg. Schon bei der ersten Nachkriegssitzung des Hauptausschusses im Oktober 1919 ist das Thema „Arierparagraph“ erneut auf der Tagesordnung. Der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses wirbt dafür, einen solchen Paragrafen in den Satzungen der Sektionen zuzulassen. Er begründet das so: Die antisemitische Bewegung sei nun einmal da, stärker als je zuvor, und diese Bewegung werde auch im Alpenverein immer mehr in Erscheinung treten. Der Erste Vorsitzende des Alpenvereins, Reinhold von Sydow, lehnt das Verbot weiterhin ab, doch 1920 kassiert es der Hauptausschuss mit großer Mehrheit.
Das hat hässliche Folgen. In Österreich bricht sich der Judenhass unter den Alpinisten am schnellsten Bahn. Mit der Unterstützung von Blut-und-Boden-Ideologen, darunter Walter Riehl, der führende Politiker der Nationalsozialisten in Österreich, der die „Reinigung der Touristenvereine“ durchdrücken will, wählt die Sektion Austria 1921 mit Eduard Pichl einen Antisemiten an die Spitze. Viele Juden verlassen daraufhin Austria, stellen den Antrag, einen eigenen Ableger zu gründen: Sektion Donauland.
Die braune Vergangenheit erst mal vergessen
Zahlreiche Mitglieder protestieren, trotzdem stimmt der Hauptausschuss mit knapper Mehrheit zu. In der Folge bilden sich etwa in Berlin und München weitere Sektionen, in denen die Mitglieder überwiegend jüdisch sind. Als die Nazis das Ruder übernehmen, ist das vorbei. Der Alpenverein wird nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 gleichgeschaltet, Juden werden entfernt. Nach dem Krieg wird das Thema unter den Tisch gekehrt, es ist die typische Verdrängungsübung in der Adenauer-Republik. Erst Jahre später stellt sich der Alpenverein seiner braunen Vergangenheit.
Bereits vor diesem dunkelsten Kapitel des Vereins steht der DAV vor einem Dilemma, das ihn bis heute begleitet: der Widerspruch zwischen Bergsport und Naturschutz. Schon früh regt sich Protest unter den Mitgliedern gegen den Trend, die Alpen zu einer Art Vergnügungspark mit Höhenluft zu machen.
Der Naturschutz im Alpenraum beginnt allerdings blumig: mit der Sorge um das Edelweiß, heute ein Symbol des Deutschen Alpenvereins. Die Edelpflanzen wurden von Wanderern seit Beginn des Gipfelsturms nicht nur gepflückt, sondern auch ausgegraben und in großen Mengen verkauft. Deshalb appelliert die Generalversammlung schon 1884 an die Mitglieder, Edelweißblüten stehen zu lassen, um die Pflanze vor dem Ausrotten zu bewahren.
Der Naturschutz wird wichtiger
Der Naturschutz wird mit den Jahren immer wichtiger. Auf der Grundlage der Edelweiß-Idee bildet sich 1900 ein Zweig des Alpenvereins: der Verein zum Schutz und zur Pflege der Alpenpflanzen. Die Institution lässt Alpengärten anlegen, organisiert Vorträge, gibt Bücher heraus.
Und schon bald nach der Gründung treten die Akteure auch an die Politik heran, um den Naturschutz der Alpen gesetzlich zu verankern. Doch es dauert Jahre, bis daraus etwas wird. 1909 schließlich erweitert man das Polizeistrafgesetzbuch in Bayern. Mit einer Geldbuße von bis zu 150 Mark oder Haft wird von da an bedroht, wer der Vorschrift „zum Schutz einheimischer Tier- und Pflanzenarten gegen die Ausrottung oder zum Schutze von Orts- und Landschaftsbildern gegen verunstaltende Reklame“ verstößt.
Damit ist der Naturschutz in Bayern zum ersten Mal gesetzlich festgeschrieben. 1984 wird der Ableger des Vereins, zeitgleich mit dem DAV, vom bayerischen Umweltministerium als Naturschutzverband anerkannt.
Die Modehanswursten machen auf alpin
Dass die Unbeschadetheit der Bergwelt recht rasch nach der Gründung des Alpenvereins zum Thema wird, hat auch mit dem schnell voranschreitenden Bau von Bergbahnen im 20. Jahrhundert zu tun. Denn von nun an müssen Gipfel nicht mehr mit Seil und Steigeisen erklommen werden.
Diese Erschließung und Kommerzialisierung der Alpen stößt bereits früh bei Mitgliedern auf Kritik. Gustav Müller beispielsweise, der Sprecher der sogenannten Bergsteigergruppe, ein Zusammenschluss von zu dieser Zeit etwa 70 Sektionen im Alpenverein, fragt, wie es zu verhindern sei, dass auch „die Faulen, Bequemen, die Schmarotzer und Protzer, die Schlemmer und Modehanswursten“ sich auf den Berg chauffieren lassen.
Schlimmer noch seien, die „Massen pelzmantelbewährter und lackschuhgeschmückter Herrchen und Dämchen“, welche die Berge mit ihren dekadenten Auftritten entweihten, ärgert sich Müller.
Vermutlich würden manche sagen, dass aus diesen Sätzen mittlerweile traurige Wahrheit geworden ist. Und einige Orte in den Alpen sind in der Tat zu dem verkommen, was manche im DAV immer befürchtet haben – zu Schickeriatreffs mit Kunstschneeatmosphäre.
Gegen die Verkitzbühlisierung der Bergwelt
Doch andere wehren sich gegen die Verkitzbühlisierung der Bergwelt. So hat zum Beispiel der Gemeinderat des österreichischen Edelskiorts Lech, wo unter anderem die holländische Königsfamilie gern absteigt, einen Investorenstopp erlassen. Der Grund: In den vergangenen Jahren haben viele Reiche aus dem Ausland Wohnungen und Häuser in dem Ort am Arlberg gekauft.
Doch die Immobilien stehen die meiste Zeit des Jahres über leer. Es sind reine Geldanlagen. Für Einheimische wurde es hingegen immer schwerer, selbst Eigentum zu erwerben. Inzwischen folgen immer mehr Gemeinden in Österreich dem Vorbild Lech.
Den ausgeuferten Tourismus wird das nicht stoppen – aber vielleicht ein wenig zu jener Bewahrung der Berge beitragen, für die sich der Deutsche Alpenverein einsetzt.