Medizin
Long Covid: Gehirndefekte wie bei Alzheimer
Long Covid ist ein Mysterium. Bis zu 67 Prozent der Patienten kämpfen während der Infektion mit schlimmeren Symptomen. Bei manchen tauchen die Probleme aber erst Wochen danach auf, wenn man glaubt, Corona überstanden zu haben. Und halten dann Monate an.
Wobei es Frauen öfter mit Long Covid trifft, wie jetzt eine Auswertung mit 1,3 Millionen Patienten im Fachblatt „Current Medical Research and Opinion“ entdeckt hat, und sich die Ausfallerscheinungen unterscheiden.
Frauen haben demnach eher Schwierigkeiten mit Ohr, Nase, Hals, Haut und Darm. Sie entwickeln öfter rheumatische Entzündungen, Angstzustände, depressive Phasen, Erschöpfungszustände, Konzentrations- oder Gedächnisstörungen. Bei Männer dagegen verschlimmern sich zuallererst Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes oder es häufen sich die Nierenprobleme.
Eine mögliche Erklärung zumindest für die Ausfälle im Gehirn hat unlängst die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover im Fachblatt „eBioMedicine“ nach Versuchen mit Syrischen Goldhamstern geliefert: Stecken die Tiere sich mit dem Virus an, werden in der Nasenschleimhaut und im Riechkolben des Gehirns Immunzellen aktiviert. Die lokale Abwehr ist auch 14 Tage nach der Infektion noch immer aktiv.
Falsch gefaltete Eiweiße
Obwohl die Krankheit abgeklungen war, fanden die Wissenschaftler in den Nervenzellen der Großhirnrinde falsch gefaltete Alpha-Synuclein-Eiweiße und veränderte Tau-Proteine. Diese Eiweiße spielen bei Alzheimer und Parkinson eine zentrale Rolle. Und sie wurden nicht in allen Hirnregionen gefunden, was ebenfalls charakteristisch für die beiden Erkrankungen sei, betonen die Experten.
Sars-CoV-2 scheint also vorübergehend eine Art Gehirndegeneration in Gang zu setzen. Und das nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei einigen Neugeborenen, deren Mutter sich in der Schwangerschaft Covid-19 einfing. Sechs Wochen nach der Geburt hatten die Babys größere Schwierigkeiten, sich zu entspannen und ihre Kopf- und Schulterbewegungen zu kontrollieren, zeigt eine spanische Studie der Universitäten Santander und Barcelona.
Angesichts der bislang rund 200 gezählten Symptome muss Long Covid aber noch andere Ursachen haben: Zum Beispiel virale Überbleibsel, die sich im Darm festsetzen und Monate nach der Corona-Erkrankung nachweisbar sind. Diese Erklärung schlägt ein Überblicksartikel im Fachblatt „Nature“ vor. Aufgefallen sind die „Gespenster“, wie die Forscher sie nennen, unter anderem den Universitäten Innsbruck und Stanford.
Risiko 20 bis 50 Prozent geringer
Omikron ist vor diesem Hintergrund offenbar noch die harmloseste Variante, denn das Risiko, Long Covid zu entwickeln, liegt im Vergleich zur Delta-Mutante um 20 bis 50 Prozent niedriger. Das zeigt eine Auswertung des King’s College London von 56.000 britischen Corona-Fällen im Fachblatt „The Lancet“. Anfälliger für Long Covid sind in der Regel die Älteren, weil das Immunsystem mit den Jahren natürlicherweise nachlässt.
Warum das so ist, dieser Frage ist die University of Washington im Fachblatt „The Lancet eBioMedicine“ nachgegangen. Die Körperabwehr stellt darauf ab, dass die Immunzellen, die sich im Kampf gegen den Erreger aufreiben, ersetzt werden. Das funktioniert über Zellteilung. Doch die erlahmt ab dem 50. Lebensjahr zusehends. Der Grund: Die Schutzkappen an den Enden der Erbsubstanz – die Telomere – verlieren dabei jedes Mal ein kleines Stück.
„Nach einer Serie von Zellklonungen sind die Enden zu kurz und es gibt keine weiteren Teilungen mehr“, erklärt Studienleiter James Anderson. „Nicht alle Zellen oder alle Tiere haben eine solche Grenze eingebaut, aber die Immunabwehr des Menschen schon.“
Die Gene sind entscheidend
Wenn im Körper zu viele T-Zellen mit stark verkürzten Telomeren arbeiten, dann sind die Verteidiger nicht mehr schnell genug und dem Virus zahlenmäßig nicht gewachsen, um Covid gut auszukurieren. Die Länge der Telomere wird von den Eltern vererbt, sodass Ältere zwar eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, das Coronavirus schlechter wegzustecken. Das gelte aber nicht für jeden gleichermaßen, wie Anderson betont.
Es sind also vor allem die Gene, die darüber entscheiden, wie der Einzelne mit Sars-CoV-2 zurechtkommt. Über 1000 dieser ablesbaren DNA-Abschnitte haben die University of Sheffield und die Stanford University jetzt identifiziert, die einen schweren Covid-Verlauf wahrscheinlicher machen. Was erklärt, warum gesunde Erwachsene das Virus meist gut überstehen, warum es aber immer wieder einige gibt, die der Erreger brutal niederwirft.
Einer dieser genetischen Risikofaktoren, den das britisch-amerikanische Team im Fachjournal „Cell Systems“ beschreibt, ist ein schwächelndes System aus Natürlichen Killerzellen. Diese Abwehrspezialisten, auch NK-Zellen genannt, sind angeboren. Sie gehören zur ersten Verteidigungslinie und machen 10 bis 15 Prozent der Lymphozyten – einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen – aus. Ihre Aufgabe: virusinfizierte Zellen und Tumorzellen vernichten.
Unfähige Immun-Generäle
NK-Zellen sind außerdem die Generäle in den Abwehrschlachten des Körpers gegen Eindringlinge: Sie helfen, Immunbotenstoffe herzustellen, die Zytokine, und koordinieren die Gegenangriffe gegen das Virus.
„Wir haben entdeckt, dass bei Menschen mit schweren Corona-Infektionen kritische Gene in den NK-Zellen weniger gut funktionieren, sodass die Immunantwort weniger robust ist. Die Zelle tut nicht das, was sie tun soll“, sagt Johnathan Cooper-Knock, einer der Studienautoren.
Das ist bitter für die Betroffenen. Denn eigentlich vollbringt ein solide aufgestelltes Immunsystem geradezu Unglaubliches: Es kann Mutanten vernichten, mit denen es nie zuvor in Kontakt gekommen ist. Das hat eine Untersuchung der University of Birmingham im Fachblatt „Nature Communications“ zutage gefördert.
Die Hauptakteure in diesem evolutionären Wettlauf sind die B-Gedächtniszellen des Immunsystems, eigentlich die Informationsspeicher der Antikörperfabriken. Normalerweise sorgen sie dafür, dass schnell Abwehrzellen gegen Erreger hergestellt werden, denen der Organismus schon begegnet ist. Doch die britischen Forscher haben festgestellt, dass sie mehr leisten: In Zusammenarbeit mit anderen weißen Blutkörperchen produzieren die B-Gedächtniszellen zudem Tausendsassas, die an allem andocken, was komisch aussieht. Und das macht es ihnen möglich, auch fremde Corona-Neulinge herauszufischen.