Literatur
Irlands erster Nobelpreisträger
Als William Butler Yeats 1923 den Literaturnobelpreis verliehen bekommt, ist er der erste Ire, der diese Auszeichnung erhält. Längst gilt er da als berühmtester Autor der Grünen Insel. Die hat sich kurz zuvor größtenteils ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpft und wird noch lange mit den Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten zu kämpfen haben. Schließlich leben seit Jahrhunderten auch Familien aus England in Irland.
So wie die Familie Butler Yeats. Willie, wie der Schriftsteller in Kindertagen genannt wird, wird 1865 zwar in Dublin geboren; Vater John und Mutter Susan gehören jedoch zum englischstämmigen Mittelstand und sind daher evangelisch. Die Familie pendelt zwischen London, Dublin und in den Sommermonaten Sligo im rauen Nordwesten Irlands. Ein Nomadenleben, das der Dichter später zeitlebens fortführen wird. Selten bleibt er mehr als einige Monate am gleichen Ort.
Der schüchterne und verträumte Junge lernt erst mit sieben Jahren mehr schlecht als recht Lesen und Schreiben. Unbeschwert ist die Kindheit nicht: Der Vater, der seinen Job als Anwalt hinschmeißt, um Maler zu werden, ist oft abwesend, zwei seiner Geschwister sterben sehr früh, die Mutter neigt zu Depressionen.
Von den Feen geküsst
In Sligo wandert Willie stundenlang am Strand des Atlantiks oder am See Lough Gill entlang und übernachtet in Höhlen. Diese Kindheitserlebnisse werden ihn nie loslassen: „Gleich, ob ich auf dem Feldweg, auf grauem Pflaster steh, ganz tief im Herzen hör ich den See“, schreibt er in einem seiner bekanntesten Gedichte, „Die Seeinsel Innisfree“. Die irische Heimat prägt nicht nur ihn, sondern auch seinen Bruder Jack, der später ein bekannter Maler wird und häufig die Menschen und die Landschaft Irlands als Motiv wählt.
Zwar lebt die Familie insgesamt mehr in London als in Irland, doch in Sligo vermittelt Willie sein kauziger Onkel, der Freimauer George, früh die Liebe für das Okkulte. Die Haushälterin der Familie erzählt dem Jungen von der Kriegerkönigin Maeve, die auf dem Gipfel des nahen Berg Ben Bulben begraben liegt, von mutigen Prinzen und schönen Feen. Erzählungen wie diese schlagen sich später in Yeats’ beliebter Sammlung irischer Sagen und Mythen nieder, die 1893 unter dem Titel „Das Keltische Zwielicht“ erscheint.
Irish Renaissance oder auch Irish Revival heißt eine Bewegung, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts die irische Kultur und Identität wieder aufleben lassen will. Der junge Yeats wird Teil dieser Bewegung, interessiert sich mehr und mehr für den Überlebenskampf der irischen Landbevölkerung und die Unabhängigkeitsbewegung seiner Heimat. Mit seinen Gedichten und Dramen, heißt es in der Enzyklopädie „Britannica“, versucht Yeats ein Gefühl nationaler Einheit zu schaffen.
In die Politik wegen einer Frau
Der Grund für sein Interesse an der Politik ist nicht ausschließlich, aber vor allem Maud Gonne, die, obwohl Engländerin, leidenschaftlich für die Freiheit Irlands kämpft. Eigentlich bestimmt sie von ihrer ersten Begegnung in London 1889 an so ziemlich alles in Yeats’ Leben, bis er 1917 eine andere heiraten wird. Als reiche, früh verwaiste Erbin kann Gonne leben, wie und wo es ihr gefällt.
Bald verkehren beide in denselben esoterischen Orden, gehen sogar eine spirituelle Hochzeit ein. Yeats betet sie an, doch sie verheimlicht ihm ihre Beziehung zu einem französischen Anwalt und ihre Kinder mit ihm.
Yeats sieht sich jahrelang als unglücklicher Lanzelot. So ist er bereits 30, als ihn in London die unglücklich verheiratete Olivia Shakespear von seiner Einsamkeit erlöst. Für sie schreibt der zu diesem Zeitpunkt noch arme Poet: „Da ich arm bin, habe ich nur die Träume. Die breitete ich aus vor deinen Füßen. Tritt leicht darauf, du trittst auf meine Träume.“
Der Weg zum Ruhm
Ein Jahr dauert diese Liebesbeziehung, dann taucht Maud Gonne wieder auf der Bildfläche auf, heiratet jedoch einen Kriegshelden aus dem Burenkrieg. Ein Sohn wird geboren, ehe sich der Soldat als übergriffiger Säufer entpuppt, der außerdem Mauds junger Schwester nachstellt.
Entsetzt flieht Maud zu Yeats, im Sommer 1909 werden die beiden in Paris für wenige Tage dann doch noch kurz ein Liebespaar.
Beruflich hat sich da bereits einiges getan für den Dichter: Um die Jahrhundertwende gelingt Yeats gemeinsam mit seiner Förderin Lady Agusta Gregory die Gründung eines eigenständigen irischen Theaters.
Als eines der ersten Stücke wird dort 1902 Yeats’ „Cathleen Ní Houlihan“ aufgeführt, in dem es um die irische Rebellion von 1798 geht. Die Hauptrolle übernimmt – natürlich – Yeats’ Muse Maud Gonne, die sich zwar weigert, zu den Proben zu erscheinen, und mit Verspätung zur Premiere kommt, aber das Stück zu einem beispiellosen Erfolg macht.
Yeats lehnt den Ritterschlag der Krone ab
Angesichts seiner Beliebtheit wird dem Dichter bald darauf der Ritterschlag durch die britische Krone angeboten – was er jedoch ablehnt. Als 1916 etwa 1500 bewaffnete Aufständische vor allem in Dublin für die Unabhängigkeit Irlands von England kämpfen, schreibt er in „Ostern 1916“: „Eine schreckliche Schönheit ward geboren“ und wird so endgültig zum irischen Nationaldichter.
Auch seine Theaterstücke erregen weiterhin Aufsehen; einige, wie „An der Habichtsquelle“ über Cuchulain, einen Helden aus der altirischen Mythologie, sind im japanischen Noh-Stil verfasst: Die Schauspieler tragen Masken, Gefühle werden durch Gesten ausgedrückt.
Mit Anfang 50 sehnt sich Yeats nach eigenen Kindern, sein Horoskop rät dringend, er müsse dafür – und um weiter erfolgreich zu sein –, noch im Oktober 1917 heiraten. Da Maud nicht will, fragt er mit ihrer Einwilligung ihre inzwischen 22-jährige, stark rauchende, manische Tochter Iseult, doch auch sie erteilt ihm eine Absage.
„Meine Frau ist eine Hexe“
Die passende Braut findet Yeats schließlich in der 25-jährigen Georgie Hyde-Lees, die aus reicher englischer Familie stammt und seinen Glauben an Horoskope und Geisterbeschwörungen teilt. Der Dichter kann – obwohl er anfangs noch oft an Iseult denkt – gar nicht genug Zeit mit seiner jungen Frau verbringen, die er bald nur noch George nennt.
Regelmäßig hält das Paar Sitzungen ab, bei denen – so glaubt Yeats – Geister Georgies Hand führen. 3600 Seiten mit angeblichen Nachrichten aus dem Jenseits kommen dabei bis 1921 zusammen, die Themen reichen von der Beschaffenheit des Kosmos bis hin zum Sexleben des Paares. Die Seancen inspirieren Yeats zu vielen seiner Werke.
Später gesteht Georgie gegenüber Yeats’ Biografen Richard Ellman, sich zumindest die ersten Eingebungen ausgedacht zu haben. Yeats aber frohlockt: „Meine Frau ist eine Hexe.“ Die nächsten Sommer verbringt das Paar im Turm Ballylee im County Galway, einem Bau aus dem Mittelalter ohne Heizung und fließend Wasser.
Senator im neuen Freistaat
Bald wird auch Yeats’ Kinderwunsch Wirklichkeit: 1919 kommt Tochter Anne zur Welt, zwei Jahre später Sohn Michael. Die Tochter tritt in die Fußstapfen von Großvater und Onkel und wird gefragte Malerin und Bühnenbildnerin, der Sohn hingegen schlägt eine Karriere als Politiker ein. Er ist nicht der Erste in der Familie – neben den späten Vaterfreuden kommt Anfang der 20er Jahre eine weitere neue Aufgabe auf William Butler Yeats zu: Er wird zum Senator des neuen Freistaates Irland ernannt.
In dieser Funktion setzt er sich gegen Zensur und für das Recht auf Scheidung in der immer reaktionärer werdenden katholischen Gesellschaft ein. Georgie organisiert unterdessen Vorträge in den USA und pflegt ihn während seiner Krankheiten, die 1927 und 1929 lebensbedrohlich verlaufen. Dass ihr Mann immer wieder Affären hat, stört sie nicht.
Während die Kritiker über die großartige sprachliche Qualität seiner Gedichte einig sind, sind manche Inhalte darin wie auch der Mensch Yeats heftig umstritten. Kritisiert wird etwa sein kurzzeitiger Flirt mit den faschistischen Blauhemden 1933. Wenigstens bleibt er wohl auch durch den Einfluss seiner Frau und der anarchistischen Geliebten Ethil Mannin seinen liberalen Idealen wie der Kunst und Pressefreiheit treu.
Tod in Südfrankreich
Biografisch setzt Richard Ellman, mit „Yeats, der Mann und die Masken“ aus dem Jahr 1948 Maßstäbe. Brenda Maddox nimmt sich 1995 „Georges Geister“ vor und wagt eine psychologische Studie mit markanten Thesen: Yeats habe sich immer mehr mit seiner Mutter als mit dem Vater identifiziert, es sei kein Zufall, dass er seine Frau mit einem Männernamen anredete und zuletzt mit bisexuellen Frauen Liebschaften einging.
Yeats stirbt im Januar 1939 in Südfrankreich, seine Frau zeigt einmal mehr Größe und sitzt gemeinsam mit seiner aktuellen Geliebten Edith Shackelton Heald am Totenbett.
Zunächst wird Irlands Nationaldichter in Frankreich bestattet, wegen des Zweiten Weltkriegs findet er erst 1948 seine letzte Ruhe in der Heimat: in Drumcliff, einem Ort am Fuße des Ben Bulben in Sligo, wo Yeats als Kind so gern durch die Landschaft streifte. Seine Grabinschrift hat er selbst verfasst: „Reiter, wirf einen kalten Blick auf das Leben, auf den Tod — und reite weiter.“