Outdoor RHEINPFALZ Plus Artikel High-Tech an den Füßen

Die Anforderungen an Wanderschuhe sind gestiegen: Möglichst leicht sollen sie sein, bequem, atmungsaktiv, wasserdicht, robust un
Die Anforderungen an Wanderschuhe sind gestiegen: Möglichst leicht sollen sie sein, bequem, atmungsaktiv, wasserdicht, robust und gut profiliert, damit man auch im unwegsamen Gelände guten Halt hat. Die Sicherheit des Fußes hat dabei Vorrang vor der Optik.

Der gute Wanderschuh von heute ist fast schon eine Wissenschaft für sich. Er muss Schritt halten mit einer Freizeit-Industrie, die immer anspruchsvollere Reiselustige heranzüchtet.

Die Hersteller von Wander- und Trekkingschuhen haben in den vergangenen Jahren einige Anstrengungen unternommen, um die Füße des Wanderlustigen so komfortabel wie möglich zu betten, ohne dass das zu Lasten der Sicherheit am Berg geht. Die Dämpfung verbessert, das Material atmungsaktiver und die Sohle griffiger gestaltet.

Die Schuhe sind insgesamt leichter geworden – auf Kundenwunsch allerdings, nicht, weil das eine Notwendigkeit wäre am Berg. Doch es bleiben Baustellen: Ein rutschfester Wanderschuh, der den Abstieg bei nassem Wetter weniger riskant macht als mit den bisherigen Modellen, ist nach wie vor nicht in Sicht. Und dass manchem Wanderer die Sohle unter den Füßen wegbröselt, ist ein in der Branche zur Genüge bekanntes Problem, dessen Lösung man immerhin nahekommt.

Ein großer Unsicherheitsfaktor bei neuen Wanderschuhen ist der Wanderer selbst. Der nämlich, sagt Lukas Meindl, mache sich oft zu wenig Gedanken darüber, wofür genau er den Schuh eigentlich nutzen will. „Da heißt es schnell mal: Oh, der ist superleicht und bequem, den will ich. Und dann macht sich unterwegs Enttäuschung breit, weil es der falsche Schuh für das entsprechende Gelände ist“, sagt Meindl, der gemeinsam mit seinem Bruder Lars den oberbayerischen Schuhhersteller Meindl in der neunten Generation führt.

Je stabiler desto schwerer der Schuh

Um dem vorzubeugen, haben die meisten Hersteller inzwischen Kategorien, in denen nach Anwendungsgebieten unterschieden wird: Wanderschuhe für gemütliche Touren in allenfalls leichtem alpinen Gelände, Trekkingschuhe für ausgedehnte Runden in felsigen Mittelgebirgshöhen und den einen oder anderen Klettersteig sowie die Bergschuhe, die im hochalpinen Gelände auch am Gletscher und in Steigeisen Halt bieten.

Je unwegsamer das Gelände, umso stabiler und damit schwerer der Schuh. Denn ein Profil, das auch dem Wanderer auf müden Beinen sicheren Tritt bieten soll, muss tief sein. „Dafür braucht es eine dicke Sohle mit ausgeprägtem Absatz, die ist aus Gummi, und der hat nun mal ein gewisses Gewicht“, erklärt Meindl.

Wer auf dünneren Sohlen über die Berge ziehen will, verzichtet also automatisch auf ein Stück Stabilität. Das tiefe Profil gibt dem Wanderer Halt an Ecken und Kanten, vor allem dann, wenn der Weg rutschig oder matschig ist. „Auf einer glatten Oberfläche werden Sie bei Nässe immer etwas rutschen, egal ob es Holz ist oder Stein, da hilft oftmals nur die Absatzkante der Sohle“, sagt Meindl, der sich diesbezüglich schon durchs gesamte eigene Sortiment probiert hat. „Das ist Physik, das muss man akzeptieren und schauen, dass man bei schlechtem Wetter mit einer guten Sohle unterwegs ist.“

Zwei- oder dreifach genäht

Wanderschuhe werden genäht – die hochwertigen auch zwie- oder trigenäht – und mittlerweile weitaus häufiger geklebt. Das ist günstiger und macht die Hersteller bei der Anpassung der Sohlen flexibler. Zudem sind Nähte potenzielle Schwachstellen: Hier kann Wasser eindringen und den Schuh schädigen. Für den Schaft wird außen glattes oder raues Leder oder auch Kunstfaser verwendet, innen kommen ebenfalls Leder und Kunstfaserfilze zum Einsatz. Die Optik rangiert dabei immer hinter dem Schutz des wandernden Fußes.

Wasser- und winddicht sowie atmungsaktiv soll der Schuh sein, dabei aber so robust, dass die Zehen keinen Schaden nehmen, wenn sie unsanft mit Steinen in Berührung kommen. Für Touren im eher alpinen Bereich mit viel Geröll eignen sich daher eher Lederschuhe, die sind widerstandsfähiger und auch langlebiger als solche mit Nylonschaft. Für die Sohlen greifen die meisten Hersteller inzwischen auf den Weltmarktführer Vibram zurück, der auf eine spezielle abriebfeste Gummimischung setzt. Die Profile werden von den Herstellern entworfen und dann von Vibram produziert.

Schnürsenkel bestehen aus reibungsresistenten Chemiefasern und werden von erfahrenen Wanderern je nach Bedarf anders geschnürt: Ladenschnürung, Parallelschnürung, Falsche Feststellöse oder Flaschenzugtechnik sind oft verwendete Methoden.

Der Tiefzughaken wirkt Wunder

Dabei hilft ein Element, das auf den ersten Blick aussieht, als sei bei der Herstellung des Schuhes etwas schiefgelaufen: der sogenannte Tiefzughaken, der am Übergang vom Spann zum Unterschenkel sitzt und ein wenig aus der Ösen-Reihe tanzt. Er teilt den Schuh in zwei Schnürzonen. So kann zum Beispiel dem Fuß mehr Halt gegeben werden, während es ab dem Knöchel aufwärts lockerer zugeht. Damit lässt es sich gut bergauf gehen.

Bergab sollte auch ab der Beuge aufwärts fester geschnürt werden, um die Ferse in Position zu halten. Heißt: ganz hinten im Schuh, ohne unnötigen Spielraum. Das beugt Blasen und blauen Zehennägeln vor. Profitipp Nummer 1: Beim Anziehen die Schuhe auf die Hacken stellen oder, nachdem man reingeschlüpft ist, kurz auf den Boden klopfen, so rutscht die Ferse nach hinten. Profitipp Nummer 2: Etwa 15 bis 20 Minuten nach dem Beginn einer Tour die Schuhe neu schnüren. Denn der Fuß wird plötzlich stärker durchblutet und dehnt sich aus, zudem steigt die Temperatur im Schuh, das Material erwärmt sich und wird flexibler.

Lukas Meindl ärgert sich mitunter darüber, dass die Leute sehr stiefmütterlich mit ihren Wanderschuhen umgehen. „Da kauft jemand einen Schuh und denkt, der muss nach zehn, 15 Jahren noch genauso aussehen und funktionieren wie am ersten Tag, und zwar ohne, dass er was dafür getan hat“, sagt Meindl. „Statt als Gebrauchsgegenstand wird der Schuh als Anschaffung fürs Leben verstanden.“ Und selbst wenn, könne man die ja wenigstens pflegen, doch genau das machen viele nicht.

Gute Pflege muss sein

Lukas Meindl nimmt sich dann auch mal die Zeit und antwortet den Kunden mit einer detaillierten Pflegeanleitung: Ein Wanderschuh gehört nach der Nutzung gewaschen – auch innen – und luftig, aber nicht in der Sonne getrocknet, das Schuhbett rausgenommen. „Ein Fuß produziert rund 150 bis 200 Milliliter Schweiß pro Wanderung, das muss ordentlich austrocknen, um der Schimmelbildung vorzubeugen“, sagt Meindl.

Gelagert werden sollten die Schuhe ebenfalls luftig und bei normaler Raumtemperatur, nicht zu feucht, nicht zu trocken. Auf keinen Fall im Karton, denn dort drinnen steht die Luft. Und das bekommt vor allem der Zwischensohle nicht. Bei guter Haltung und Pflege, sagt Meindl, hält ein Wanderschuh bei durchschnittlicher Nutzung etwa fünf bis sieben Jahre. Man kann ihn, je nach Nutzungsintensität und Einsatzgebiet, aber auch binnen eines Jahres ablaufen.

Unter den Mails und Briefen, die beim Meindl-Kundenservice ebenso wie bei anderen Herstellern eintreffen, finden sich immer wieder welche, denen ein Foto beigefügt ist. Es wirkt wie eine stumme Anklage: ein Wanderschuh mit zerbröselter Zwischensohle, die Sohle liegt entweder schlaff daneben oder hängt noch traurig am Schaft. Im Begleittext erzählen die Kunden von gefährlichen Situationen am Berg. Wie auf der Urlaubstour plötzlich ein Schuh unterm Fuß zu schwimmen beginnt, das Laufen wackliger wird und sich schließlich die Sohle ablöst.

Die zerbröselte Zwischensohle

Das, was da passiert, nennt sich Hydrolyse. Es ist ein nur zu gut bekanntes Phänomen, doch man kann nicht viel dagegen tun. Opfer der Hydrolyse wird die Zwischensohle, die Schaft und Sohle verbindet. Ihr fällt der Job der Dämpfung zu. Deshalb verwenden die Hersteller am liebsten Sohlen aus Polyurethan (PU). „Ein super Material und eine tolle Spielwiese“, sagt Roland Klein vom Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit in Darmstadt, „denn mit PU ergeben sich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten.“

Polyurethane entstehen, wenn ein Polyisocyanat und ein Polyol miteinander reagieren. Die Eigenschaften des Endprodukts werden dadurch bestimmt, welchen chemischen Aufbau das Isocyanat und vor allem der Alkohol haben. Von sehr hart wie bei Hartschaum für die Wärmedämmung oder Lacken bis zu sehr weich wie bei Matratzen oder dem Gel im Fahrradsattel ist nahezu alles möglich. Eben auch Schuhsohlen mit hervorragender Dämpfung.

Doch Wärme, Feuchtigkeit und UV-Strahlen setzen dem Material zu, es altert. Die Hydrolyse setzt ein: Das PU ergibt sich dabei Wassermolekülen, die die Verbindung wieder auflösen. Das Resultat sind zerbröselnde Schuhsohlen.

Stabilisatoren, Antioxidantien, Lichtschutz

Um diese Prozesse etwas hinauszuzögern, setzen Materialforscher dem PU Additive zu: Hydrolysestabilisatoren, Antioxidantien oder Lichtschutzfaktoren. „Die halten den Verfall eine Weile lang auf, sind nach einer Weile aber aufgebraucht“, sagt Klein. Weniger anfällig für die Hydrolyse wäre zum Beispiel Gummi, doch für Zwischensohlen kommt der nicht in Frage, da er mit der Zeit spröde wird.

Für PU spricht zudem der vergleichsweise einfache Herstellungsprozess: Die beiden Bestandteile können ohne große Vorkehrungen zusammengerührt werden. „Im flüssigen Zustand sind Isocyanate schädlich für die Gesundheit, sie sollten nicht mit Haut oder Augen in Berührung kommen oder gar verschluckt werden, ihre Dämpfe sollten nicht eingeatmet werden“, sagt Materialforscher Klein. „Doch nach dem Aushärten hat sich das erledigt, von der Schuhsohle geht dahingehend keine Gefahr aus.“

Die neuen, resistenteren PU-Mischungen freuen auch die Hersteller. „Bei PU-Sohlen von früher war das Problem viel ausgeprägter“, sagt Alexander Nicolai, Geschäftsführer des Schuhherstellers Lowa. „Doch inzwischen gehen die Fälle deutlich zurück.“ Dass man trotz Hydrolyse nicht auf PU verzichte, liege an den Stärken des Materials.

Schnell müde: Eva, das Polymer

Ernstzunehmende Konkurrenten gibt es kaum. Der einzige Kandidat ist das Alternativmaterial EVA, kurz für Ethylen-Vinylacetat, ein Polymer, das unter anderem für die Herstellung gummiartiger Kunststoffe verwendet wird. EVA ermüdet und verformt sich durch mechanische Belastung schneller als PU, die Dämmeigenschaften gehen rascher verloren. „Aber EVA ist sehr leicht und wird deshalb vor allem bei Schuhen verwendet, die so wenig wie möglich wiegen sollen“, sagt Nicolai. Die Zwischensohlen machen einen Teil der Stabilität des Schuhs aus. Der andere Teil wird durch die Brandsohle oder eingelegte Versteifungselemente in der Sohle reguliert.

Je leichter ein Schuh, umso stärker verliert er an Form und Stabilität. Wer trittsicher und erfahren ist, kann damit durchaus durch felsiges Gelände kraxeln. Untrainierten Wanderern jedoch, die länger unterwegs sein wollen, rät Nicolai zu stabilen Schuhen: „Eine steifere Sohle sorgt nicht nur für mehr Sicherheit im schwierigen Gelände, sondern auch für ein entspannteres Laufen, da Fuß- und Unterschenkelmuskulatur weniger beansprucht werden.“

Irgendwann aber hat jeder Wanderschuh ausgedient. Da jedoch meist Zwischensohle oder Sohle als Erstes den Dienst am Wanderer verweigern, hat der Schuh eine gute Chance auf ein zweites Leben. Die meisten Hersteller bieten eine Neubesohlung an, bei der dann auch gleich vorhandene Nähte saniert und die Schuhe gepflegt werden. Zwischen 70 und 120 Euro pro Paar liegen die Kosten, die Kunden offenbar vor allem im Sinne der Nachhaltigkeit gerne in Kauf nehmen. „Die vergangenen Jahre ist die Nachfrage ständig gestiegen, auch speziell nach dem Corona-Lockdown“, sagt Lowa-Chef Nicolai. „Im vergangenen Jahr lagen wir bei 16.000 Neubesohlungen.“

Wie eine stummeAnklage: Fotos von Wanderschuhen mit abgelöster Sohle oder zerbröselter Zwischensohle landen regelmäßig beim Kund
Wie eine stummeAnklage: Fotos von Wanderschuhen mit abgelöster Sohle oder zerbröselter Zwischensohle landen regelmäßig beim Kundenservice der Hersteller.
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