Gesundheit
Heilkräuter sind nicht ohne
Immer wenn die Ziegen die roten Beeren dieses einen Strauchs fraßen, sprangen sie bald darauf lebhaft herum und schliefen in der Nacht wenig. So entdeckten äthiopische Hirten der Legende nach die belebende Wirkung des Kaffees. Die Geschichte der Kräuterkunde geht weit zurück, und auch heute noch greifen Menschen auf die Apotheke der Natur zurück.
Hoch dosierte Arzneimittel pflanzlichen Ursprungs nennt man Phytopharmaka. Ob sie unbedenklich sind und welchen Nutzen sie haben, wird inzwischen in klinischen Studien unter die Lupe genommen. Am besten untersucht ist das natürliche Antidepressivum Johanniskraut. Der Extrakt aus der gelb blühenden Pflanze wirkt stimmungsaufhellend. Er enthält einen Cocktail von Inhaltsstoffen, die zur Wirkung beitragen, vor allem Hyperforin und sogenannte Flavonoide.
Laut einer 2016 erschienenen Überblicksarbeit, die 27 Studien einschloss, hilft Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen ebenso gut wie gängige Antidepressiva und verursacht noch dazu weniger Nebenwirkungen. Es ist sogar offiziell in der medizinischen Leitlinie zur Behandlung der Depression aufgeführt.
Nicht auf eigene Faust sammeln
„Hoch dosierte Johanniskrautpräparate sind anerkannte Antidepressiva und werden immer häufiger von Ärzten verordnet“, bestätigt Christoph Bielitz, Professor für Psychiatrie mit Weiterbildung in Naturheilkunde und Suchtmedizin sowie ärztlicher Direktor des Sigma-Zentrums, einer Privatklinik in Bad Säckingen.
Allerdings: Hoch dosierte Johanniskrautpräparate sind verschreibungspflichtig. Das Kraut auf eigene Faust sammeln und sich daraus einen Tee brauen? Bloß nicht. Je nach Klima und Erntezeit kann die Wirkstoffkonzentration stark schwanken. Besser greift man auf Dragees zurück, die sich exakt dosieren lassen.
Doch auch frei verkäufliche Pillen aus der Drogerie sollte man grundsätzlich nicht leichtfertig einnehmen. Denn selbst bei vergleichsweise verträglichen Wirkstoffen wie denen des Johanniskrauts kann es zu Wechselwirkungen kommen: Die Antibabypille funktioniert unter Umständen nicht mehr so gut. Und in Kombination mit anderen Antidepressiva droht ein lebensgefährliches Serotoninsyndrom mit Herzrasen, Zittern und Verhaltensänderungen.
Jährlich Tausende Todesfälle
„Ich kann nur davor warnen, diese Mittel ohne Absprache mit dem Arzt zu nehmen oder auch noch zu mischen“, sagt Psychiater Bielitz. Er geht davon aus, dass es in Deutschland dadurch jährlich zu Tausenden Todesfällen kommt.
Eine andere vielversprechende Heilpflanze hat so starke Nebenwirkungen, dass sie in Deutschland gar nicht mehr eingesetzt wird: Kava-Kava, ein Gewächs aus der Südsee, auch Rauschpfeffer genannt. Es wirkt beruhigend, angstlösend und hilft beim Einschlafen – das zeigen klinische Studien. Das Problem: Kava-Kava ist Tierversuchen zufolge krebserregend und kann die Leber schädigen.
Natürlich heißt also keineswegs immer sanft. „Es ist eine Sache der Dosierung“, sagt Gerhard Gründer, Professor für Psychiatrie und Vorsitzender der Abteilung für Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Ab einer gewissen Menge greife ich auch mit pflanzlichen Präparaten in die Hirnchemie ein.“ Dann bleiben Nebenwirkungen nicht mehr aus.
Cannabidiol und Ginkgo
Einige Pflanzenextrakte haben sich in klinischen Untersuchungen als wirksam erwiesen. In frei verkäuflichen Präparaten sind sie jedoch teils so niedrig dosiert, dass kein starker Effekt zu erwarten ist.
Das gilt zum Beispiel für legale Cannabisprodukte mit dem Wirkstoff Cannabidiol (CBD), die als Angstlöser und Einschlafhilfen vermarktet werden. „CBD-Öl ist in den Dosierungen, wie man es kaufen kann, wahrscheinlich pharmakologisch nicht wirksam“, erklärt Gerhard Gründer. „In höheren Dosierungen kann CBD sich aber offenbar bei Patienten mit Schizophrenie positiv auswirken.“
Zu den umsatzstärksten und am besten untersuchten pflanzlichen Arzneimitteln gehören ebenso Präparate aus Blättern des Ginkgobaums aus Asien. Die traditionelle chinesische Medizin kennt seine Heilwirkung schon seit über 2000 Jahren.
Das Blatt enthält Inhaltsstoffe wie Terpene und Flavonoide, die auch in Hanf enthalten sind. Tierversuche zeigen, dass das Substanzgemisch Nervenzellen vor schädlichen Einflüssen schützen kann und Botenstoffe anregt, die am Lernen und Erinnern beteiligt sind. Außerdem hemmen die Stoffe die Blutgerinnung.
Besser durch die Nacht
Ginkgo wird daher zur Behandlung von Durchblutungsstörungen im Gehirn und damit einhergehender Gedächtnisschwäche und Unkonzentriertheit eingesetzt, ebenso bei beginnender Demenz. Bei gesunden Menschen verbessert Ginkgo die Merkfähigkeit allerdings nicht.
Bei Angst, Unruhe und Schlaflosigkeit ist Baldrian beliebt – zum Beispiel in Form von Pillen, Tinkturen, Tees oder Badezusätzen. Entscheidend für die Wirkung ist wahrscheinlich das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe, darunter ätherische Öle, Lignane, Valerensäuren und Flavonoide. Sie beeinflussen die Botenstoffe Serotonin und Gamma-Aminobuttersäure (GABA). In einigen Fertigpräparaten wird der Extrakt der Baldrianwurzel mit anderen beruhigenden Pflanzenstoffen, etwa aus Passionsblume und Hopfen, kombiniert.
Eine Überblicksarbeit zu 16 Studien mit mehr als 1000 Versuchspersonen weist darauf hin, dass man mit Baldrian tatsächlich besser durch die Nacht kommt. Doch laut einer weiteren Metaanalyse verhilft Baldrian verglichen mit einem Placebo weder zu einem rascheren noch zu einem längeren Schlaf, wenn man unter Einschlafproblemen leidet.
Baldrian macht nicht süchtig
Und wie schneidet Baldrian im Vergleich zu Benzodiazepinen, viel verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmitteln, ab? In einer Untersuchung am Institut für Psychosomatische Forschung in Stuttgart wurden 202 Personen mit Schlafstörungen ohne eindeutige Ursache entweder mit 600 Milligramm Baldrianwurzelextrakt oder mit 10 Milligramm des Benzodiazepins Oxazepam behandelt. Sechs Wochen lang sollten sie die Pillen täglich kurz vor dem Zubettgehen einnehmen. Es zeigte sich: Baldrian und Oxazepam verbesserten die Schlafqualität gleich gut.
Im Gegensatz zu Benzodiazepinen macht Baldrian nicht abhängig und das gefürchtete Gerädertsein am nächsten Tag bleibt meist aus. Als Nebenwirkungen kommen aber Übelkeit und Bauchschmerzen vor. Und wie bei allen pflanzlichen Schlafmitteln gilt, dass er unter Umständen die Fahrtüchtigkeit einschränken kann.
Seine volle Wirkung entfaltet Baldrian oft erst nach zweiwöchiger Einnahme, was das Risiko von Nebenwirkungen erhöht. „Bei schweren Schlafstörungen kommt man mit Baldrian nicht aus“, warnt Gerhard Gründer. Doch gegen ein Baldriandragee oder einen beruhigenden Tee vor dem Schlafengehen ist aus seiner Sicht nichts einzuwenden.