Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Geschichte: Die Frau, die Japan einte

Mit einer Himiko-Statue grüßt die Stadt Kanzaki in der japanischen Präfektur Nara ihre Besucher.
Mit einer Himiko-Statue grüßt die Stadt Kanzaki in der japanischen Präfektur Nara ihre Besucher.

Viel weiß man nicht über Himiko, die im 3. Jahrhundert herrschte. Heute ist sie ein Symbol für Feminismus oder gesunde Ernährung.

Wie viele japanische Städte hat auch Sakurai ein „kyara“, ein Maskottchen, das die Stadt repräsentieren und Tourismus, lokale Identität und wirtschaftliche Entwicklung fördern soll. Das Maskottchen Sakurais ist Himiko-chan: ein niedliches, 12-jähriges Mädchen, das Süßes mag, gerne spielt und gelegentlich etwas faul ist.

Ein rotes Band mit rosa Blume hat sie um den Kopf, ein große Kette mit blauen Perlen um den Hals, eine rote Schärpe, eine weiße Robe. Himiko-chan begrüßt die Besucher Sakurais zum Beispiel auf einem Schild am Bahnhof, schreibt Laura Miller, Professorin für Japanologie an der University of Missouri-St. Lewis, in ihrem Aufsatz in dem Forschungsband „Diva Nation. Female Icons from Japanese Cultural History“.

Gibt man die Begriffe „Himiko-chan“ und „Sakurai“ bei Youtube ein, findet man drei Videos, in denen eine Frau im Himiko-Kostüm mit übergroßem Kopf durch die Stadt führt und die Sehenswürdigkeiten präsentiert.

Wo lag Yamatai?

Historische Vorlage für das Maskottchen ist Himiko, die im 3. Jahrhundert über Yamatai herrschte, einen Zusammenschluss mehrerer japanischer Stämme. Wo genau Yamatai lag, kann bis heute niemand mit Sicherheit sagen. Eine der Städte, die Anspruch darauf erhebt, ist die 65.000-Einwohner-Stadt Sakurai in der Präfektur Nara nahe Osaka.

Dort befindet sich der Hashihaka Kofun, ein Grabhügel in Form eines Schlüssellochs, 280 Meter lang und 30 Meter hoch – und dort könnte sie begraben sein. Himikos Heimat zu sein, schreiben sich aber auch Yamatokoriyama zu, ebenfalls in der Präfektur Nara, und Moriyama in der Nähe von Kyoto. Beide Städte wählen in Wettbewerben regelmäßig ihre eigene „Queen Himiko“.

In einer Umfrage aus dem Jahr 2007 kannten 99 Prozent der befragten japanischen Schulkinder Himikos Namen. Das war nicht immer so, berichtet Forscherin Laura Miller. Bis 1945 war Himiko relativ unbekannt. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als chinesische Chroniken in den Lehrplan aufgenommen wurden. Und in diesen Schriften wird Himiko erwähnt, als erster japanischer Herrscher überhaupt.

Totgeschwiegen von Japans Chronisten

Frühe japanische Aufzeichnungen, etwa das Kojiki aus dem Jahr 712 oder das Nihongi aus dem Jahr 720, erwähnen Himiko dagegen nicht, obwohl sie sich teilweise auf die älteren chinesischen Quellen beziehen. Miller sieht darin ein Indiz, dass die Königin von den japanischen Chronisten bewusst ausgelassen wurde. Wohl, weil eine Frau als Herrscherin dem Mythos einer von den Göttern gegebenen, ungebrochenen männlichen Herrscherlinie widersprechen würde, schreibt Miller in einem anderen Aufsatz.

Das Weizhi, die Chronik der chinesischen Wei-Dynastie aus dem 3. Jahrhundert, befasst sich in elf Kapiteln mit den sogenannten „Ostbarbaren“, erklärt Bernhard Scheid vom Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in seinem Web-Handbuch „Religion in Japan“. Mit „Ostbarbaren“ meinen die Chinesen zum einen die Koreaner („han“) und zum anderen die Japaner („wa“). Laut der chinesischen Chronik sind diese Gruppen noch mal in Stämme untergliedert, die teilweise untereinander verfeindet sind.

Das gilt auch für Yamatai: 70 bis 80 Jahre lang kämpfen die Stämme immer wieder gegeneinander. Bis die Einwohner schließlich keinen Mann zum Herrscher bestimmen, sondern Himiko die Regierung übertragen. Bei dem Namen, der „Kind der Sonne“ bedeutet, handelt es sich vermutlich um einen Herrschernamen; die Chinesen nennen das Oberhaupt von Yamatai „Pei-mi-hu“.

1000 Dienerinnen und ein Mann

Himiko ist zu diesem Zeitpunkt bereits im mittleren Alter, aber noch immer unverheiratet. Bei den Regierungsaufgaben wird sie von ihrem jüngeren Bruder unterstützt. Das Volk bekommt sie nur selten zu Gesicht. In ihrem imposanten Palast lebt sie mit 1000 Dienerinnen, nur ein Mann darf zu ihr, um ihr Essen, Trinken und Nachrichten zu bringen.

Dass Himiko erfolgreich regiert, hat sie nicht nur diplomatischem Geschick zu verdanken – glaubt man der Überlieferung des Weizhi, ist sie eine Schamanin und verfügt über magische Kräfte: „Sie dient dem Geisterglauben und ist fähig, damit das Volk zu verleiten.“ Mit der chinesischen Wei-Dynastie steht sie laut den Aufzeichnungen seit dem Jahr 238 in Kontakt. Als sie zehn Jahre später stirbt, wird sie mit über 100 Dienern in einem Grabhügel von mehr als 100 Fuß Durchmesser bestattet.

Mit den friedlichen Zeiten ist es danach erst einmal vorbei in Yamatai: Das Weizhi hält fest, dass nach Himiko wieder ein Mann regiert. Der kann sich jedoch bei den einzelnen Stämmen in seinem Herrschaftsgebiet nicht durchsetzen, sodass es wieder zu Konflikten kommt.

Erfolgreicher als die Männer

Schließlich muss doch wieder eine Frau übernehmen: Eine junge Verwandte Himikos namens Iyo soll es richten. Und schafft es offenbar auch: „Im Lande war es daraufhin wieder ruhig.“ Die Berichte im Weizhi sind laut Scheid „mehr oder weniger authentisch“, obwohl sie später teilweise überarbeitet wurden. Deshalb sollte man der antiken Wegbeschreibung zu Himikos Palast besser nicht folgen, denn die führe mitten in den Pazifik.

Laut den chinesischen Aufzeichnungen war Himiko eine Frau, die sich in einer Männerdomäne behauptet und diese Aufgabe erfolgreicher erledigt als ihre männlichen Vorgänger. Kein Wunder also, dass Himiko bis heute als Symbol genutzt und vermarktet werde, stellt die Japanologin Miller fest.

So wurde die ungewöhnliche Geschichte der mächtigen Frau ab den 1970er Jahren immer wieder aufgegriffen, in Mangas, in Filmen und Romanen. Und das auch außerhalb Japans: Im Computerspiel „Tomb Raider“ von 2013 und in dem darauf basierenden Hollywood-Streifen von 2018 begibt sich Archäologin Lara Croft auf die Suche nach Himikos Grab, in das die Herrscherin einst wegen ihrer magischen Kräfte verbannt worden sein soll. Zwei Symbole für Frauenpower, West und Ost, vereint in einer Geschichte.

Ausgeschlachtet von der Konsumgesellschaft

Außerdem muss Himiko inzwischen auch für Unerwartetes herhalten – Ernährung. So werde Himiko gerne genutzt, um für den Verzehr von rotem Reis zu werben, seitdem Archäologen herausfanden, dass zu Himikos Lebzeiten roter Reis in Japan gegessen wurde, sagt Miller. Ähnlich, wie sich die Paleo-Ernährung an den Spekulationen orientiert, die über die Ernährung der Steinzeitmenschen in Umlauf sind, greift die Himiko-Diät in Japan die Idee auf, dass moderne Menschen dasselbe essen sollten wie ihre Vorfahren. Im Fall von Himiko sind das dann eben Walnüsse und Bergkartoffeln, wilder Knoblauch und Sojabohnen, gedämpfte Klettenwurzeln, roter Reis, gebratener Süßwasserfisch und Wakame-Algen.

Gern wird die Himiko-Diät als Gegenstück zur modernen westlichen Ernährung mit ihren verarbeiteten Lebensmitteln dargestellt: Sie setzt auf Rohkost und vegetarische Suppen. Lebensmittelskandale führen auch in Japan dazu, dass sich Menschen eine ursprünglichere Mahlzeit wünschen. Wer Himiko für seine Produkte nutze, erläutert Forscherin Miller, wolle sie nicht nur als ursprünglich und unbelastet darstellen, sondern auch als historisch relevant. So werben einige Sake-Produzenten mit Himiko, weil die chinesische Chronik berichtet, dass ihr Volk gern zu dem Reisgebräu griff.

Auf ihrer Spurensuche vor Ort hat Miller die Speisekarten der Restaurants und Cafés in den Himiko-Städten Sakurai, Moriyama und Yamatokoriyama unter die Lupe genommen. Ob Pfannkuchen, Parfait oder Cocktails – hier tragen viele Gerichte und Getränke Himikos Namen. Eine tatsächliche Verbindung zu der legendären Herrscherin oder ihrer Zeit gebe es in den meisten Fällen aber nicht. Was die Kunden nicht störe, im Gegenteil. Auch eine offensichtlich konstruierte Verbindung zu einer antiken, mystischen Herrscherin schafft Identität.

Wo wenig bekannt ist, bleibt mehr Raum für eigene Befindlichkeiten.

 Auf die Suche nach dem Grab der legendären japanischen Königin begibt sich Alicia Vikander als Archäologin Lara Croft im Film „
Auf die Suche nach dem Grab der legendären japanischen Königin begibt sich Alicia Vikander als Archäologin Lara Croft im Film »Tomb Raider« von 2018.
x