Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Der Mann, der die Gräuel im Kongo aufdeckte

Menschenkinder: Das undatierte Foto zeigt Roger Casement in der Nähe des Flusses Putumayo mit Bewohnern des Amazonasgebiets, das
Menschenkinder: Das undatierte Foto zeigt Roger Casement in der Nähe des Flusses Putumayo mit Bewohnern des Amazonasgebiets, das sich zwischen Peru und Kolumbien befindet. Er war dort 1910 im Auftrag der britischen Krone angelangt, um Gerüchten über die Versklavung von Menschen durch eine Londoner Firma nachzugehen.

Als britischer Diplomat beendet Roger Casement die schlimmsten Auswüchse des Kolonialismus und wird zum Ritter geschlagen. Doch dann zettelt er einen Aufstand gegen die Krone in seiner Heimat Irland an. Das ist Hochverrat.

Mitten im Ersten Weltkrieg, es ist die Nacht zum 21. April 1916, taucht das deutsche U-Boot 19 vor der Westküste Irlands auf, das zum verfeindeten British Empire gehört. Drei Männer werden abgesetzt und kämpfen sich durch die Brandung an den Sandstrand von Banna. Zeitgleich soll etwas weiter südlich das Handelsschiff Libau, als norwegischer Frachter Aud getarnt, mit einer Waffenlieferung aus Deutschland anlanden. An Bord hat man 20.000 Karabiner, einige Maschinengewehre und Munition. Sie sind für den an Ostern geplanten Aufstand der Iren gegen die jahrhundertealte englische Herrschaft gedacht.

Doch es warten keine Verbindungsleute am Strand, und bald wird auch die Libau von britischen Schiffen eingeholt, weshalb Kapitän Karl Spindler sie samt Waffen versenkt. Im Moment weiß der Leiter der Geheimoperation, Roger Casement, das jedoch nicht. Er macht gerade einen Malariaschub durch und gerät in fiebrige Euphorie.

„Das Erste, was ich hörte, war der Gesang der Lerchen, die im Morgenlicht über den Dünen aufstiegen, ich war wieder in Irland“, deliriert er. Zu schwach, um weiterzugehen, versteckt er sich in einer alten Festung, während zwei Gefährten Hilfe holen.

Verhaftet und verhört

Casement wird jedoch entdeckt, verhaftet und zu stundenlangen Verhören nach London gebracht. Aber auch ohne die Waffen aus Deutschland bricht der Aufstand in Dublin los. Er wird sich zunächst zwar nur sechs Tage halten, letztendlich aber zur Unabhängigkeit Südirlands führen.

Als Casement am 1. September 1864 als viertes Kind der katholischen Mutter Anne Jephson und des protestantischen Vaters Roger Casement im Dubliner Vorort Sandycove geboren wird, regiert das British Empire in einem Großteil der Welt. Der Vater dient als Hauptmann im 3. Dragonerregiment, Reitersoldaten, die unter anderem in Afghanistan kämpfen.

Als sich Roger senior weigert, verschuldete Pächter von ihrer Scholle in Irland zu vertreiben, wird er zeitweise verbannt und schließt sich 1848/1849 dem verlustreichen Aufstand der Ungarn gegen das österreichische Kaiserreich an.

Nach dem Tod der Mutter im Kindbett 1873 wachsen die Geschwister zunächst in Nordirland auf. Auch der Vater stirbt 1877. Drei Jahre später gehen Roger und seine Schwester zur Tante Clare Bannister nach Liverpool. Roger fängt an, für die Elder Demister Schiffline zu arbeiten und geht bald auf erste Fahrten nach Afrika.

Der sonderbare Europäer

Der große, attraktive junge Mann ist eher sanfter Natur. Zeitzeugen erzählen von seiner angenehmen und ruhigen Stimme. Casement dichtet auch, doch kommt es nie zu größeren Veröffentlichungen. Er lebt spartanisch. Seine Geschwister, die finanziell immer wieder in Schwierigkeiten geraten, unterstützt er später.

1884 nimmt er an der Erkundungsreise des Abenteuers Henry Morton Stanley durch den Kongo teil. Als er 1890 zu einer Eisenbahngesellschaft wechselt, lernt er dort den jungen Polen Korzeniowski kennen, der später als Joseph Conrad den Roman „Herz der Finsternis“ über die Verbrechen im Kongo schreiben wird.

Denn inzwischen beginnt König Leopold II. von Belgien, die Region auszuplündern, sich ein privates Kolonialreich zu sichern. Obwohl er das Geschehen noch wenig hinterfragt und verschiedene Posten bekleidet, verhält sich Casement in den langen Jahren in Afrika nach Ansicht anderer Europäer höchst sonderbar.

Keine Waffen, kein Feilschen

Zum einen weigert er sich, Waffen zu tragen, weil er sie nicht benutzen will. Vor allem aber spricht er mit den Afrikanern auf Augenhöhe. Außerdem feilscht er bei Käufen nicht, sondern zahlt anstandslos den verlangten Preis. Wegen seines würdevollen Auftretens nennen ihn die Einheimischen „Königssohn“.

Roger Casements Kenntnisse ebnen ihm den Weg in den diplomatischen Dienst. Als Konsul und Botschafter arbeitet er bei anderen Kolonialmächten in Afrika. Nach verstörenden Gerüchten aus dem Inneren des Kongos über Versklavungen für die Kautschukgewinnung beauftragt ihn 1903 die britische Regierung damit, Erkundigungen einzuholen.

Casement bricht sofort auf und merkt bereits an den großen Handelsstationen, dass etwas nicht stimmen kann. Zum angeblichen Tausch gegen Kautschuk werden keine Waren verschifft, nur Gewehre und Munition gehen ins Landesinnere. Als er dorthin reist, ist er entsetzt: Er weiß, wie die Dörfer vor Jahren aussahen, nun sind viele Ortschaften verschwunden.

Hände und Füße abgehackt

Der Kautschuk – er stammt damals hauptsächlich aus dem Urwald – wird unter brutalen Bedingungen gewonnen. Die Zwangsarbeiter werden erpresst, indem man ihren Familien Gewalt und Tod androht. Um Exempel zu statuieren und jeden Widerstand im Keim zu ersticken, werden Männern, Frauen und Kindern Hände und Füße abgehackt.

Casement dokumentiert die Verstümmelungen Überlebender auf Dutzenden Fotos. Als Folge seines Berichts muss König Leopold II. 1908 seine private Kolonie an den belgischen Staat übergeben, gegen die schlimmsten Auswüchse wird vorgegangen.

Gewalt und Landraub im Kongo schärfen Casements Blick für die Geschichte Irlands, das auch eine Kolonie ist, auch wenn der Prozess bereits vor Jahrhunderten eingesetzt hat. Als sich 1905 die nationale Unabhängigkeitspartei Sinn Fein gründet, ist er dabei und engagiert sich für die gälische Sprache und Kultur. Er schreibt: „Jedes Volk hat das Recht, über sein eigenes Leben zu bestimmen.“

Gejagt, gefangen, ausgepeitscht, verhungert

1910 wird der Ire nach Peru entsandt, um Berichten über Menschenrechtsverletzungen am Fluss Putumayo im Grenzgebiet zwischen Peru und Kolumbien nachzugehen, wo eine in London ansässige Firma Kautschuk zapfen lässt. Als wichtig für die Untersuchung erweist sich, dass die Firma Vorarbeiter von der karibischen Insel Barbados angeheuert hat, deren Bewohner als Untertanen des britischen Königs gelten. Auf seiner Suche nach Dolmetschern stellt sich Casement einer der Poliere zur Verfügung. Der beherrscht nicht nur die Sprache der Ureinwohner, sondern ist auch bereit, als Kronzeuge auszusagen.

Der 29-jährige Arbeiter beschreibt das System am Amazonas, in das er fünf Jahre lang hineingezwungen wurde: Die Ureinwohner müssen mit ihren Kindern tagelang ohne Nahrung Lasten bis 75 Kilo schleppen, liefern sie zu wenig ab, werden sie gejagt, gefangen und ausgepeitscht. Da sie keine Zeit mehr haben, selbst Essen anzubauen, sterben sie an Hunger oder den Misshandlungen.

Casement gelingt es, die Aufseher von Barbados aus dem Gebiet herauszuholen, und den Völkermord durch Zeugenaussagen und Fotos zu dokumentieren. Dafür feiert ihn die liberale Öffentlichkeit in London. König Georg V. schlägt ihn zum Ritter. Dennoch wird der Unternehmer der Amazonas Company in Peru, Julio César Arana, nicht belangt und stirbt dort 1952 mit 88 Jahren als angesehener Bürger.

Aufstand gegen die Engländer

Casement hat sich zu dieser Zeit innerlich längst vom Empire verabschiedet. 1912 scheidet er aus dem aktiven Dienst als Diplomat aus und widmet sich dem Aufbau einer irischen Freiwilligenmiliz. Nach Kriegsbeginn reist er nach Berlin, wo er mit Kanzler Bethmann Hollweg und hohen Diplomaten zusammentrifft. Es geht um eine Waffenlieferung und die Aufstellung einer irischen Brigade.

Der gemeinsam mit amerikanischen Iren und der irischen republikanischen Bruderschaft ausgeheckte Plan gestaltet sich allerdings schwierig. Zwar ziehen die Deutschen tatsächlich über 2000 aus Irland stammende Kriegsgefangene nahe Frankfurt zusammen, aber die verstehen sich zuallererst als Briten. Nur 56 Kämpfer schließen sich Casement an. Die Deutschen sind enttäuscht. Casement gibt sich daher mit einem Fünftel der erhofften Waffen zufrieden.

Nach seiner Rückkehr wird Casement in Irland gefangen genommen und in London verhört. Unterdessen scheitert der irische Aufstand in Dublin. Trotz seines Hochverrats ist Casement noch immer beliebt, viele Briten fordern, bei ihm von der Todesstrafe abzusehen. Da holt Basil Thomsen, Leiter der Sonderabteilung von Scotland Yard, „Schwarze Tagebücher“ hervor, die in seine Hände gefallen sein sollen und zeigt König Georg V. Auszüge. Sie sollen Casements guten Ruf zerstören, doch sind wahrscheinlich gefälscht.

Gehenkt und bis heute verehrt

Der für seine Suche nach der Wahrheit bekannte Erfinder des Sherlock Holmes, Arthur Conan Doyle, der Casement verehrt und ihn im Roman „Die Vergessene Welt“ als John Roxton verewigt, glaubt an eine Fälschung und besucht seinen Freund im Gefängnis. Auch die Schriftsteller Bernhard Shaw und William Butler Yeats erhalten ihr Gnadengesuch an den König aufrecht, während andere durch die Kampagne der Londoner Polizei abspringen. Am 3. August 1916 wird Casement gehängt. Erst 1965 wird sein Körper nach Dublin überführt, 30.000 nehmen an dem Begräbnis teil.

In Deutschland war Casement fast vergessen, bis der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa ihn mit seinem 2010 erschienenen Buch „Der Traum des Kelten“ wieder in Erinnerung brachte. Das Opfer des Iren als Freiheitskämpfer einer unterdrückten Nation, sein Einsatz für die Menschenrechte – das alles war nicht umsonst.

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