Filmgeschichte
Der Mann, der das Science-Fiction-Kino erfand
Nun also Hollywood. Nach 15 erfolgreichen Jahren in Berlin und einer kurzen Episode in Paris besteigt Fritz Lang im Juni 1934 ein Schiff Richtung Vereinigte Staaten. In Deutschland sieht der Regisseur keine Zukunft mehr. Lange, wird er später sagen, sei er wie ein „Schlafwandler“ durch Berlin gegangen, habe sich nur für seine Filme, seine Karriere interessiert, nicht jedoch für die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Nun kehrt Lang den Nazis und seiner Wahlheimat den Rücken, fängt in der Traumfabrik neu an. Es ist nicht das erste Mal – und wird auch nicht das letzte Mal sein.
Zur Welt kommt Friedrich Christian Anton Lang, kurz Fritz, 1890 in Wien. Beide Eltern sind vermögend, Mutter Pauline, eine konvertierte Jüdin, ist eine starke, eigenständige Frau. Sie ist es, die Fritz’ Liebe zur Kunst fördert. Zum Vater, einem Bauunternehmer, hat Lang von klein auf ein distanziertes Verhältnis. Das, sagt Filmwissenschaftler Norbert Grob in der Biografie „Ich bin ein Augenmensch“, spiegele sich in Langs Werk wieder: Vaterfiguren werden oft zu Gegnern oder gar Feinden.
Was er beruflich machen soll, weiß Lang am Anfang nicht so genau. Um seinen Vater friedlich zu stimmen, besucht er die Technische Hochschule, schmeißt jedoch schnell hin. Er verbringt einige Zeit in München, Paris und Brüssel – und dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Lang meldet sich freiwillig an die Front, zeigt Talent als Zeichner, der für die Truppen Karten anfertigt. Mehrfach wird er verwundet, ein Schrapnellsplitter trifft ihn im linken Auge, auf dem er von da an schlecht sieht.
Auf Heimaturlaub von der Front
Zur Genesung wird Lang heim nach Wien geschickt. Er geht gern ins Kino, schreibt Drehbücher und trifft bei einer Theateraufführung für verwundete Soldaten den Filmproduzenten Erich Pommer. Der lädt ihn ein, als Dramaturg für seine Berliner Produktionsfirma zu arbeiten. Pommer ist überzeugt, dass sich hinter Langs mitunter arrogantem Auftreten ein begeisterungsfähiger Mensch versteckt, mit „dem Instinkt eines Malers“.
Schon kurz nach seiner Ankunft erhält Lang die Chance, eines seiner Drehbücher selbst umzusetzen: „Halbblut“, eine Geschichte um eine Frau, die zwei Männer ins Verderben stürzt, ist innerhalb weniger Tage abgedreht und bekommt solide Kritiken. Lang hat Blut geleckt, nun ist ihm endgültig klar: „Im Grunde bin ich immer glücklich, wenn ich drehe. Das ist kein zweites Leben für mich, das ist mein Leben.“ Langs zweite große Liebe sind die Frauen: Er hat unzählige Affären, auch dann, wenn er gerade in einer längeren Beziehung oder verheiratet ist, unter anderem mit Autorin Thea von Harbou.
Nach sechs Monaten in der deutschen Hauptstadt ist Lang bereits so etwas wie der neue Star, berichtet Biograf Grob: „Sicherlich war dieser Aufstieg Resultat seiner unermüdlichen Neigung, immer neu anzusetzen, alles immer anders zu machen, sich nie an Rezepte oder starre Formeln zu halten.“
Die Großstadt als Moloch
„Master of Darkness“, Meister der Dunkelheit, nennt das „British Film Institute“ Lang einmal. Wer heitere, leichte Stoffe erwartet, ist bei dem Österreicher, der 1922 auch die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, falsch. In seinen Stummfilmen setzt Lang mal unheimliche, mal fantastische, mal zermürbende Stoffe um: In „Der müde Tod“ tritt der Sensenmann als düstere Gestalt mit schwarzer Kutte und breitem Hut auf, in „Die Nibelungen“ geht es um Liebe, Heldentod und Verrat, in „Dr. Mabuse“ um einen skrupellosen Neureichen, der mit seinen Mitmenschen spielt.
In seinem wohl berühmtesten Film, „Metropolis“, greift Lang die Themen seiner Zeit auf: die Schere zwischen Arm und Reich, soziales Elend, der Aufstand der Arbeiter, die Technisierung des Alltags, die Großstadt als Moloch. „Man ist wie erschlagen!“, schreibt ein Kritiker nach der Premiere. Kein Wunder: Die Häuserschluchten im Film sind unverkennbar vom Stadtbild New Yorks, besonders Manhattans, inspiriert. Eine Maschine verwandelt sich in eine lebendige Frau – solche Effekte hat man bis dahin so noch nicht gesehen.
Der Film hat nicht nur optische Sprengkraft: Die Dreharbeiten dauern 17 Monate und verschlingen rund 5 Millionen Reichsmark – Metropolis ist der teuerste Film der Weimarer Republik. Mit seinem Perfektionismus treibt Lang seine Mitarbeiter regelmäßig in den Wahnsinn. So wird zum Beispiel die zeitaufwendige Stop-Motion-Technik verwendet, bei der man Einzelaufnahmen aneinanderreiht. Oft arbeitet die Crew wochenlang an Kulissen, die dann nur wenige Sekunden zu sehen sind.
Metropolis ist teuer und ein Flop
Beim zeitgenössischen Publikum kommt der Science-Fiction-Klassiker, auf den viele spätere Filme Bezug nehmen, nicht gut an. Auch die Kritiker überzeugt er nicht. Mehrfach wird der ursprünglich zweieinhalbstündige Film gekürzt, um ihn für die Zuschauer verdaulicher zu machen.
Ende der 20er Jahre steht die Filmbranche vor einer entscheidenden Veränderung: Der Tonfilm löst allmählich den Stummfilm ab. Wie man Filme dreht, muss neu gedacht werden. Lang schafft es, Toneffekte geschickt einzusetzen, etwa in „M“, dem ersten Film über einen Triebtäter, bei dem sich der Mörder mit der Melodie verrät, die er unentwegt pfeift. Auch der Inhalt verändert sich: Das Individuum und das, was den Einzelnen im Innern antreibt, stehen nun mehr im Mittelpunkt. Nicht selten stammen die Ideen dazu aus dem Alltagsleben oder aus Zeitungsberichten.
Dass es in Nazi-Deutschland mit der künstlerischen Freiheit nicht weit her ist, merkt Lang schon kurz nach der Machtergreifung. Sein zweiter Mabuse-Film, in dem viele eine Anspielung auf Hitler sehen, wird von Propagandaminister Goebbels verboten. In dem Film geht es unter anderem um einen Wahnsinnigen, der gefangen in einer psychiatrischen Klinik ein Buch schreibt, wie man die Herrschaft des Verbrechens errichtet.
1933: Gepräch mit Goebbels
Im Frühjahr 1933, so Lang, sei er von Goebbels einbestellt worden; der habe ihn gebeten, für die Nationalsozialisten zu arbeiten. Er sei noch in derselben Nacht nach Paris aufgebrochen, ohne Geld. Ganz so dramatisch war die Lage aber nicht: In Wirklichkeit hat Lang Deutschland erst Monate später verlassen, nach reiflicher Überlegung und Vorbereitung, um auch im Ausland liquide zu sein.
In den USA angekommen, ist Lang fest entschlossen, sich anzupassen, spricht von da an fast nur noch Englisch. Er ist begeistert: „Was für ein Riesenland ist es, das nach Filmen hungert und sie zu Tausenden verschlingt, ohne jemals satt zu werden.“
Der Nachschub reißt dank der Traumfabrik Hollywood nie ab. Langs Neuanfang dort läuft aber nicht so glatt wie erhofft. Hollywood ist zu dieser Zeit fest in den Händen nur weniger Studios, darunter Metro-Goldwyn-Mayer, bei dem Lang anfangs unter Vertrag steht. Sein düsterer, kritischer Blick auf Mensch und Gesellschaft passt nicht zur schönen, heilen Welt, die MGM damals gerne zeigt. Nach mehreren gescheiterten Anläufen muss sich Lang für seinen ersten Film mit einer Low-Budget-Produktion begnügen – „Fury“, in der es um Lynchjustiz geht.
Im Visier der Kommunistenjäger
Von vielen Exil-Deutschen in den USA wird Lang kritisch gesehen – einige verdächtigen ihn, mit den Nazis zu sympathisieren. Der Regisseur entschließt sich daher, sich aktiv gegen Hitlers Regime einzusetzen. Er wird Mitglied der „Hollywood League Against Nazis“ und spendet beispielsweise für Künstler und andere Verfolgte, die in Deutschland in Not geraten sind und ausreisen möchten.
Anfang der 40er Jahre, urteilt Biograf Grob, sei Lang „auf dem Höhepunkt einer Metamorphose vom elitären L’art-pour-l’art-Feingeist über den aktiven Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und den snobistischen Schlafwandler in den 1920er Jahren bin zum engagierten Antifaschisten“. Dadurch gerät Lang jedoch ins Visier des FBI, das ihn verdächtigt, ein Kommunist zu sein.
Die Zeit in Hollywood ist für Fritz Lang ein stetes Auf und Ab, Flops wie das Musical „You and Me“ wechseln sich mit Erfolgen wie „Man Hunt“ und „Scarlet Street“ ab. Den Status, den er einst in Berlin hatte, erreicht er nie wieder. „Was glaubst Du, liebe Lotte, wie oft ich hier in Amerika einen Schritt vorwärts gekommen war, dann zwei Schritte rückwärts machen musste ...“, schreibt Lang einer Freundin. 1947 dreht er den Psychothriller „Secret Beyond the Door“. Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die glaubt, ihr Mann plane ihre Ermordung. Dass er das Verstörende im US-Alltag zeigt, finden weder die Kinobesucher noch die Kritiker gut. Die Studios meiden Lang daraufhin, nur noch gelegentlich wird er gebucht, große Freiheiten lässt man ihm nicht. Wieder einmal muss er sich neu orientieren.
1955: Zurück in Deutschland
So kommt es, dass Lang Mitte der 50er Jahre Deutschland besucht – lange hat er das für unmöglich gehalten. Aber er ist neugierig auf das geteilte Land, auf den Wiederaufbau, auf die Bewältigung der Vergangenheit. Der Rückkehrer dreht sogar wieder, darunter die „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960). Er verarbeitet darin seine Eindrücke aus der jungen Republik, Wirtschaftswunder und Kalter Krieg spielen ebenso eine Rolle wie der Horror des Dritten Reichs.
Lang ermahnt die Deutschen, das Geschehene nicht zu vergessen: Im Film ziehen eigentlich schon totgeglaubte Verbrecher im Verborgenen weiter ihre Strippen.
Heimisch fühlt sich Fritz Lang in Deutschland allerdings nicht mehr. Seinen Ruhestand verbringt er im sonnigen Los Angeles. Er liest viel, besucht Tagungen und Festivals, erhält auch einige Ehrungen, wenn auch nie die begehrteste Filmtrophäe, den Oscar. Besonders hart trifft den Augenmenschen Lang, dass im Alter auch die Sehkraft seines rechten Auges stark abnimmt – als er am 2. August 1976 stirbt, ist er beinahe blind.