Kunstgeschichte
Der Kirchenfenstermaler
Der Mann konnte Gänseblümchen korrupt aussehen lassen und einem Sonne, Mond und Sterne ersetzen. In den 1920er Jahren waren Buntglasfenster eine sichere Methode, Menschen in Staunen zu versetzen, und der Maler, Grafiker und Illustrator Harry Clarke beherrschte sie wie kaum ein Zweiter.
Heute laufen die meisten achtlos an der kleinen Seitenkammer in der Dubliner Hugh Lane Gallery vorbei, in dem eines seiner berühmtesten Buntglasbilder zu sehen ist. Streift man den Raum aber im Vorübergehen auch nur mit flüchtigem Seitenblick, wird man von den Farben wie magisch angezogen. Werke von Wilhelmina Geddes, Evie Hone, Paul Bony und James Scanlon blitzen hier um die Wette, doch das Highlight ist Harry Clarkes Arbeit mit dem Titel „The Eve of St. Agnes“ aus dem Jahr 1924. Inspiriert von John Keats gleichnamigem Gedicht erzählt Clarke auf 18 kleinen Glassegmenten die Liebesgeschichte von Madeline und Porphyro, die am Vorabend der Feierlichkeiten zu Ehren der heiligen Agnes aus dem Schloss von Madelines bösartigem Vater fliehen.
Die Anmut seiner märchenhaften Figuren und die vielen Details, die von Utensilien auf der Kommode im Schlafgemach über Wandbehänge, Teppichmuster bis zu den Falten im Kleiderstoff reichen – all das nimmt den Betrachter gefangen. Die Farben wirken beinahe hypnotisch: Ein Glühen und Schimmern in Korallenrot, Mondscheinsilber, Lilienweiß und in brillantem Blau – dieses alles überstrahlende, phosphoreszierende Tiefblau, das inzwischen das Harry-Clarke-Blau genannt wird und Markenzeichen seiner Werke ist.
Lodernde Fenster
Seine Fenster leuchten nicht – sie lodern, als hätte die Sonne sie angezündet, und erscheinen fast unwirklich. Clarke färbt die Welt, lässt sie quer durch den Regenbogen fallen, in Komplementärfarben rauschen oder in mystische Düsternis eintauchen. Purpurne Schatten, jadegrüne Gewänder, löwenzahngelbes Haar und immer wieder dieses vom Himmel gelogene Blau.
Obwohl seine Glasbilder jedem Heiligenschein die Show stehlen, bekommt Clarke in den 1910ern und 1920ern die meisten Aufträge von Irlands Kirchen. Kein Wunder, ist die katholische Kultur doch immer schon eine des Schauens gewesen und ein Fensterbild das Instrument, mit dem sich der Bibelinhalt in sinnlicher Form vermitteln lässt.
Zwar versucht man, Clarke strikte Vorgaben in Bezug auf die Gestaltung zu machen, aber der Künstler hat ein Faible für das Wundersame, Absurde und Schelmische entwickelt, und das setzt sich auch bei seinen Interpretationen von religiösen Themen durch. Die heilige Gobnait zum Beispiel, die eine Kirche vor der Plünderung verteidigte, indem sie einen Schwarm Bienen auf die Räuber losließ, wird auf Clarkes Bild von Riesenbienen umschwirrt, vor denen sich die aus lauter Angst auf Zwergengröße geschrumpften Banditen hinter der blauen Robe der Heiligen verstecken. Auf einem anderen Fenster lässt Clarke, der gern Ballettaufführungen besuchte, den Erzengel Gabriel Tüllrock und Schläppchen tragen.
Irlands Wirren auf Glas
Zu Clarkes Kunden zählt nicht nur die Kirche, auch Privatleute geben Fenster bei ihm in Auftrag. Das „Tullycross Triple Window“ zum Beispiel, auf dem drei Heilige zu sehen sind, soll der irische Zehntausendsassa Oliver St. John Gogerty – Schriftsteller, Arzt, Sportler, Pilot, Politiker und Mitglied der Schickeria – bestellt haben, um damit Abbitte für seinen ausschweifenden Lebenswandel zu leisten. Bei seiner Ehefrau, wohlgemerkt, und nicht bei der Kirche.
Die sozialen und politischen Umwälzungen, die Irland in den 1910ern und 1920ern erlebt, spiegeln sich in vielen Entstehungsgeschichten von Clarkes Bildern wider: Ein Fenster wird von einer Mutter zum Gedenken an ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn in Auftrag gegeben, ein anderes von der verzweifelten Witwe des britischen Hauptmanns Percival Lea-Wilson. Ihn erschoss die IRA während des Unabhängigkeitskrieges, aus Rache für die Misshandlung von irischen Rebellen. Als Motiv wählt Clarke den heiligen Stephanus, den ersten Märtyrer des Christentums, der wegen „Gotteslästerung“ gesteinigt wurde, weil er seinen neuen Glauben gegenüber jüdischen Anklägern verteidigte. Clarke erzählt in seinen Bildern nicht nur Geschichten, er reflektiert Geschichte, regt zum Nachdenken an.
Tod mit 41 Jahren
Seine eigene Geschichte endet früh: 1931 stirbt er mit nur 41 Jahren in der Schweiz. Dort ist er wegen einer Tuberkulose-Erkrankung zur Kur, erholt sich jedoch nicht mehr. 160 Buntglasfenster hat er bis dahin geschaffen; ausgestellt werden seine Werke in England, Australien und den USA, die meisten sind jedoch in seiner Heimat zu sehen.
Eine kleine Sensation stellt die Gilhooley-Scheibe dar, die erst vor wenigen Jahren nach Irland zurückgekehrt ist und in der Hugh Lane Gallery gezeigt wird. Sie ist Teil des legendären „Genfer Fensters“, das 1930 von der irischen Regierung als zu skandalös abgelehnt und ins Ausland verkauft wird: Unter dem dünnen Stoff, den die abgebildeten Tänzerinnen tragen, ist reichlich nackte Haut zu sehen.
In insgesamt 15 der 32 irischen Grafschaften sind Clarke-Fenster zu sehen. Kunstwallfahrer haben auf der Grünen Insel also reichlich Auswahl an Pilgerorten, um dem in Vergessenheit geratenen Meister ihre Anerkennung zu erweisen. Indem sie genau das tun, wozu er einlädt: Einkehr halten und im Überschwang der Farben baden.
Info: Henry Clarke
Geboren wurde Henry Patrick „Harry“ Clarke 1889 in Irlands Hauptstadt Dublin. Sein Vater Joshua betrieb dort ein Geschäft für Kirchendekorationen und Glasmalerei. Joshua Clarke war einer der Künstler, die das alte Handwerk in Irland wiederbeleben wollten, nachdem es beinahe von industriell hergestelltem Glas verdrängt worden war, berichten die Clarke-Biografen Lucy Costigan und Michael Cullen. Früh zeigte sich auch bei Harry Talent zum Zeichnen. Mit 15 Jahren begann er an der Dubliner Metropolitan School of Art ein Studium der Glasmalerei. Dort lernte er auch seine spätere Frau, die Malerin Margaret Crilley, kennen, mit der er drei Kinder hatte.
Säure & Schicht
Schon als Student experimentierte Clarke mit neuen Techniken. Durch das Auftragen von Säure und Abschleifen sogenannter Überfanggläser, die aus mehreren Schichten unterschiedlicher Färbung bestehen, erzielte er beeindruckende Ergebnisse. Bereits vor seinem Abschluss konnte Clarke für seine Fenster erste Preise einheimsen.
Folklore & Mythen
Von klein auf las Harry Clarke gerne und viel. Seine Liebe zur Literatur beeinflusste sein Werk ebenso wie die Kunstrichtungen seiner Zeit, Jugendstil, Wiener Secession und das Celtic Revival: Irische Künstler griffen die Symbole, Folklore und Mythen ihrer Heimat auf, um nach Jahrhunderten unter englischer Herrschaft das Bewusstsein für die eigene Kultur und Geschichte zu stärken.
Goethe & Poe
Seinen ersten großen Auftrag erhielt Harry Clarke 1915: neun Fenster im Stil des Celtic Revival für die Kapelle des University Colleges in Cork. Das begründete seinen Ruf als Irlands bester Glasmaler. Sein Wissen gab er als Lehrer an der Kunsthochschule weiter, und auch als Buchillustrator machte sich Clarke schnell einen Namen. Er illustrierte die Märchen Hans Christian Andersens, Goethes „Faust“, Edgar Allan Poes unheimliche Geschichten und auch mal Werbebroschüren für die Whiskey-Destillerie Jameson.
Erotik & Spießertum
Wie Clarke mit seiner Vorliebe fürs Dunkle, Fantastische und oft auch Erotische bei seinen Auftraggebern durchkam, sei bis heute ein Rätsel, so Biografin Lucy Costigan in ihrem Werk „Dark Beauty. Hidden Detail in Harry Clarke“s Stained Glass“. Schließlich habe sich Irland in den 1920er Jahren, als nach Revolution und Krieg etwas Ruhe einkehrte auf der Grünen Insel, zu einem der konservativsten Länder Europas entwickelt – eigentlich kein ideales Pflaster für einen unkonventionellen Künstler wie Clarke.