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Der Heilige Gral: Auf der Suche nach Erlösung
„Nun frag doch endlich!“ Das möchte man dem jungen Ritter zurufen, der bleich und ergriffen in einer mit Kerzen erleuchteten Halle der einsamen Gralsburg einer seltsamen Prozession beiwohnt. Eine wundervolle Frau trägt einen Kelch vorbei an ihm und an seinem Gastgeber, dem kranken Fischerkönig, andere tragen ein Schwert und eine Lanze, von der Blut tropft. Allein die Frage des Helden, wem der Kelch dient oder was dem alten Mann an der Tafel fehlt, würde das öde Land ringsum wieder erblühen lassen und den Fischerkönig erlösen. Doch falsche Scham hält den Ritter zurück. Am nächsten Morgen ist die Gralsburg verschwunden.
Mit der „Geschichte vom Gral“ des Dichters Chrétien de Troyes setzen um 1190 die Erzählungen ein um jenes Gefäß, aus dem Jesus beim Abendmahl getrunken und das sein Blut aufgefangen haben soll, als er am Kreuze hing. In vielen Variationen an den Höfen des heutigen Frankreich, Britannien und mit Wolfram von Eschenbach auch im deutschen Sprachraum sorgt der Stoff für Begeisterung. Meist begibt sich Parceval (manchmal auch Parsifal oder Parzival geschrieben), Ritter am Hofe von König Artus in Camelot, auf die Gralssuche; mal ist es auch Gawain, der dabei gefährliche, manchmal erotische Abenteuer übersteht. Und selbstverständlich versucht sich auch Lanzelot als bester Ritter der Welt in der Aufgabe, scheitert aber. Anders Sohn Galahad, der wundertätig Kranke heilt und als Wiedergeburt Jesu den Gral erschauen wird. Bei Eschenbach und in seiner Folge in Richard Wagners Oper von 1847 nimmt Parcevals Sohn Lohengrin diese Rolle ein.
Jeder Sänger interpretiert den Stoff neu
Das Hochmittelalter ist die Zeit des Minnesangs, fahrende Sänger erzählen an langen Winterabenden von Ritterkämpfen und schönen, edlen Frauen. Die großen Unterschiede der Erzählungen, die von einem Ritter zum anderen springen, entstehen, weil jeder Sänger und Erzähler neu interpretiert. Ausgangspunkt der vom offiziellen Christentum stark abweichenden Geschichte ist die Bretagne. Dorthin fliehen ab dem 5. Jahrhundert Briten vor den landnehmenden Angelsachsen und bringen ihre Sprache und Legenden mit. Durch zweisprachige Barden werden die Sagen über König Artus, seinen Zauberer Merlin und den Gral überwiegend zuerst in Französisch aufgezeichnet. Dies ist die Sprache der Oberschicht im Reich der Plantagenet, das die heutigen Länder England, Wales, zum Teil sogar Irland und eben weite Teile Frankreichs umfasst.
Die keltische Herkunft von wesentlichen Teilen der Legende haben Gelehrte, allen voran Roger Sherman Loomis und seine erste Frau Gertrude Schoepperle, schon vor etwa 100 Jahren entschlüsselt: Die Autoren der Gralslegenden formten den christlichen Gral aus dem „Kessel der Wiedergeburt“, einem der 13 Schätze Britanniens; Merlin der Zauberer, Sohn des Teufels und Lehrer König Artus, soll ihn aufbewahren.
Im walisischen „Mabinogion“, im 20. Jahrhundert nachgedichtet von Evangeline Walton, wird beschrieben, wie getötete Krieger in den Kessel geworfen und wieder lebendig werden. Man darf sich ihn gerne als den etwa 2300 Jahre alten Silberkessel von Gundustrup vorstellen, der, vielleicht einst geraubt, 1881 im nördlichen Jütland gefunden wurde und die Szene darstellt.
Überraschende Rolle der Frau
Die Gralsburg entspricht der keltischen „Anderwelt“, die Zeremonie stammt aus einem uralten Fruchtbarkeitskult: Ein junger Held soll sich würdig erweisen, die Gralsträgerin, vormals die Erdgöttin, zu heiraten, damit das öde Land in einem neuen Frühling erblühen kann. Eine bekannte Darstellung der Göttin mit dem Kessel in den Händen ist der 1851 gefundene bronzene Kultwagen von Strettweg in Österreich, eine Grabbeilage der Hallsteinkultur.
Es ist die Rolle der Frau, die in den Legenden überrascht: Deutlicher als durch eine Gralsträgerin kann man im hohen Mittelalter die Wertschätzung von Frauen kaum ausdrücken – kein Vergleich zur Rolle der Frau in der römischen Kirche, wo sie sich damals in der zweiten Reihe zu halten hat. Auch wimmelt es in den Gralslegenden von Frauen in Wäldern, auf Hügeln, an Furten und Brunnen, traditionell der Eingang in die Unterwelt. Peredur, Parcevals walisische Entsprechung, wird gar von neun Hexenkriegerinnen im Schwertkampf ausgebildet, Amazonen wie die berühmte schottische Scáthach. Der keltische Kult um den Kopf als Sitz des Lebens ist allgegenwärtig: Viele der Frauen fordern die Köpfe von Rittern oder tragen gar welche mit sich herum. Nur im christlichen Gewand konnte so viel heidnische Spiritualität überleben.
Die Gralslegenden sind auf die Heilung des Fischerkönigs und dessen Königreich ausgerichtet, das stellvertretend für die ganze Schöpfung steht. Das christliche Element der Erlösung durch den Opfertod Jesu ist nur indirekt, durch den Abendmahlkelch als Gral, eingefügt. Nach Robert de Borons „Geschichte des Grals“ (Ende des 12. Jahrhunderts) soll der jüdische Ratsherr Josef von Arimathia, in dessen Grabhöhle Jesu gebracht wurde, den Kelch ins britische Glastonbury gebracht und dort die erste Kirche gegründet haben.
„Gründungsmythos des christlichen Europa“
Beschrieben wird Josefs Flucht aus römischer Gefangenschaft bereits im apokryphen, nicht in die Bibel aufgenommenen „Evangelium des Nikodemus“ aus dem 4. Jahrhundert. Josefs Begleiterin soll Maria Magdalena gewesen sein, die später auf ihrer Flucht in Marseille an Land ging und in Südfrankreich blieb, während Josef weiterreiste. Je nach Legende verwahrt entweder Josef oder Maria Magdalena den Gral. Auf einer mittelalterlichen Wandmalerei in der ehemaligen Klosterkirche des pfälzischen Lambrecht beispielsweise hält eine überlebensgroße Maria Magdalena an Jesu Seite das Gefäß.
Die Mediävistin Ingvild Richardsen von der Universität Augsburg schreibt 2011 in ihrem Aufsatz „Europa – Land des Heiligen Gral?“, der Gral gehöre zum „Gründungsmythos des christlichen Europa“, da er das Christentum via Josef von Arimathia und Maria Magdalena von Beginn an hierher verorte und zudem eine „Vorlage zur Vorstellung von christlichen Vorstellungen auch abseits der römischen Kirche“ biete.
In die Legende sind aber nicht nur christliche und keltische Elemente eingeflossen. Parcevals Streben nach spiritueller Vollkommenheit zum Beispiel findet sich ganz ähnlich in der jüdischen Weisheitslehre Kabbala, mit der Dichter Chrétien wahrscheinlich vertraut war: Im Troyes des 12. Jahrhunderts gibt es eine bedeutsame Kabbala-Schule. Auch die Katharer, die „Reinen“, eine christliche Strömung vor allem in Südfrankreich, streben nach Vollkommenheit, die römische Kirche führt von 1209 bis 1229 Krieg gegen sie. Hundert Jahre später werden auch die mächtigen Tempelritter vernichtet, die in Troyes als Orden bestätigt und mehrfach als Gralshüter beschrieben werden.
Historische Belege gibt es nicht
In Wolfram Eschenbachs Version dient Parcevals Vater dem muslimischen Kalifen von Bagdad. Er verliebt sich in eine dunkelhäutige Prinzessin, ihr Sohn Feirefiz, dessen Haut schwarzweiß gescheckt ist, heiratet später die Gralshüterin und wandert mit ihr nach Indien aus, wo sie Eltern des legendären Priesterkönigs Johannes werden. Letzterer inspiriert die portugiesischen Erben der Templer, die Christusritter, zu Entdeckungsfahrten über die Meere, die die Neuzeit einleiten.
Die Gralsburg verortet Eschenbach recht deutlich im Kloster San Juan de la Peña in den Pyrenäen, wo damals ein aus Achatstein gefertigter Kelch, der Santo Cáliz, aufbewahrt wird, der heute in der Kathedrale von Valencia zu finden ist. Von den etwa 200 Gefäßen, die allein in Europa als der Abendmahlkelch Jesu ausgegeben werden, gehört er zu den wenigen, die aus der betreffenden Region und Zeit stammen und überhaupt bei der Pessachfeier von Jesus genutzt worden sein könnten.
Nach dem Mittelalter gerät der Heilige Gral etwas in Vergessenheit, berichtet der Religionswissenschaftler Matthias Egeler von der LMU München 2019 in einem Interview. Erst im Zuge der Romantik mit ihrer Begeisterung für alles Mittelalterliche sei auch der Gral wiederentdeckt worden. Die Kirche selbst habe den Gral nie als Reliquie anerkannt und nie nach ihm suchen lassen, so Egeler. Historische Belege für den Gral – ob nun als Kelch oder Stein oder in einer anderen Form – gebe es nicht.
Inspiration für Dan Browns „Da Vince Code“
Dennoch haben sich viele Historiker des Themas angenommen, oft mit umstrittenen Ergebnissen. Die Journalisten Lincoln, Baigent und Leigh halten ihn in „Der Heilige Gral und seine Erben“ (1982) für die Nachkommen von Jesus und Maria Magdalena in der tatsächlich großen jüdischen Diaspora Südfrankreichs, fallen dabei aber auf den Betrüger Pierre Plantard herein, der ihnen die Existenz einer Geheimgesellschaft namens „Prieuré de Sion“ vorgaukelt. Die Thesen des Buches nutzte Dan Brown für seinen Bestseller „The Da Vinci Code – Sakrileg“. Im Dritten Reich suchte Schriftsteller Otto Rahn nach dem Gral, gesponsert von Heinrich Himmlers SS. Für Rahn symbolisierte der Gral die vom Christentum unterdrückte germanische Religion.
Religionswissenschaftler Egeler geht davon aus, dass die Suche nach dem Gral weitergehen wird – schließlich biete die Legende mit all ihren Unbekannten eine ideale Projektionsfläche. Jeder könne im Gral sehen, was er möchte. Psychoanalytiker Horst Obleser meint zum Beispiel, dass der Gral für den Reifeprozess des Menschen allgemein steht: „Parzivals Lebensweg unterliegt einer schweren Reifungskrise. Um den Gral zu erlangen, muss Parzival zu sich selber finden, seinen eigenen Weg eingeschlagen haben, dann erst ist er des Gralskönigtums würdig.“
Und neben der individuellen bleibt auch die gesellschaftliche Dimension des Grals aktuell: Übertragen auf die heutige Zeit, wäre das wüste Land unser bedrohter Planet, der nur durch eine solidarische Gesellschaft und ein neues Gleichgewicht von Mensch und Natur geheilt werden kann. Die Gralsbotin hieße Greta Thunberg, und wir alle wären Parceval.