Umweltschutz RHEINPFALZ Plus Artikel Den Flüssen geht es schlecht

Für deutsche Flüsse gilt meist: Je weiter sie fließen, desto schlechter geht es ihnen. Das Beispiel der Ilz illustriert das. Der
Für deutsche Flüsse gilt meist: Je weiter sie fließen, desto schlechter geht es ihnen. Das Beispiel der Ilz illustriert das. Der Oberlauf des Flusses schlängelt sich durch Wiesen, Wäldchen und Felder.

Experten beklagen ein dramatisches Artensterben unter Wasser. Mit Renaturierungen soll das Leben zurückkehren.

Grünlich schimmernde Fluten, eben noch träge, nur hier und da schaumgekrönt; plötzlich zischend und schäumend vorwärtstosend, um mächtige Felsblöcke im Flussbett herum. An den Ufern Dickicht und dunkler Fichtenwald, nirgendwo ein Pfad, der sich auftut. Das Bärenloch im Bayerischen Wald ist ein urtümliches Flusstal, wie man es nur noch selten findet. Kein Haus, keine Straße – bloß der Schwarze Regen und die unberührte Wildnis an seinen Ufern.

Doch der wahre Schatz verbirgt sich unter der Wasseroberfläche: Das Bärenloch ist einer der fischreichsten Flussabschnitte in ganz Bayern. Hier gibt es Äsche, Barbe und Bachforelle genauso wie Gründling, Schneider und Elritze. Alle heimischen Fischarten sind vertreten, sogar Mühlkoppe und Huchen, beides stark gefährdete Arten. Das Bärenloch zeigt, wie artenreich Bäche und Flüsse in Deutschland sein könnten.

Doch ökologisch intakte Flusstäler sind zur Rarität geworden. Nur knapp sieben Prozent aller Fließ- und gut einem Viertel aller Stillgewässer bescheinigt das Umweltbundesamt einen „guten“ oder „sehr guten“ ökologischen Zustand. Noch schlechter steht es um die Flussmündungen in Nord- und Ostsee. Die Bewertung ergibt sich aus dem Vergleich der im jeweiligen Gewässer lebenden Organismen mit dem Bestand, der natürlicherweise dort vorhanden sein sollte.

2027 sollte alles besser sein. Von wegen

Eigentlich sollen bis 2027 alle Bäche, Flüsse und Seen in einem guten ökologischen und chemischen Zustand sein. Das schreibt die 2000 verabschiedete Wasserrahmenrichtlinie der EU vor. Doch dieses Ziel liegt noch immer in weiter Ferne.

Wie konnte es so weit kommen? Jahrelang wurde doch landauf, landab viel Geld in Kläranlagen und Ringkanalisationen gesteckt. Noch in den 1970er Jahren war es üblich, Flüsse als Abwasserrinnen zu missbrauchen. Schaumberge trieben die Flussläufe hinab, das Wasser stank nach Latrine und der Rhein avancierte zur „größten Kloake Europas“, wie es 1962 Siegfried Balke, damaliger Bundesminister für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft, formulierte.

Erst als sich 1986 nach einem Großbrand beim Chemiekonzern Sandoz über 20 Tonnen giftiger Chemikalien ungehindert in den Rhein ergossen und auf mehr als 400 Kilometern ein ungeheueres Fischsterben einsetzte, begann das Umdenken.

Einiges ist besser geworden

Seit damals habe sich zwar die biologische Gewässergüte von Rhein, Ems, Weser, Elbe, Oder und Donau deutlich gebessert, sagt das Umweltbundesamt. Doch die Chemie stimme noch immer nicht. Quecksilber und Arzneimittel-Reste belasten die Gewässer; drei von vier Wasserproben enthalten darüber hinaus zu viel Nitrat und zu viel Phosphor. Beide Nährstoffe heizen das Wachstum von Blaualgen an.

Ein Problem insbesondere in Badeseen, denn wo Blaualgen, eigentlich Cyanobakterien, überhandnehmen, drohen Schwimmern, die das Wasser schlucken, Durchfall und Erbrechen. Aber auch Fische und die Wasserorganismen, die sie fressen, können durch Blaualgen geschädigt werden. Der Grund sind die Gifte, die ihr Stoffwechsel herstellt.

Doch das allein ist es nicht. Jahrhundertelang hat der Mensch in das komplexe Netzwerk der Binnengewässer eingegriffen, in ein ständig seine Gestalt änderndes Geflecht aus Bächen, Flüssen, Seen und dem Grundwasser unten drunter. Der Mensch hat begradigt, kanalisiert und gestaut, hat Ufer verbaut, Altarme abgeschnitten, Flusssohlen abgebaggert und Wasser in Kanäle ausgeleitet.

Das meiste liegt im Argen

Was das für Deutschland bedeutet, das – vereinfacht gesehen – aus sechs großen Flussgebieten besteht, die die Landfläche von West nach Ost mit der Donau und von Südost nach Nordwest mit Rhein, Ems, Weser, Elbe und Oder durchschneiden, zeigt die im Jahre 2002 erstmals herausgegebene Gewässerstrukturkarte.

Von 33.000 kartierten Flusskilometern fallen nur ein Fünftel in die Kategorien unverändert bis mäßig verändert. Der überwiegende Rest gilt als stark bis vollständig verändert.

Intakte Bach- und Flussabschnitte der Klassen 1 bis 3 finden sich demnach nur noch im Alpen- und Voralpenland, im Bayerischen Wald, in den Oberläufen der Mittelgebirge, in den Heidelandschaften der norddeutschen Tiefebene und in den eiszeitlich geprägten Landschaften Mecklenburg-Vorpommerns, hat das Umweltbundesamt zusammengetragen.

In Beton eingezwängt

Stark veränderte Gewässerstrukturen und mangelnde Durchgängigkeit seien die ökologisch erheblichsten Probleme, die gelöst werden müssten, um die Vorgaben der EU-Wasserrichtlinie zu erfüllen.

Was Eingriffe mit einem Fluss machen, zeigt das Beispiel der Ilz, die im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet entspringt und etwa 40 Kilometer weiter südlich bei Passau in die Donau mündet. Der Oberlauf der Ilz, deren Wasser durch den moorigen Boden in den Hochlagen ihres Einzugsgebietes fast schwarz ist, schlängelt sich durch Wiesen, Wäldchen und vereinzelte Felder.

Bis zum Örtchen Kalteneck ist die Welt noch in Ordnung. Unter den Kieselsteinen im Wasser wimmelt es. Dreht man einen um, haften daran Würmer, Larven, Schnecken und anderes Kleingetier. In der Strömung stehen Forellen, an den Ufern brüten Eisvogel und Wasseramsel. Dementsprechend ist der Oberlauf der Ilz im Umweltatlas Bayern grün eingefärbt.

Dämme blockieren die Fische

Doch keine zehn Kilometer weiter flussabwärts staut ein Betondamm die Ilz auf fünf Kilometer Länge zum See auf, um Strom für 4000 Haushalte zu produzieren. Dicht dahinter und kurz vor Passau folgt der nächste Damm. Dieser Abschnitt ist im Umweltatlas gelb markiert, als Gewässer in ökologisch mäßigem Zustand.

Die letzten Kilometer verbringt die Ilz dann in Passau, wo sie – vollständig in Beton eingezwängt – in die Donau mündet. Die Farbe im Umweltatlas springt auf Orange: Zustand unbefriedigend.

Zwar hat die Ilz insgesamt weniger unter menschlichen Eingriffen zu leiden als viele andere Flüsse, doch das, was mit ihr passiert, folgt einem Grundmuster: Je weiter unterwegs Gewässer in Deutschland sind, desto schlechter geht es ihnen.

Kaum noch Vielfalt

Die natürliche Funktion von Bächen und Flüssen, die Seen, Auen und Feuchtgebiete verknüpfen, sie mit Nährstoffen, Sedimenten und Wasser versorgen und den Austausch von Tier- und Pflanzenarten garantieren, hat unter den Eingriffen stark gelitten. Mit oft fatalen Folgen, denn im Süßwasser leben zwölf Prozent aller bekannten Tier- und Pflanzenarten.

Insbesondere naturnahe Auen mit ihrer Vielfalt an unterschiedlichen Lebensräumen gelten als ökologische Schlagadern für die sie umgebende Landschaft. In direkter Nachbarschaft finden sich Kiesinseln, Sandufer, Altarme, Tümpel, Feuchtwiesen und urwaldartige Auwälder. Nass und trocken, zwei Extreme im Rhythmus des an- und abschwellenden Flusses, sind Heimat für viele seltene Tier- und Pflanzenarten.

Funktionierende Auen leisten zudem der Gesellschaft wertvolle Dienste: Bei Hochwasser nehmen sie die Wassermassen auf und schützen die Siedlungen am Ufer. Sie reinigen den Fluss und dämpfen als Kohlenstoffspeicher den Klimawandel.

Flussbegradigungen machen Auen kaputt

Doch bei den Flussbegradigungen wurden Auenlandschaften systematisch in Siedlungs- und Ackerland umgewandelt. Zwei Drittel der einstmals 15.000 Quadratkilometer Auenflächen können von hochwasserführenden Flüssen nicht mehr geflutet werden, hat das Bundesamt für Naturschutz kürzlich festgestellt. Ökologisch intakt sind nur noch 500 Quadratkilometer.

Die Hotspots drohen zu veröden: Das Artensterben im Süßwasser sei weit dramatischer als im Meer oder auf dem Land, berichten Naturschützer des Bund. Über zwei Drittel aller Tiere und Pflanzen seien bereits verschwunden.

Für das unsichtbare Artensterben unter Wasser machen Experten in erster Linie die den menschlichen Bedürfnissen angepassten Flüsse und das veränderte Abflussverhalten verantwortlich. „Kiesbänke, Uferbuchten und Flachwasserbereiche verschwinden und damit auch ein Großteil der Laichplätze, die Fische zur Reproduktion benötigen“, erläutert Christian Wolter, Fischereibiologe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.

Zerstückelte Flussabschnitte

Trotz gesunkener Schadstoffkonzentrationen seien viele Lebensformen nicht zurückgekehrt. „Es fehlt an frei fließenden Flüssen mit natürlicher Eigendynamik, die mitgeführte Sedimente ablagern und damit Habitate für Tiere und Pflanzen schaffen“, so Wolter. Zudem versperrten Dämme, Schleusen und Staustufen wandernden Fischarten wie dem Aal oder dem Lachs den Weg.

Über 200.000 Querwerke zerstückeln laut dem Umweltbundesamt Bäche und Flüsse in Deutschland – durchschnittlich alle zwei Kilometer eines. „Die vielen Fischtreppen, die gebaut wurden, haben die Situation nicht gebessert“, kritisiert Wolter. Besonders Kleinkraftwerke mit Stauhaltung sind ihm ein Dorn im Auge: „Sie bringen wenig Strom, behindern jedoch den freien Wasserfluss.“ Da Fischtreppen oft fehlen, verenden Wolter zufolge 35 Prozent der Bestände in den rotierenden Turbinen der Kleinkraftwerke.

Dass selbst dort, wo man versucht hat, Flüssen ihre frühere Gestalt zurückzugeben, die ursprünglichen Artengemeinschaften nicht ohne Weiteres zurückkommen, zeigt sich an der Dreisam, einem Fluss im Südschwarzwald. Fast der gesamte Lauf des knapp 30 Kilometer langen Flusses bis zur Mündung in die Elz ist in ein Betonkorsett gezwängt – mit Ausnahme eines 800 Meter langen Abschnitts im Osten Freiburgs. Vor sechs Jahren riss man dort die Betonufer ein, warf Felsblöcke ins Flussbett und schüttete Inseln auf.

Verstopfte Sedimente

Gebracht hat es nichts. „Das Lückensystem der Gewässersohle ist mit Sediment verstopft“, sagt Hans Jürgen Hahn, Biologe an der Universität Koblenz-Landau. „Hier ist es fraglich, ob sich der Laich von Lachs und Forellen entwickeln kann.“ Kolmation nennt man dieses Phänomen, bei dem feine Schwebpartikel ins Lockergestein am Flussgrund einsickern, sich darin ablagern und die Hohlräume verschließen.

Doch in diesem Hohlraumsystem an der Sohle und im Uferbereich siedeln über 90 Prozent aller Flusslebewesen. Für Würmer, Kleinkrebse, die Larven von Steinfliege und Zuckmücke, aber auch für Kleinfische und Flussperlmuscheln ist diese Austauschzone zwischen Fluss und Grundwasser Lebens- und Rückzugsraum in einem. Zudem entwickeln sich in den Hohlräumen die Eier von Kieslaichern wie Lachs, Äsche oder Forelle.

„Vorausgesetzt, das System wird regelmäßig von Wasser durchspült und mit Sauerstoff versorgt“, gibt Hahn zu bedenken. „Sind die Hohlräume jedoch verstopft, können sich die Kleinlebewesen bei Hochwasser nicht darin verkriechen und werden fortgespült.“ Verursacht werde Kolmation durch große Mengen Schlamm, die es von nahen Äckern in die Gewässer spült.

Renaturierung geglückt

Das Gegenstück zur missglückten Renaturierung der Dreisam ist ein Projekt an der Aller und ihren Nebenflüssen im südöstlichen Niedersachsen. Die Nebenflüsse sind ein wichtiger Rückzugsraum für Barben, erklärt Projektleiterin Anke Willharms vom Verein Aktion Fischotterschutz.

Geplant ist bis 2024 unter anderem, durch Flussbett-Einengung die Strömungsgeschwindigkeit zu erhöhen, Ufer abzusenken und ruhige Flachwasserbereiche zu schaffen, außerdem mithilfe von Totholz und Kiesbänken Variation in die Strömungen zu bringen. Denn: „Barben stellen hohe Ansprüche“, sagt Willharms. „In ihren verschiedenen Entwicklungsstadien benötigen sie unterschiedliche Lebensräume.“

An der Aller gibt nicht der Mensch, sondern hier geben die bedrohten Arten vor, wie die Zuflüsse aussehen müssten: strömungsreich und strömungsarm, mit flachen und tiefen Gewässerzonen, kiesig, ohne Kolmation und möglichst frei von einschnürenden Querbauwerken – wie lebendige Flüsse eben.

 In Passau, wo die Ilz mit Inn und Donau zusammenfließt, ist sie komplett in Beton eingezwängt.
In Passau, wo die Ilz mit Inn und Donau zusammenfließt, ist sie komplett in Beton eingezwängt.
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