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Das Licht, das man hören kann: Die leisesten Orte der Welt
„Guovssahasat“ heißt das Nordlicht bei den Samen im Norden Skandinaviens. Sie nennen es „das Licht, das man hören kann“. Was lange als Mythos abgetan wurde, konnten Wissenschaftler um Unto Laine von der Aalto-Universität in Finnland mittels Audioaufnahmen Anfang des Jahrtausends tatsächlich nachweisen. „Die Geräusche sind normalerweise kurz und schwach, und sie treten auch nicht immer auf. Vor allem aber erfordern sie ein sehr genaues Hinhören“, erläutert der finnische Akustikprofessor im Ruhestand. Es gibt den Forschern nach aber noch eine wichtige Voraussetzung, um die Geräusche der Aurora borealis überhaupt wahrnehmen zu können: „Störende Hintergrundgeräusche müssen auf ein Minimum reduziert sein“, weiß Laine. Hätten die Samen unseren Stadtverkehr, so könnten sie ihr „Guovssahasat“ wohl niemals hören. Aber hoch oben im Norden Skandinaviens, wo es menschenleer und einsam ist, ist es leise, sehr leise sogar.
Aber wie leise kann es werden? Die Suche nach den leisesten Orten der Welt könnte man in einer Bibliothek beginnen. 40 Dezibel herrschen dort im Schnitt. Im heimischen Schlafzimmer kann es noch leiser zugehen. 30 Dezibel sind drin. Das ist spürbar leiser, denn eine Abnahme um zehn Dezibel nehmen wir als eine Halbierung der Lautstärke wahr. Dennoch: Da unsere Hörschwelle bei null Dezibel verortet wird, bedeuten 30 Dezibel immerhin noch eine ganze Menge Hintergrundgeräusche. Auch wenn wir diese nicht mehr bewusst wahrnehmen.
Hoh-Regenwald leisester Ort der USA
Der US-amerikanische Akustiker Gordon Hempton ist seit 35 Jahren auf der Suche nach sehr leisen Orten. Für ihn steht fest: Der leiseste Ort der USA befindet sich im Hoh-Regenwald im Washingtoner Olympic-Nationalpark. Doch selbst in solch unzugänglichen Gegenden wie dem Grassland-National-Park in Kanada, laut Hempton dem „leisesten Grassland-Ökosystem der Welt“, kann man oft noch Naturgeräusche vernehmen wie den Wind oder das Prasseln des Regens.
Trevor Cox, Akustikprofessor an der britischen Universität von Salford, Manchester, hat sich zu den Kelso-Dünen in der Mojave-Wüste aufgemacht und dort – wie nicht anders zu erwarten – kein Regenprasseln vernommen, nicht einmal Tierlaute gehört, dafür allerdings noch Windgeräusche registriert. Die gibt es auch in anderen Wüsten zu hören, etwa in Salzwüsten und in der Antarktis, der größten Eiswüste der Welt. Dennoch: Schnee schluckt Schall. Selbst Schneefall ist lediglich zehn Dezibel leise.
Im Vulkan auf Maui sogar negative Dezibelwerte
Nicht nur Schnee, auch Vulkanasche und zu löchrigem Gestein erstarrte Lava absorbieren Geräusche außerordentlich gut. Das hat Gordon Hempton festgestellt, als er den Haleakala-Vulkan auf der Hawaii-Insel Maui genauer untersucht und sogar negative Dezibelwerte gemessen hat. Für ihn ist der 3000 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Vulkan, dessen Krater 800 Meter tief ist, „der letzte leise Ort auf der Erde“.
Doch es gibt Orte, da geht es noch leiser zu: in sogenannten „schalltoten Kammern“. In diesen schallreflexionsarmen Laborräumen liegt man bei 20 bis 30 Dezibel, in einigen auch nur bei zehn Dezibel. Die Testkammer der Orfield-Laboratorien in Minneapolis stellte 2004 einen Weltrekord auf, und zwar mit einem atemberaubenden negativen Dezibelwert von minus 9,4 Dezibel. Das ist derart leise, dass es manchen Menschen unangenehm ist. Laborleiter Steven Orfield sagt nicht ohne Stolz über seine schalltote Kammer: „Hier bist du das Geräusch!“ Das hat seinen Grund, denn im Orfield-Labor kann man seinen eigenen Herzschlag hören. Auch Trevor Cox urteilt begeistert: „Man hört das Blut in den Adern rauschen.“
Wer nun meint, leiser geht es nicht, der irrt. Am 2. Oktober 2015 musste Orfield seinen Weltrekord abgeben. Seitdem gilt die schalltote Kammer des Microsoft-Labors in Redmond, Washington, als „leisester Ort der Welt“, und zwar laut Guinnessbuch der Rekorde mit einem unvorstellbaren negativen Wert von minus 20,35 Dezibel.