Wirtschaft Zentralbanken vor der Zinswende
«Frankfurt/London.» Fast zehn Jahre haben die Notenbanken aus allen Rohren gefeuert, um die Folgen der globalen Finanzkrise zu bekämpfen. Bei aufgehellten Konjunkturaussichten denken nun viele Währungshüter laut darüber nach, die Geldflut einzudämmen und den Ausnahmezustand zu beenden.
Die USA sind bereits mit Zinserhöhungen vorgeprescht. Großbritannien könnte bald folgen. In der Euro-Zone gilt es, die Märkte vorsichtig darauf vorzubereiten, dass die EZB bei ihren billionenschweren Anleihenkäufen allmählich den Fuß vom Gas nimmt: ein riskantes Manöver. Als EZB-Präsident Mario Draghi kürzlich auf einer Notenbank-Konferenz in Portugal signalisierte, dass die EZB ihren Kurs künftig etwas weniger expansiv ausrichten könnte, reagierte der Markt heftig: Der Euro schoss auf ein Zwölf-Monats-Hoch von 1,1390 Dollar. Gestern lag er bei 1,1329 Dollar. Die Ankündigung des Ausstiegs aus der Niedrigzinspolitik kann auch die Renditen von Staatsanleihen nach oben treiben. Solche Kurssprünge will Draghi aber verhindern. Denn ein plötzlicher Renditeanstieg von Anleihen der Euro-Staaten droht die Finanzprobleme der schuldengeplagten Südeuropäer zu vergrößern, da sich frisches Geld am Kapitalmarkt für sie verteuern würde. Gerade diese Länder werden durch die Anleihekäufe der EZB seit Jahren am Markt entlastet. Die EZB kauft monatlich Staatsanleihen und andere Wertpapiere für 60 Milliarden Euro und pumpt damit Geld in die Wirtschaft. Das hält zusammen mit dem EZB-Leitzins von 0 Prozent die Zinsen niedrig. Der Leitzins ist der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken Geld bei der EZB leihen können. Trotz der Risiken für die hoch verschuldeten Euro-Länder im Süden schloss EZB-Direktor Benoit Coeure gestern nicht aus, dass künftig ein Kurswechsel auf die Agenda kommen könnte. Der EZB-Rat habe Veränderungen der Geldpolitik zwar noch nicht diskutiert, aber: „Das könnte künftig geschehen.“ Experten erwarten, dass die Euro-Hüter bei einem weiterhin günstigen Konjunkturverlauf im September oder Oktober über ein Abschmelzen der Anleihekäufe ab 2018 entscheiden werden. Die EZB wird daher nach Einschätzung von LBBW-Ökonom Burkert immer wieder Versuchsballons starten. Sie gebe die Richtung vor, lasse den Markt aber über den konkreten Verlauf im Unklaren. „Damit ergeben sich immer wieder Gewöhnungsmöglichkeiten wie bei einem Basislager beim Himalaya-Aufstieg“, so der Ökonom. Die Euro-Notenbank versuche so zu vermeiden, dass die Renditen auf einen Schlag nach oben schnellen. Ein Hinderungsgrund für eine schnelle Abkehr von der Politik des billigen Geldes sind auch die niedrigen Inflationsraten. Im Juni lag die Teuerungsrate der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat in Deutschland bei 1,6 Prozent. In der Euro-Region waren 1,3 Prozent. Einer der Gründe für die schwache Inflation sind die erneut gesunkenen Rohölpreise. 2016 bewegte sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Nordsee-Sorte Brent meist in der Größenordnung von 55 Dollar. Seit einiger Zeit liegt der Preis jetzt wieder unter 50 Dollar. Gestern sind die Notierungen angesichts steigender Exporte der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) erneut in den Abwärtssog geraten. Nordseeöl verbilligte sich gegenüber dem Vortag um 1,8 Prozent auf 48,72 Dollar je Barrel. US-Leichtöl WTI kostete mit 46,13 Dollar 2 Prozent weniger. Die niedrigen Rohölpreise drücken in Verbindung mit dem derzeit starken Euro-Kurs gegenüber dem Dollar – Öl wird meist in Dollar gehandelt – auf die Energiepreise in der Euro-Region. Heizöl und Diesel zum Beispiel sind derzeit relativ billig. Der Liter Diesel war in jüngster Vergangenheit an manchen Tankstellen in der Region für 1,01 Euro zu haben. Der Ölmarkt wird nach Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in der zweiten Jahreshälfte wieder ins Gleichgewicht kommen. Das gelte aber nur unter den gegenwärtigen Voraussetzungen, sagte IEA-Chef Fatih Birol jetzt in London. Sollte es deutliche Produktionssteigerungen bei wichtigen Ölförderern wie Nigeria und Libyen geben, könne sich das Bild ändern. Was immer das Ölkartell Opec allerdings auch unternehme, es sei klar, dass die Schieferöl-Förderer in den USA die Produktion steigern würden, wenn der Ölpreis anziehe. Kommentar