Konjunktur
Wirtschaftsforscher: Aufschwung lässt auf sich warten
Die fünf Wirtschaftsforscher wirken entspannt, obwohl sie hierzulande einen verzögerten Wirtschaftsaufschwung voraussagen. Statt im Herbst prognostizierter 4,7 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland dieses Jahr nur um 3,7 Prozent steigen, sagen die fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem alljährlichen Frühjahrsgutachten voraus.
Geschuldet ist das der dritten Pandemiewelle, die noch einmal einen wirtschaftlichen Einbruch beschert hat. „Aufgrund des anhaltenden Shutdowns dürfte die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal um 1,8 Prozent gesunken sein“, schätzt der Konjunkturchef des Essener RWI, Torsten Schmidt. Sobald die Fesseln der Pandemie fielen, werde sich die Wirtschaft aber sehr rasch erholen, betonen die Forscher zugleich.
Zwei Jahre Wachstum verloren
Das habe vor allem mit aufgestautem Konsum im Umfang von über 200 Milliarden Euro zu tun, der sich schnell in Wachstum umsetzen dürfte, sobald Verbraucher wieder ungehemmt konsumieren können. Für 2022 sagen die Experten dann ein um 3,9 Prozent höheres BIP voraus. Damit wäre Anfang kommenden Jahres die Pandemiedelle ausgebeult und die hiesige Wirtschaftsleistung wieder auf einem Niveau wie vor dem Pandemieausbruch. 2020 war das BIP um 4,9 Prozent eingebrochen. Zwei Jahre Wachstum bleiben damit aber verloren.
Überhaupt hinke Europa bei der wirtschaftlichen Erholung den USA und vor allem China klar hinterher, betonen die Forscher. China sei bereits wieder auf dem alten Wachstumspfad. In Europa sei auch Großbritannien weiter als die EU. Weitgehend Entwarnung gibt das Quintett der Institute dagegen hinsichtlich Firmenpleiten. Sie erwarten dabei zwar einen Anstieg, sobald die Anmeldepflichten für Insolvenzen wieder in Kraft gesetzt werden, aber keine übermäßige Welle vor allem nicht in der für Deutschland wichtigen Exportindustrie.
Arbeitslosigkeit leicht rückläufig
In ihrer Korrektur bisheriger Prognosen unterstellen die Forscher, dass coronabedingte Einschränkungen erst einmal noch verschärft und ab Mitte Mai dann langsam gelockert werden könnten, um bis Ende September dann ganz auszulaufen. Es könnte aber auch schlechter kommen, falls etwa Virusmutanten für weitere Verzögerungen sorgen oder andersherum besser, falls sich die aufgestaute Kaufkraft energischer entlädt, als in der Prognose unterstellt.
Falls die eintrifft, dürfte die Arbeitslosenquote hierzulande dieses Jahr leicht von 5,9 auf 5,7 Prozent schrumpfen und 2022 weiter auf 5,2 Prozent abnehmen. Den Wert von 2019 mit 5,0 Prozent würde sie damit aber auch kommendes Jahr noch übertreffen.
Nicht nur deshalb machen sich die Forscher ernste Gedanken über eine Ausweitung der Beschäftigung in Deutschland. Denn während sie die Pandemiefolgen im Kern als nur vorübergehend ansehen, stehe mit der Überalterung der Gesellschaft eine neue und strukturelle Krise schon am Horizont. Bis 2030 koste das Herausfallen vieler Deutscher aus dem erwerbsfähigen Alter die heimische Wirtschaft rund 1 Prozentpunkt des jährlichen Wachstums. Das lag in den Jahren vor der Pandemie aber nur wenig über 1 Prozent. „Wir bewegen uns auf die Null zu“, stellte Schmidt perspektivisch klar. Dem müsse sich die neue Bundesregierung, die im Herbst gewählt wird, stellen und gegensteuern. Im Gutachten machen die Forscher dazu teils unangenehme oder schwer vermittelbare Empfehlungen wie eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters oder mehr qualifizierte Zuwanderung. Kurzfristig sollten vor allem Unternehmensgründungen stärker gefördert werden, um dadurch Beschäftigungseffekte auszulösen und Wachstumspotenziale zu schaffen. Neue Hilfsprogramme für die Wirtschaft im großen Stil seien dagegen nicht nötig. Bestehende Hilfsgelder müssten jedoch zielgerichteter und weniger mit der Gießkanne eingesetzt werden. Derzeit würden Firmen am Leben erhalten, die es ohne Pandemie wohl schon nicht mehr gäbe.