Bad Dürkheim
Weinmacher mit Handicap
Dem Bild eines klassischen Familienbetriebs entsprechen die Weinmacher des Selbsthilfevereins für Menschen mit Behinderung nicht so recht. Dennoch fühlen sich die 35 Mitarbeiter und ihre Betreuer als große Gemeinschaft. Gabriel Huber, Kellermeister und Abteilungsleiter, will gemeinsam mit seinen sechs Weinbau-Fachkräften und Sozialarbeitern nicht nur gute Weine offerieren. Sondern auch Menschen mit Handicap – der jüngste ist 16, der älteste 60 Jahre – fit machen für den Arbeitsmarkt. Vereinzelt gelingt das.
„Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“, unterstreicht Huber. Die Begeisterung seiner Schützlinge für den Weinbau ist enorm – nicht nur dann, wenn sie den neuen Jahrgang präsentieren. Ob im Keller oder zwischen den Rebzeilen, beim Etikettieren oder Verpacken der Flaschen seien sie mit viel Eifer bei der Sache. Selbst Mitarbeiter anderer Lebenshilfe-Einrichtungen hätten sich für den Dürkheimer Weinbaubetrieb entschieden und nähmen dafür täglich lange Anfahrtswege in Kauf, berichtet Hubert. „Winzer ist für viele von ihnen eben ein Traumberuf.“ Gelegentlich helfen die Betreuten im ebenfalls von der Lebenshilfe betriebenen Kleinsägmühler Hof aus. Der Bauernhof in Altleiningen liefert das „Grünzeug“ nicht nur für die Kantine der Einrichtung, sondern auch für den angegliederten Bio-Supermarkt.
20 Weine und Sekte im Portfolio
Der 38-jährige Küfer- und Winzermeister Hubert verantwortet den Betrieb seit zwei Jahren. In den 1980er-Jahren war es die rührige Weinbaugruppe der Lebenshilfe, die Stein für Stein das Mauerwerk der Weinberg-Terrassen unter der Wachtenburg rekultivierte und mit Riesling-Reben bestockte. „Der Wachenheimer Schlossberg ist der Ursprung all unserer Arbeit.“ Stetig pachtete die Lebenshilfe Wingerte hinzu, meist kleine Parzellen, für die viel Handarbeit nötig ist. Inzwischen gehören auch historische Weinbauflächen auf dem Dürkheimer Michelsberg dazu, eine Lage für Große Gewächse. Die beiden Höhenlagen seien prädestiniert für die Top-Lagenweine. Experimente sind bei den Rotweinen der Lebenshilfe gewollt. Meist von Hand entrappt, genießen sie in alten Barriquefässern viel Ruhe. „Der behutsame Umgang mit der Natur gehört bei uns dazu“, betont Huber, für den Qualitätsbewusstsein das Bekenntnis zur ökologischen Wirtschaftsweise einschließt. 20 laut Huber überwiegend trockene, charaktervolle, jahrgangstypische Weine und Sekte produziert der Bioland-Betrieb, bei einem Hektarertrag von 6000 bis 7000 Litern.
Seit einem guten Jahrzehnt verfügen die Lebenshilfe-Weinmacher, die in den Anfängen ein Weingut in Wachenheim angemietet hatten, über eine eigene Produktionsstätte in Bad Dürkheim. Jährlich werden durchschnittlich 140.000 Flaschen gefüllt. Dabei konzentriert sich Huber mit seiner Mannschaft auf die typischen Rebsorten der Pfalz. Im Mittelpunkt steht der Riesling, unverzichtbar ist bei den Roten der Spätburgunder. Cuvées gewinnen zunehmend an Bedeutung. Etwa 40 Prozent der Weine eines Jahrgangs gehen an Privatkunden, die gleiche Menge teilen sich Gastronomie und Handel, jeweils 10 Prozent markieren Export und Lieferungen an andere Lebenshilfe-Einrichtungen. Die Pandemie hat auch die Online-Bestellungen hochschnellen lassen. So kam laut Huber ein Jahresumsatz von rund 570.000 Euro zusammen.