Metropolregion Rhein-Neckar
Wasserstoffwirtschaft: Zukunft gegenwärtig machen
Im Fachbereich Zukunftsfelder und Innovation der MRN GmbH werden in einer Vielzahl von Veranstaltungen – derzeit notgedrungen virtuell – in Vorträgen und Diskussionen Start-ups, Unternehmen, Initiativen und Akteure aus Umweltschutz und anderen Organisationen zusammengebracht, denen eines gemeinsam ist: Sie wollen umweltschonende Technologien entwickeln beziehungsweise anwenden. Aktuelles Schwerpunktthema: Wasserstoff, ein Energie(hoffnungs)träger der Zukunft.
Die Chemikerin und Betriebswirtin Doris Wittneben kennt sich aus mit dem energiereichen Gas , hat sie doch unter anderem an der Entwicklung von Brennstoffzellen-Heizungen federführend mitgearbeitet. Die können Privatleute inzwischen kaufen. Wittneben, die den MRN-Fachbereich seit Anfang des Jahres in der Nachfolge von Bernd Kappenstein leitet, hat den Großteil ihres Berufslebens bei der MVV verbracht, Mannheims börsennotiertem Energieversorger und bekennendem Förderer regenerativer Energien. Die Hauptaufgabe der Naturwissenschaftlerin dort waren Innovationsprojekte – die perfekte berufliche Vita für die Technologieplattform, die sie nun führt.
Projekte müssen technisch machbar und wirtschaftlich sein
Der 58-Jährigen ist dank ihrer Erfahrung in der freien Wirtschaft bewusst, dass Projekte nicht nur technisch machbar, sondern dass sie auch wirtschaftlich sein müssen – der Klimaschutz macht da keine Ausnahme. Eine wichtige Aufgaben des Fachbereichs ist es deswegen, sich um Fördergelder zu bemühen beziehungsweise innerhalb des Netzwerks dabei zu helfen, sie zu generieren. So wird derzeit mit staatlicher Förderung ein sogenannter Wasserstoff-Hub auf der Friesenheimer Insel aufgebaut. Dort sollen mit Brennstoffzellen angetriebene Busse mit Wasserstoff betankt werden, der vor Ort produziert wird.
Der Auf- und Ausbau einer Wasserstoffinfrastruktur in der MRN ist das übergeordnete Ziel, das sich der Fachbereich derzeit gesetzt hat. Mit Wasserstoff betriebener Schwerlastverkehr – Busse, Müll- und Lastwagen – sollen die Feinstaubemissionen in den Ballungszentren reduzieren und zudem klimaschädliche CO2-Emissionen vermeiden. Beides zusammen mache den Reiz des Themas Wasserstoff aus, unterstreicht Wittneben. Die Kommunen sind seit Kurzem gesetzlich verpflichtet, eine feste Quote dieser Fahrzeuge bei der Erneuerung ihrer Flotten zu erfüllen – mit öffentlicher finanzieller Hilfe: Die Fahrzeuge sind teurer als konventionell angetriebene. Die Mehrkosten zahlt großteils der Bund – und damit über Steuern die Gesellschaft. Die Gemeinschaftsaufgabe Klimaschutz gebe es eben nicht umsonst, sagt Wittneben.
BASF und Pfalzwerke planen Wasserstoffprojekte
Aber: „Es kommt darauf an, was hinten rauskommt“, betont sie und verweist darauf, dass es eine enge Kooperation mit anderen MRN-Fachbereichen und mit Unternehmen in der Region gibt – etwa der BASF, die mehrere Wasserstoffprojekte in der Pipeline hat, oder den Pfalzwerken, die ebenfalls auf den Wasserstoff-Zug aufspringen wollen. Alle diese Projekte stehen unter dem Vorbehalt von Förderzusagen, betonen unabhängig voneinander beide Unternehmen.
Auf der linken Rheinseite sei man mit dem Landkreistag im Gespräch, um gemeinsam nach weiteren geeigneten Projekten zu suchen, berichtet Wittneben. Sie räumt ein: Ein Allheilmittel gegen den Klimawandel sei das Thema Wasserstoff nicht. Wohl aber ein Baustein für eine klimafreundliche Zukunft. Die Bereitschaft, sich zu vernetzen, um das Ziel zu erreichen, wachse. Das ist so dringlich wie nie zuvor, sowohl für Kommunen als auch für Unternehmen. Denn Klimaschutzziele und die konkreten Zwischenschritte dazu wurden jüngst höchstrichterlich eingefordert. Der Bund muss liefern, und die Kommunen und die Wirtschaft sowie die privaten Haushalte müssen dessen Vorgaben umsetzen. Auch die Europäischen Union hat konkrete Einsparziele für Treibhausemissionen postuliert, die gerade verschärft wurden. Und die Rückkehr der USA in das Pariser Klimaschutzabkommen verlieht dem Thema noch mehr Dynamik.
„Kein Allheilmittel gegen den Klimawandel“
„Wir müssen liefern“, sagt dazu Doris Wittneben nüchtern. Dass sich die Industrie transformieren muss, „erhöht den Handlungsdruck“. Ob dabei die Politik die Industrie treibt, oder umgekehrt – wonach es in der jüngeren Vergangenheit eher ausschaute, die Frage beantwortet sie diplomatisch: „Wir gehen gemeinsam nach vorne.“ Als Klimaschutz-Profiteure sieht sie die Allgemeinheit, die auch durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze und durch den Aufbau von Know-how Vorteile ziehe, ebenso wie Unternehmen, Politik und Wissenschaft. Stichwort Arbeitsplätze: Eine Studie der Prognos AG habe festgestellt, dass der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft mehr Jobs schaffe, als durch die Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft verloren gingen, betont die Wissenschaftlerin.
Bis Wasserstoff in der Region vom Zukunftsthema zum anerkannten Stand der Technik wird, werde es noch sechs bis sieben Jahre dauern, schätzt Wittneben, vielleicht etwas mehr. Bis eine Wasserstoffwirtschaft aufgebaut sei, könne es 2040 werden. Dann wird sich ihr Fachbereich unter anderer Führung längst mit anderen Themen befassen.
Zur Person
Doris Wittneben (58), promovierte Chemikerin und Diplom-Betriebswirtin mit Ausbildung im Change Management, leitet seit Januar 2021 den Fachbereich Zukunftsfelder und Innovation (bisher: Energie und Mobilität) der Metropolregion Rhein-Neckar (MRN) GmbH. Zuvor war die Bielefelderin, nach dem Berufsstart an der Technischen Universität Berlin, beim Mannheimer Versorger MVV Energie tätig, vorwiegend in Innovationsprojekten, unter anderem in den Bereichen Wasserwirtschaft, Kraft-Wärme-Kopplung, Brennstoffzelle für Heizzwecke sowie Fernwärme. Die Mutter zweier erwachsener Kinder lebt mit ihrem Mann an der Bergstraße.