Gesundheitsberufe
Studie: Pflegepersonal wandert reihenweise frustriert ab
Das Alarmsignal hinsichtlich Gesundheitsberufen ist überdeutlich. 3716 Berufstätige vieler Branchen hat der Versicherer HDI gerade befragt. „Sie sind grundsätzlich positiv gestimmt, was ihren Beruf und dortige Aufstiegschancen nach der Pandemie betrifft“, sagt HDI-Chef Christopher Lohmann zu den Resultaten. Eine Ausnahme gebe es allerdings. Das seien die Gesundheitsberufe, wo die Antworten aus Ärzteschaft und Pflegepersonal reihenweise Negativrekorde erbracht haben. Vier von zehn Vertretern dieser Gruppen können ihren Beruf nicht mehr empfehlen. Das ist ein negativer Rekordwert. Im Schnitt aller Berufe sagt das nur ein Viertel. Dazu gibt es einen ausgesprochenen Corona-Effekt.
Fast ein Viertel aller befragten Ärzte oder Krankenschwestern sagt, dass die Pandemie eine negativere Berufseinstellung mit sich gebracht habe. Im Bundesschnitt sind das 15 Prozent. In puncto Zeitdruck, körperlich harter Arbeit sowie Unvereinbarkeit von Beruf und Familie führen Gesundheitsberufe ebenfalls die Negativliste an. Jeder dritte Arzt und jede dritte Krankenschwester erwartet demnächst zudem mehr Berufswechsler. Mehr als jeder zweite glaubt, selbst im Beruf nicht bis zum Rentenalter durchzuhalten.
HDI-Chef: Ergebnisse alarmierend
„Diese Ergebnisse sind alarmierend für unser Gesundheitssystem“, fasst Lohmann das nahezu depressive Stimmungsbild in Gesundheitsberufen zusammen. Zwei Faktoren machen alles sogar noch schlimmer. Zum einen wurde für die HDI-Studie diesen Sommer gefragt, als die vierte Corona-Welle noch weit weg war. Heute könnten Antworten noch niederschmetternder ausfallen, räumt Lohmann ein.
Bemerkenswert findet er zum Zweiten, dass in Gesundheitsberufen oft echte Idealisten am Werk seien und die Befragung dennoch düstere Stimmung zeichnet. Denn sieben von zehn dort Tätigen sehen ihren Beruf als besonders sinnstiftend für die Gesellschaft an. Mehr als sechs von zehn bezeichnen die Höhe des Lohns nicht als ausschlaggebend. Beides liegt klar über den Durchschnittswerten aller Berufsgruppen.
Andere Situation an Uni-Klinik in Köln
„Es sind besorgniserregende Resultate“, kommentiert auch Edgar Schömig die HDI-Umfrage. Das gelte besonders, weil der Gesundheitsbranche eigentlich die Zukunft gehöre, sagt der Chef und ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Köln. Hoffnung macht ihm, dass sich die Resultate der HDI-Studie nicht mit einer jüngsten Mitarbeiterbefragung an seiner Klinik decken, wo 14.000 Menschen arbeiten und für jährlich rund 1 Milliarde Euro Umsatz sorgen.
So sei die Weiterempfehlungsrate des eigenen Personals für einen Job an der Uniklinik Köln im Vergleich zu einer Vorgängerbefragung 2018 von 66 auf 72 Prozent gestiegen. Die Personalfluktuation sei parallel von 12 auf 8 Prozent gesunken. „Wir können bei uns keinen Pflexit beobachten“, freut sich der Arzt. In anderen Kliniken wandert indessen das Pflegepersonal reihenweise frustriert ab.
Früh interne Impfkampagne
„Unsere Mitarbeiter haben es deutlich gespürt, welche Rolle unsere Klinik in der Pandemie spielt“, stellt Schömig klar. Dennoch sei das eigene Personal zufriedener, weil es zum Beispiel nicht nur Hunderte Arbeitszeitmodelle gebe, sondern sich Beschäftigte auch darauf verlassen könnten, dass die eingehalten und nicht spontan Schichtwechsel verlangt würden. Das nehme Druck aus dem System und schaffe Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch eine klinikeigene Kindertagesstätte helfe da.
Als erstes Krankenhaus Deutschlands habe seine Klinik zudem schon Anfang 2020 ein Infektionsschutzzentrum mit Testmöglichkeit eingerichtet und auch als erstes Maskenpflicht verordnet, als andernorts in Deutschland noch darüber gespottet wurde. Das habe dem Personal signalisiert, dass man sich um seine Gesundheit kümmere, glaubt Schömig. „Wir haben auch früh intern eine Impfkampagne gestartet und sind bei 97 Prozent Impfquote“, erklärt der Mediziner. Das sei ohne Zwang rein per Überzeugung gelungen.