Wirtschaft Skandal ist Wendemarke nicht nur bei VW
«Wolfsburg». Die Autobauer können „Dieselgate“ nicht entkommen – auch im dritten Jahr, nachdem der Betrug mit manipulierten Dieselmotoren bei VW in den USA aufgedeckt wurde und in der Branche einen Wendemarke gesetzt hat.
Ausgestanden ist „Dieselgate“ nicht. Am 18. September 2015 gaben die Umweltbehörden in den USA bekannt, dass bei Abgasmessungen von VW-Modellen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Zu dem Zeitpunkt schien VW auf dem Zenit und nahm Anlauf, größter Autobauer der Welt zu werden. Zwei Tage später mussten die bis dahin so selbstbewussten Wolfsburger „Manipulationen“ an ihren Dieselmotoren einräumen. Am 23. September fegte der Skandal den damaligen VW-Vorstandschef und bestbezahlten Manager Deutschlands, Martin Winterkorn, aus dem Amt. Gegen ihn wird in Deutschland ermittelt, in den USA wird er per Haftbefehl gesucht. VW im Ausnahmezustand – und noch immer dauert die Aufarbeitung an. Nicht nur belasten Aktionärs- und Verbraucherklagen das Unternehmen, die weitere Milliarden kosten könnten. Sondern das Management steckt auch nach wie vor viel Arbeit in die Analyse der Fehler der Vergangenheit. Und doch gilt: Die Krise ist ein Katalysator für den Wandel in Wolfsburg. Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management der Fachhochschule Bergisch Gladbach, geht davon aus, dass ohne die Abgas-Affäre die E-Mobilität als großer Branchentrend nicht forciert worden wäre. „Ohne Dieselgate wäre VW in eine Sackgasse gelaufen“, meint auch Bratzels Kollege Ferdinand Dudenhöffer. Der Weg zum Wandel war allerdings steinig. Mit einem Schlag stellte die Dieselkrise die vielgerühmte deutsche Ingenieurskunst in Frage. Manager wurden entthront, Anwälte und Verbraucherschützer bliesen zum Angriff auf VW, Jobs wurden gestrichen, viele Leiharbeiter mussten gehen. Bislang kostete der Skandal den Konzern rund 27 Milliarden Euro, sagte jüngst ein Sprecher. Der noch vom inzwischen ebenfalls demissionierten Winterkorn-Nachfolger Matthias Müller ausgerufene Kulturwandel komme voran, unter anderem mit einem verbesserten internen Hinweisgeber-System, Führungskräfte-Schulungen und konzernweiten Mitarbeiterbefragungen. Aber selbst gegen den neuen Konzernchef Herbert Diess, der als eher unverdächtig in Sachen „Dieselgate“ gilt, ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen möglicher Marktmanipulation. Zwar sei VW „fast darüber weg“, aber in mancher Hinsicht wirke „Dieselgate“ nach, sagt auch Autoexperte Dudenhöffer. Er spielt vor allem auf das Musterverfahren in Braunschweig an, wo Anleger auf Schadenersatz klagen – sie fühlen sich zu spät von Volkswagen über den Skandal informiert. Seit dem Bekanntwerden des Skandals verloren die VW-Vorzugsaktien fast die Hälfte ihres Werts. Die Milliardenklagen bedeuteten ein hohes Risiko, warnt Dudenhöffer. Auch der Wandel zur Elektromobilität birgt Unwägbarkeiten, etwa hinsichtlich der Zukunft der Beschäftigten in den Motorenwerken. Die Verbraucher ficht all das nicht an: Das Geschäft von VW läuft glänzend.