Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Schotts krisensichere Fläschchen

Nur noch wenig Platz zur Expansion: Das Schott-Werk am Stammsitz Mainz.
Nur noch wenig Platz zur Expansion: Das Schott-Werk am Stammsitz Mainz.

Für den Corona-Impfstoff liefert der Mainzer Spezialglashersteller die passende Pharmaverpackung. 2021 steht das Unternehmen vor der höchsten Investition seiner Geschichte. Was Vorstandschef Heinricht zur den Homeoffice-Plänen der Politik sagt.

Am Standort Mainz hat nicht nur der Impfstoffhersteller Biontech seinen Hauptsitz, sondern auch einer der maßgeblichen Lieferanten von Verpackungsmaterialien für die Corona-Vakzine: die Schott AG. Der Vorstandsvorsitzende des Spezialglasherstellers, Frank Heinricht, bezifferte am Dienstag in Mainz den Auftragsbestand auf 600 Millionen Fläschchen.

Je nach Größe passen in die Glasverpackungen, die 5 bis 10 Cent das Stück kosten, sechs oder zehn Dosen des Impfstoffs. 75 Prozent der Pharmaunternehmen, die einen Impfstoff erforschen oder bereits herstellen, seien Kunden von Schott. Namen nannte Heinricht nicht.

Seit Jahren wächst der Unternehmensbereich Pharmaverpackung. „Die Covid-19-Krise hat ungeahnte Kräfte freigesetzt“, sagte der Vorstandschef und zog einen Vergleich zum Segeln: „Im Sturm findet man erst heraus, wie toll die Mannschaft ist und das Boot.“ Sollte der Impfstoff zumindest teilweise nicht mehr in Fläschchen sondern in Einmalspritzen verpackt werden, wie dies Biontech jüngst in Aussicht gestellt hat, könnte Schott auch dafür die Verpackung liefern. Am Schweizer Standort St. Gallen werden „Ready-to-use-Spritzen“ hergestellt, die beispielsweise bei der Grippeimpfung eingesetzt werden, sagte Heinricht auf Nachfrage.

Den geplanten Umsatz mit den Covid-19-Produkten bezifferte er auf 25 Millionen Euro. Der Konzernumsatz im Geschäftsjahr 2019/20 (30. September) lag bei 2,24 Milliarden Euro, ein Plus von 2,2 Prozent. 87 Prozent der Umsätze erzielte das Unternehmen im Ausland. Die Wachstumspläne waren noch ehrgeiziger, wurden aber durch Corona ausgebremst. Die Einbußen in der Luftfahrtbranche und in der Automobilindustrie wirkten sich negativ in der Entwicklung aus – mit zum Teil zweistelligen Rückgängen, sagte Heinricht. Für die Kabinenbeleuchtung in Flugzeugen stellt Schott Glas her, in den Autos ist der Airbag-Zünder in Spezialglas verpackt. Ceran-Kochfelder und andere Produkte der Haushaltssparte seien im ersten Lockdown ebenfalls weniger nachgefragt worden. Inzwischen mache sich der „Cocooning-Effekt“ positiv bemerkbar, sagte Finanzvorstand Jens Schulte, das behagliche Sich-Einrichten in den eigenen vier Wänden.

Den Jahresüberschuss gab Schulte mit 199 Millionen Euro an, ein Jahr zuvor waren es 206 Millionen. Grund für den Rückgang seien Rückstellungen für Gewährleistungen im Zusammenhang mit dem vor acht Jahren aufgegebenen Solargeschäft. Im laufenden Geschäftsjahr will Schott mit 350 Millionen Euro die Rekordinvestition des vergangenen Jahres mit 320 Millionen (plus 24 Prozent) noch einmal toppen. Schwerpunkte sind eine neue Schmelzwanne in Mainz, sowie Produktionskapazitäten für die Pharmarohrproduktion in China und Indien. Die Eigenkapitalquote blieb stabil bei 32 Prozent.

Zu den Plänen, verbindliche Vorgaben zum Homeoffice zu machen, sagte Heinricht: „Da schlägt die Politik ganz schöne Kapriolen.“ In Mainz seien derzeit 60 Prozent der Beschäftigten, die in der Verwaltung arbeiteten, im Homeoffice. Noch mehr kritisierte Heinricht den Vorstoß des Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow (Linke), die Wirtschaft zur Viruseindämmung komplett herunterzufahren.

In Mainz arbeiten aktuell rund 2800 Personen, im Jahr zuvor war die Anzahl mit 2850 angegeben worden. Die Investitionen in eine neue Schmelzwanne für Pharmaverpackungen wird nach früheren Angaben zu einem Beschäftigungsplus von 100 Stellen am Stammwerk führen. Weltweit stieg die Anzahl der Beschäftigten im Geschäftsjahr 2019/2020 um 300 auf 16.500, davon 5900 in Deutschland.

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