Fahrrad Radindustrie kann nicht hochschalten

Blick in die Fertigungshalle der Firma Diamant in Sachsen. Dies ist der wohl älteste noch aktive Fahrradhersteller Deutschlands.
Blick in die Fertigungshalle der Firma Diamant in Sachsen. Dies ist der wohl älteste noch aktive Fahrradhersteller Deutschlands.

Im zu Ende gehenden Jahr hat so mancher bekannte Fahrradhersteller mit schrumpfenden Gewinnen oder gar roten Zahlen zu kämpfen. Europa-, ja weltweit ist die Produktion zurückgefahren worden. Erst müssen die Lager geräumt werden. Manchmal wissen nur Eingeweihte noch, welche Marke zu welcher Firma gehört – die Konzentration nimmt zu.

In den ersten Corona-Jahren erlebte die Fahrradbranche einen ungeheuren Boom. Doch seit etwa drei Jahren reißt der Strom an schlechten Nachrichten nicht ab. Waren es anfangs – beginnend in den Corona-Jahren – Lieferschwierigkeiten bei bestimmten Teilen wie Bremsen oder Schaltungen, so häufen sich in der jüngeren Vergangenheit Meldungen über Fahrradhersteller, die wirtschaftlich ins Straucheln geraten. Gerade im Jahr 2024 gab es hier einige spektakuläre Entwicklungen.

So schließt beispielsweise die niederländische Pon Bike Performance Operations GmbH bis Jahresende ihren Standort in Mainz. Montiert wurden dort für den europäischen Markt die begehrten Rennräder von Cervélo und teure Mountainbikes von Santa Cruz. Dabei war der Standort erst 2020 eröffnet worden, nun soll alles an einem Ort in Niedersachsen konzentriert werden. Nur Vertrieb und Marketing verbleiben in Mainz.

„Schnäppchen“ im Internet

Doch es traf nicht nur sogenannte Edelmarken. Aufsehen erregte beispielsweise die Ankündigung von Flyer, des Schweizer Herstellers von E-Bikes, umzustrukturieren. Bereits im Herbst 2023 war verlautet, am Firmensitz in Huttwil würden 80 von rund 300 Stellen abgebaut. Flyer war eine der ersten Firmen europaweit, die konsequent auf E-Bikes setzten.

Sehr bekannt ist auch die Marke Simplon. Der österreichische Fahrradhersteller mit Sitz in Hard am Bodensee schlug erst einen strikten Sparkurs ein, dann wurde im September 2024 ein Insolvenzverfahren in Eigenregie beantragt. Mitte Dezember soll mit den Gläubigern über den Sanierungsplan verhandelt werden.

Keine rosige Lage

Was ist nur los in der Branche? Sind es die schon länger bekannten Probleme: hohe Lagerbestände, die das Kapital der Firmen binden; eine starke Kaufzurückhaltung nach den Corona-Boomjahren? Dies vor dem Hintergrund der erst jüngst zurückgegangenen Inflationsraten und, insbesondere in Deutschland, wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage?

Oder schlagen andere Faktoren durch? Branchenkenner haben beispielsweise darauf verwiesen, dass das Frühjahr im Jahresvergleich viel zu nass und grau war, was ebenfalls negative Auswirkungen auf die Verkaufszahlen bei Rädern gehabt habe.

„Die Lage ist tatsächlich nicht rosig“, sagt Katharina Hinse, Leiterin für Wirtschafts- und Industriepolitik beim Branchenverband ZIV, der 130 Mitgliedsfirmen repräsentiert, auf Anfrage. Einen „Knoten von negativen Einflüssen wie derzeit hatten wir sehr lange nicht mehr“.

Unübersichtliche Branche

Hinse bejaht zudem die Frage, ob es in den vergangenen zwei Jahren – europa- und weltweit – eine Überproduktion gegeben habe. Nun aber sei „die Produktion deutlich reduziert und an den Bedarf angepasst“.

Die Fahrradbranche ist weltweit vernetzt, gleichzeitig geht es ziemlich unübersichtlich zu. Wer mit wem zusammenhängt oder wer für wen produziert, ist häufig nur schwer zu durchschauen. So entscheiden sich viele Käufer für eine ganz bestimmte Marke, doch vielfach wissen sie nicht, wer eigentlich dahintersteht. Erschwert wird Transparenz dadurch, dass hinter den Marken manchmal Holdings stehen, durchaus mit Sitz im Ausland.

Kredit aus Seoul

In der Öffentlichkeit wenig bekannt ist die Accell-Gruppe. Immerhin nach eigenem Bekunden „Marktführer in Europa bei E-Bikes und der zweitgrößte Anbieter von Fahrradkomponenten“. Unter dem Dach von Accell versammeln sich Fahrradmarken wie Haibike, Winora, Ghost und Batavus. Klangvolle Marken wie Koga, Lapierre und Raleigh gehören ebenfalls dazu. Dies sind Firmen, deren eigentliche Heimat Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande sind. Der Sitz der Gruppe ist zwischen Amsterdam und Groningen gelegen.

„Exotischer“ geht es beim Schweizer Hersteller Scott zu. Denn mittlerweile gehört dieser mehrheitlich der Youngone Corporation aus Südkorea. Die Firma Scott, die Räder auch unter dem Markennamen Bergamont verkauft, bekam kürzlich eine Finanzspritze in Form eines Kredits aus Seoul zugeteilt, um die Liquidität sicherzustellen.

Asien ist sehr wichtig

Überhaupt ist Asien für die Fahrradproduktion sehr wichtig. So kommt der weltgrößte Komponentenanbieter Shimano aus Japan, er lässt aber in vielen asiatischen Ländern fertigen. Besonders wichtig als Herstellerland ist Taiwan. Auf der von der Volksrepublik China in seiner Eigenständigkeit bedrohten Insel werden viele Rahmen auch für den deutschen Markt produziert, dort sind große Hersteller von Bremsen wie Tektro (TRP) zu Hause.

Auch sind in Taiwan große Fahrradhersteller wie Merida oder Giant beheimatet – diese stellen ihre Anlagen und Ingenieure schon mal anderen namhaften Radfirmen, beispielsweise aus den USA, zur Verfügung. Und in Rechnung.

Großhändler mischen mit

Und Deutschland? Mit Blick auf den deutschen Markt – laut Branchenverband ZIV der größte Fahrradmarkt Europas und einer der wichtigsten der Welt –, sagt Katharina Hinse: „Die Stärke der deutschen Wirtschaft sind viele mittelständische Familienunternehmen. Das ist auch in der Fahrradindustrie so“. Nach wie vor fänden sich hinter vielen Markennamen Familien, die den gleichen Namen tragen. Sie betont zugleich: „Das müssen nicht nur kleine Unternehmen sein – auch große Gruppen und internationale Konzerne sind in unserer Branche in Familienbesitz“.

Auch mischen in Deutschland seit Längerem Großhändler mit. So beispielsweise Hartje mit Sitz in Hoya an der Weser, der zugleich immer noch den Fahrrad-, Motorrad- und Kfz-Einzelhandel beliefert. Kaum ein Radkäufer freilich kennt Hartje – sehr wohl aber die Fahrradmarken Conway und Victoria aus eben diesem Hause.

Nicht zu unterschätzen

Anders aufgebaut ist die Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft eG (ZEG). Nach eigenem Bekunden ist die ZEG inzwischen Europas größtes Netzwerk unabhängiger Fahrrad-Fachhändler mit mehr als 1000 Mitgliedsbetrieben. Die 1966 gegründete ZEG mit Hauptsitz in Köln steht heute hinter den hauseigenen Exklusivmarken Bulls oder Pegasus sowie den Handelsmarken Kettler und Hercules. Aber auch der Schweizer E-Bike Pionier Flyer gehört mittlerweile zur ZEG.

Doch hat die Fahrradproduktion hierzulande eine Zukunft? Oder heißt es auch in diesem Bereich – wie in anderen Branchen – immer öfter: Designed in Germany, Made in XY? Für Katharina Hilse, die Fachfrau beim Branchenverband ZIV, ist klar: „Es wird weiterhin Fahrräder und E-Bikes aus deutscher Produktion geben.“ Auch im Bereich Teile und Zubehör sei die deutsche Fahrradindustrie „nicht zu unterschätzen“. Ihr zufolge sind auf dem deutschen Markt vor allem hochwertige elektrifizierte Fahrzeuge von Bedeutung. Diese würden zudem als Exportartikel stark nachgefragt.

Gleichzeitig betont Katharina Hilse: „Wie jede Industrie sind aber auch wir auf passende Rahmenbedingungen angewiesen. Auch für uns sind beispielsweise vernünftige Energiepreise sowie eine ausreichende Anzahl gut ausgebildeter Fachkräfte von großer Bedeutung.“

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