Lebensmittel RHEINPFALZ Plus Artikel Produzenten in großer Sorge

Russland und die Ukraine gehören zu den weltweit größten Getreideexporteuren.
Russland und die Ukraine gehören zu den weltweit größten Getreideexporteuren.

Der russische Angriffskrieg im Nachbarland Ukraine erschwert es den Unternehmen der Lebensmittelindustrie auch in Deutschland, wichtige Rohstoffe für die Produktion zu beschaffen. Obendrein befeuert die Invasion den Preisauftrieb.

Die Preise für Getreide und Molkereiprodukte steigen schon seit Monaten. Nun fällt mit der Ukraine auch noch der wichtigste Lieferant von Sonnenblumenöl aus. Lebensmittelhersteller müssen umplanen, Bauern fürchten um die Versorgung mit Düngemitteln.

Werden einzelne Lebensmittel knapp?
„Einige Lieferungen, die nun ausfallen, lassen sich kaum ersetzen – zum Beispiel Sonnenblumenöl und Leinöl aus der Ukraine oder auch Seelachs aus Russland“, sagt Stefanie Sabet, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Einen Bericht der Lebensmittel-Zeitung, wonach Supermärkte bereits Probleme mit der Beschaffung von Sonnenblumen- und Rapsöl hätten, wollten die großen Handelsketten nicht bestätigen: „Wir stellen keine Warenversorgungsengpässe fest“, sagte ein Rewe-Sprecher. „Eine ausreichende Warenversorgung unserer Märkte ist aktuell auch weiterhin sichergestellt“, hieß es bei Edeka. Aldi Süd teilte mit: „Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Lieferanten, prüfen alternative Bezugsquellen für Rohstoffe und können so unmittelbare Versorgungsengpässe zum aktuellen Zeitpunkt ausschließen.“ Allerdings bitte man die Kundschaft „grundsätzlich immer, Waren nur in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen. Bei größeren Nachfragen behalten wir uns wie immer vor, die Abgabemenge pro Kunde vorübergehend einzuschränken.“

Sonnenblumenöl ist doch ersetzbar?
Schon – aber für die Lebensmittelhersteller ist das gar nicht so einfach: „Wenn Sie die Rezeptur ändern, muss das auch auf der Verpackung angegeben werden. Verpackungen sind aber in der Regel schon für ein halbes Jahr im Voraus bestellt“, erklärt BVE-Geschäftsführerin Sabet. Auf die Änderung einzelner Zutaten einfach mit einem Aufkleber hinzuweisen, sei nach gültiger Rechtslage nicht möglich, sagt Sabet. Über mögliche Notlösungen müsse im Fall von Engpässen mit der Politik und dem Handel diskutiert werden. „Noch haben die Nahrungsmittelhersteller gewisse Reserven, aber der Handlungsdruck wächst.“

Hinzu kommt: Nachdem diese Woche aus den ukrainischen Häfen kein Sonnenblumenöl mehr ausgeliefert werden konnte, hat sich auch Palmöl kräftig verteuert. Und auch das Angebot an Raps wird durch den Krieg schwinden, hier steht die Ukraine laut einer Zusammenstellung des Deutschen Raiffeisen-Verbands für 20 Prozent des Weltmarkts. Und die sogenannten Ölsaaten sind auch als Viehfutter begehrt.

Wie sieht es insgesamt mit den Futtermitteln aus?
Schon heute sind sie deutlich teurer als noch vor einem Jahr: „Die erste Katastrophe war die schlechte Raps-Ernte in Kanada im vergangenen Sommer“, erklärt ein Sprecher des Verbandes der ölsaatenverarbeitenden Industrie (Ovid). Eine Hitzewelle habe einen Großteil der Pflanzen zerstört. Hinzu kamen die durch die Corona-Krise verursachten Logistikprobleme: Häfen wurden geschlossen, Container nicht rechtzeitig entladen, Lkw-Fahrer fielen wegen Krankheit oder Quarantäne aus. Zudem verteuerte sich der Anbau von Futtermitteln, wie auch von Getreide, durch die hohen Treibstoff- und Düngerpreise.

Worin besteht das Problem beim Dünger?
Der für die Landwirtschaft besonders wichtige Stickstoffdünger wird mithilfe von Erdgas hergestellt. Und dessen Preis ist schon im vergangenen Herbst kräftig gestiegen. „Normalerweise machen Landwirte im Herbst die Düngemittel-Vorverträge im Frühjahr“, erläutert der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Udo Hemmerling. „Wegen des starken Preisanstiegs im vergangenen Oktober haben viele aber abgewartet in der Hoffnung, es werde wieder billiger.“ Der Krieg in der Ukraine hat diese Hoffnung zunichtegemacht, nach einem Rückgang zum Jahreswechsel steigt der Erdgaspreis seit zwei Wochen wieder.

Außerdem ist Russland nicht nur Gaslieferant, sondern auch ein wichtiger Stickstoffdünger-Produzent. Dominik Modrzejewski vom Landesbauernverband Baden-Württemberg befürchtet, dass die Bauern wegen der hohen Preise für Stickstoff-Dünger den Einsatz dieses Nährmittels reduzieren werden. „Das bedeutet geringe Erträge und auch eine verminderte Qualität, worunter vor allem das Angebot an Backweizen leiden könnte.“

Wird dann auch Brot teurer?
Das ist anzunehmen, denn der Weltmarktpreis für Weizen bewegt sich auf dem höchsten Stand seit 14 Jahren. Auch hier hat der Krieg für einen weiteren Schub gesorgt, weil die Ukraine und Russland zusammen für fast 30 Prozent aller Weizen-Exporte weltweit stehen. Zwar sei Deutschland beim Weizen Selbstversorger, sagt Hemmerling vom Deutschen Bauernverband. „Aber wenn die Weltmarktpreise steigen, wird es auch hier teurer.“ Überdies haben auch die Bäcker mit den hohen Energiekosten zu kämpfen, hinzu kommt der Anstieg des Mindestlohns.

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