Wirtschaft Personal- und andere Probleme: Warum Züge unpünktlich sind
Der Bahnverkehr ist ein hochkomplexes System. Wenn sich auch nur ein Rädchen nicht richtig dreht, hat das große Auswirkungen. Zuletzt hat in Teilen Hessens ein Mangel an Lokführern Sand ins Getriebe gestreut. Doch die Störanfälligkeit beruht auch auf anderen Faktoren.
Kaum noch ein Zug kommt pünktlich ans Ziel. Das ist zumindest das Gefühl vieler Bahnreisenden in Hessen. Genaue Zahlen über die Pünktlichkeit im hessischen Regionalverkehr gibt es nicht, wohl aber für den Fernverkehr. Dort trafen laut Deutscher Bahn (DB) im September bundesweit 88,4 Prozent der Züge innerhalb von 15 Minuten der geplanten Ankunftszeit an ihrem jeweiligen Halt an. Züge, die ausfallen, werden in dieser sogenannten Pünktlichkeitsquote nicht erfasst.
Suizide, Wetter und Baustellen
Hauptgründe für Verspätungen sind laut DB mutwillige Eingriffe in den Bahnverkehr, Suizide und Suizidversuche - meist ist dann offiziell von einem „Notarzteinsatz am Gleis“ die Rede -, extreme Wetterverhältnisse, Störungen an Zügen und Infrastruktur sowie Baustellen. Kommen dann noch außergewöhnliche Umstände hinzu wie jüngst der Brand in einem ICE auf der wichtigen Schnellstrecke von Frankfurt nach Köln mit tagelanger Sperrung, gibt es schnell einen Dominoeffekt. In dem enggetakteten System wirken sich Störungen im Fern- auf den Regionalverkehr aus. Immer wieder kommt es vor, dass Regionalzüge minutenlang in Bahnhöfen entlang der Strecke warten müssen, um einen verspäteten ICE überholen zu lassen - und dann noch einen und noch einen. Laut Bahn ist es aber keineswegs so, dass ICEs und ICs automatisch Vorrang vor Regionalzügen haben, auch wenn das manchen Pendlern so vorkommen mag. Die Entscheidung, welcher Zug fahren darf, werde von den Spezialisten, die den Verkehr auf den Gleisen regeln, je nach Einzelfall sorgfältig abgewogen, erklärt ein Sprecher. Anfällig für die vielzitierten „Verzögerungen im Betriebsablauf“, die jeder Bahnreisende von Durchsagen her kennt und fürchtet, sind vor allem vielbefahrene Strecken wie die durch Kinzigtal von Osthessen ins Rhein-Main-Gebiet, die schon jetzt am Rande ihrer Kapazität angelangt sind. Und bis zum Ausbau dieser Strecke vergehen noch Jahre.
Ausbau führt zu Sperrungen
Stichwort Ausbau: Auf die Bahnreisenden kommen in den nächsten Jahren deutschlandweit monatelange Vollsperrungen von ICE-Routen zu. Das bekommen auch Reisende in Hessen zu spüren. Die Deutsche Bahn erneuert die 27 Jahre alten Schnellfahrstrecken Hannover-Würzburg und Mannheim-Stuttgart grundlegend. Das Sanierungsprojekt behindert den bundesweiten Zugverkehr in Etappen bis ins Jahr 2023. Für Schlagzeilen hat zuletzt vor allem die Situation bei der Hessischen Landesbahn gesorgt, die seit Wochen mit Zugausfällen kämpft und deswegen auf einigen Linien in der Wetterau und von Gießen nach Gelnhausen teilweise Busse statt Züge fahren lässt. Als Grund nennt die HLB fehlende Lokführer. Zum einen gebe es einen Nachwuchsmangel, zum anderen seien Lokführer infolge von Suiziden und Unfällen, die sie auf ihren Strecken erlebten, krank geschrieben, erklärt die HLB. Das Verkehrsunternehmen hat nach eigenen Angaben die Suche nach ausgebildetem Personal intensiviert und den Einsatz neuer Mitarbeiter angekündigt. Lokführer - das war doch einst der Traumberuf vieler Kinder. Heute hätten junge Leute mit diesem Berufswunsch allerbeste Aussichten, schnell einen Job zu finden. „In ganz Deutschland ist der Arbeitsmarkt für Lokführer leer gefegt“, schlug vor wenigen Tagen Knut Ringat, der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), Alarm. Neben fehlendem Nachwuchs seien hohe Fluktuation und Krankenstände ein Grund für die dünne Personaldecke. Gleichzeitig wachse wie überall in Deutschland auch im RMV-Gebiet der öffentliche Nahverkehr; mehr Fahrten in den Nachtstunden und am Wochenende erforderten zusätzliches Personal.
Nachwuchs fehlt
Doch warum fehlt der Lokführer-Nachwuchs? Warum gibt es in diesem Beruf die hohe Fluktuation? Dafür gibt es nach Einschätzung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) gleich mehrere Antworten. „Eines der Hauptprobleme ist, dass bislang hauptsächlich die Deutsche Bahn AG ausgebildet hat. Private Mitbewerber haben ihren Bedarf durch Abwerbung zu decken versucht“, erklärt ein Sprecher. Frühere Aussagen, dass bald keine Lokführer mehr gebraucht würden, weil die Züge in Zukunft autonom fahren werden, seien sicherlich auch nicht hilfreich gewesen. Mittlerweile bildeten auch private Verkehrsunternehmer Lokführer aus, doch meist nur in Kurzausbildung, sagte der Sprecher. Diese sei für die angehenden Lokführer aus Gewerkschaftssicht aber aus mehreren Gründen problematisch. Bei der Frage nach der hohen Fluktuation bei Lokführern muss die EVG nicht lange nach Antworten suchen. Es fehle an Wertschätzung und Verlässlichkeit, sagt der Sprecher. „Wenn Dienstpläne immer wieder geändert werden, weil Kollegen fehlen oder durch Krankheit ausfallen, wenn man private Pläne ständig revidieren muss, trägt das nicht unbedingt dazu bei, dass man diesen Job auf Dauer machen möchte.“ Unregelmäßige Dienste rund um die Uhr und auswärtige Übernachtungen tun ihr Übriges. „Hinzu kommt: Lokführer zu sein ist ein einsamer Beruf“, erklärt der EVG-Sprecher. „Meist sitzen sie während der Dienstzeit relativ isoliert im Führerstand und haben kaum Kontakt zu den übrigen Kollegen. Auch damit kommt nicht jeder zurecht.“ Der Fahrgastverband Pro Bahn kommt bei seiner Analyse der Misere zu dem Schluss: „Der Fehler liegt im System“. Die Verkehrsunternehmen erhielten ihre Aufträge nach europaweiten Ausschreibungen und kalkulierten die Zahl von Fahrzeugen und die Personalstärke sehr knapp. Ausfallende Fahrten hätten zudem keine größeren negativen Konsequenzen, so dass sich das Vorhalten von Personal- und Fahrzeugreserven nicht rechne. Falls Leistungen nicht oder nicht wie vereinbart erbracht werden - zum Beispiel bei einer Verspätung von mehr als fünf Minuten -, werden laut Verband Strafzahlungen fällig, die üblicherweise auf maximal fünf Prozent des jährlichen Auftragsvolumens beschränkt sind und damit quasi einen „Freibrief für Verstöße“ darstellen. Zum Gegenlenken empfiehlt Pro Bahn „realitätsbezogene und zielorientierte Planungen“ sowie eine bessere Bezahlung der Mitarbeiter. Der Bruttoverdienst eines Lokführers liegt nach Gewerkschaftsangaben je nach Alter und Zulagen zwischen 3000 und 4000 Euro im Monat.