Meinung
Nord Stream 2: Peinliches Erbe
Schon zu Sowjetzeiten belieferte Gazprom Deutschland zuverlässig, schon vor Jahrzehnten erschlossen deutsche Konzerne wie die BASF-Tochter Wintershall oder Ruhrgas gemeinsam mit den Russen Erdgaslager in Sibirien. Und in kalten Wintern erhöhte Gazprom wiederholt den Druck in seinen Pipelines, um bei der deutschen Kundschaft Versorgungsengpässe zu vermeiden.
Jetzt droht ein kalter Winter. Diverse negative Einflüsse auf dem Weltmarkt haben die Gaspreise in Europa auf Rekordhöhen getrieben. Diesmal aber gibt sich der Petersburger Rohstoffriese keine Mühe, mehr Gas zu liefern, als das, wozu er vertraglich verpflichtet ist. Gerade ist Gazprom demonstrativ damit beschäftigt, statt leerer deutscher eigene vaterländische Speicher voll zu pumpen.
Gazprom sucht den Klageweg
Kein Wunder, dass in Brüssel und Berlin, in Kiew und Warschau Stimmen laut werden, die Moskau unterstellen, dadurch Druck zu machen für die Erlaubnis zur Eröffnung der neuen Pipeline Nord Stream 2. Aus Sicht der EU stehen davor noch diverse rechtliche Hürden. Die versucht Gazprom vor europäischen Gerichten weg zu klagen.
Der Westen verweist auf nicht ausgelastete ukrainische Rohrleitungen. Die Ukrainer befürchten sogar gewaltsame Aggressionen Russlands, sobald Nord Stream 2 in Betrieb ist und es die Pipelines im Nachbarland nicht mehr braucht.
Ökologen halten Röhren für überflüssig
Auch Ökologen finden, die 12 Milliarden Euro teure Doppelröhre auf dem Meeresgrund der Ostsee sei zumindest langfristig überflüssig: angesichts des geplanten Ausstiegs aus der Nutzung fossiler Brennstoffe. Aber die Röhre ist praktisch fertig, und ihre Wirtschaftlichkeit hätte die Regierung Merkel mindestens eineinhalb Legislaturperioden früher prüfen müssen. Nord Stream 2 droht ein eher peinlicher Teil ihres politischen Erbes zu werden.