Ludwigshafen
Modekonzern H&M stark in der Kritik
Etwa 800 Stellen will H&M streichen, etwa jede fünfte in Deutschland. Hintergrund ist neben den hohen Umsatzeinbußen durch die Corona-bedingte Schließung der Läden auch die Zunahme des Online-Geschäfts. Deshalb will das Unternehmen auch sein Filialnetz ausdünnen. Derzeit betreibt H&M weltweit mehr als 5000 Filialen, darunter 457 in Deutschland und fünf in der Pfalz: In Ludwigshafen, Pirmasens, Speyer, Landau und Kaiserslautern. Darüber hinaus gibt es in der Region Geschäfte in Worms und Mannheim.
In Kaiserslautern sollen 789 Arbeitsstunden eingespart werden, das treffe acht bis zehn der aktuell noch 43 Mitarbeiter, sagt Andrea Schuler, die seit 23 Jahren bei dem Unternehmen arbeitet und seit zwölf Jahren an der Spitze des Betriebsrats in Kaiserslautern steht. Bis nächste Woche läuft ein Angebot an Mitarbeiter, das H&M „als Freiwilligen-Programm verkauft“, sagt Schuler. Doch teilnehmen könnten nicht alle. Nur jene, die zwischen 7 und 15 Uhr arbeiteten. Damit ziele H&M in erster Linie auf junge Mütter, die vor allem in dieser Zeit arbeiten – wenn Kinder in der Schule sind. Die Betriebsratsvorsitzende vermutet auch, dass das Unternehmen damit Verhandlungen über einen Sozialplan verhindern will. Die Stimmung in der Kaiserslauterer Filiale sei nach der Ankündigung sehr gedrückt, sagt Schuler: „Die Leute haben große Ängste.“
Vorwürfe wegen Mobbings
Die Gewerkschaft Verdi rät den Beschäftigten davon ab, die „Freiwilligen-Vereinbarung“ zu unterzeichnen. Auch der Betriebsrat teilt die Position. Verdi-Bundesvorsitzender Frank Werneke fand deutliche Worte für den Modekonzern. Er nannte das Verhalten von H&M „schamlos“.
Das Freiwilligen-Programm sei aufgelegt worden, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, teilte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage mit. Die Entscheidung für einen Personalabbau sei daran geknüpft, in welchen Stellenprofilen oder Arbeitszeiten der Arbeitsanfall seit mehreren Jahren rückläufig ist. Dieser sei für jede betroffene Filiale einzeln festgestellt worden.
In den vergangenen Tagen ist der schwedische Konzern auch wegen Vorwürfen des Mobbings gegenüber Mitarbeitern – vor allem Mitgliedern von Betriebsräten – in die Schlagzeilen geraten. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hatte zuerst darüber berichtet. Das Thema ist auch der Gewerkschaft Verdi hinlänglich bekannt. Gewerkschaftssekretär David Koch spricht von einem perfiden Spiel, wenn bestimmte Mitarbeiter während der Arbeitszeit gemieden oder generell nicht mehr gegrüßt würden.
Das ist bei den Schweden offenbar nichts Neues. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung sprach in einer Studie zu H&M schon 2006 von „Unter-Druck-Setzen und Ausgrenzen“ von Mitarbeitern, die aus Konzernsicht nicht zur Unternehmensfamilie passten. Dieser „Liebesentzug“ sei bei H&M als durchaus charakteristischer Bestandteil der Personalpolitik zur Verhaltensbeeinflussung erkennbar, heißt es in der 101 Seiten starken Studie, die auch viele Interviews mit Betriebsratsmitgliedern ausgewertet hat.
H&M: Gerechter Arbeitgeber
Mobbing werde bei H&M nicht geduldet, sagte dazu die Sprecherin. H&M sei ein gerechter Arbeitgeber, der sich dazu verpflichtet habe, „einen sicheren und attraktiven Arbeitsort zu schaffen, an dem alle gewürdigt, geschätzt und mit Respekt behandelt werden“.
Doch die Böckler-Stiftung moniert noch mehr: „Aufgrund der hohen Anzahl flexibler Teilzeitarbeitskräfte sowie der Art der Verträge kann H&M in Deutschland als einer der Vorreiter und Modellgeber prekärer oder deregulierter Arbeitsverhältnissen im Einzelhandel interpretiert werden.“ Zunehmende Probleme seien Stress, ständige Überstunden, Arbeit auf Abruf und Überbelastung einzelner Beschäftigter aufgrund von Personalunterbesetzung. Dies gelte zwar für viele Einzelhandelsunternehmen, sei bei H&M aber besonders stark ausgeprägt.
Die Studie hält zudem fest, dass gerade gegenüber Betriebsratsmitgliedern „sowohl von Behinderungen als auch von einer systematischen Diskriminierung ... gesprochen werden kann“. Was H&M zurückweist: „Für H&M Deutschland ist ein offener und konstruktiver Dialog auf Augenhöhe mit dem Gesamtbetriebsrat und den einzelnen Betriebsräten Grundlage der Zusammenarbeit.“
Andrea Schuler, die zu den Gründungsmitgliedern des Betriebsrats in Kaiserslautern gehört, hat selbst noch kein Mobbing gegenüber Kollegen oder sich erlebt. Doch die Angst war 2008 da. Die Interessenten für eine Arbeitnehmervertretung haben sich damals heimlich getroffen, außerhalb des Geschäfts. Ganz getraut haben sie den Versprechungen des Unternehmens nach außen wohl schon damals nicht.