Autonomes Fahren RHEINPFALZ Plus Artikel Mit dem Geister-Taxi durch die Nacht

In den Straßen von San Francisco: Die Robo-Taxis sind ohne Fahrer unterwegs.
In den Straßen von San Francisco: Die Robo-Taxis sind ohne Fahrer unterwegs.

In den Straßen von San Francisco rollen die ersten Autos ganz ohne Fahrer. Feuerwehr und Rettungsdienste schlagen Alarm. Unser US-Korrespondent hat Stärken und Schwächen des futuristischen Verkehrsmittels selbst erlebt.

Unsere erste Begegnung stand unter keinem guten Stern. Dabei kam „Chocolate“ pünktlich und sah irgendwie knuffig aus. Mit leuchtenden Scheinwerfern sprintete er die Clay Street herunter und schien mich mit seinen zwei großen Roboter-Kulleraugen kurz anzulächeln. Es war ein lauer Sommerabend in San Francisco. Ich freute mich auf die Pappardelle beim Italiener in Nob Hill. Keine 15 Minuten sollte die Fahrt dorthin dauern.

Aber „Chocolate“ bremste nicht. Ungerührt brauste er an mir vorbei. Ich winkte. Es half nichts. Erst hundert Meter weiter blieb der weiß-orangefarbene Wagen mitten auf der Fahrbahn abrupt stehen. Seine Warnleuchten blinkten. Aus Angst, er könne ohne mich abfahren, rannte ich die Straße hinunter. Außer Atem blickte ich erstmals durchs Seitenfenster: Es war niemand drin. Wirklich niemand. Mit leicht mulmigem Gefühl entriegelte ich mit einem Tastendruck in der Handy-App die hintere Tür und ergab mich meinem Schicksal.

Faszinierender Feldversuch

Seit einem Jahr läuft in San Francisco, dem Zentrum der amerikanischen Tech-Industrie, ein faszinierender Feldversuch, der schon jetzt das Straßenbild verändert, in ein paar Jahren aber das Autofahren revolutionieren könnte: Durch die Stadt rollen ein paar hundert Robo-Taxis. Komplett ohne Fahrer, dafür aber mit jeder Menge Kameras, Radar und Sensoren auf dem Dach, befördern die autonomen Elektrofahrzeuge ihre Gäste von A nach B.

Zwei Fahrdienstanbieter – die General Motors-Tochter Cruise und das Google-Unternehmen Waymo – haben derzeit noch sehr begrenzte Lizenzen. Ob die Pilotprojekte ausgeweitet werden dürfen, ist höchst umstritten. Kritiker befürchten gefährliche Unfälle, Chaos im Verkehr und fatale Hindernisse für Rettungsfahrzeuge. Zweimal schon hat die kalifornische Regulierungsbehörde die heikle Entscheidung über eine Vollzulassung verschoben. Mitte August will sie nun entscheiden.

Wenn man bei den in den USA weit verbreiteten traditionellen Fahrdienstanbietern Uber oder Lyft einen Wagen bestellt, werden einem zuvor in der App das Nummernschild und der Name des Fahrers mitgeteilt. Die Robo-Taxi-Firma Cruise ließ mich an jenem Abend wissen, dass in vier Minuten „Chocolate“ bereitstehe. Das führerlose Gefährt hatte seine Schicht gerade erst begonnen: Die Autos vom Typ Chevy Bolt dürfen nur zwischen 22 Uhr abends und 5.30 Uhr morgens im nordwestlichen Drittel der City verkehren. Die Konkurrenz von Waymo fährt zwar auch tagsüber, aber nur mit registrierten Testpersonen.

Der Platz ist auf der Rückbank

„Chocolate“ begrüßte mich wortlos und machte unmissverständlich klar, dass mein Platz auf der Rückbank sein würde. Die Beifahrertür ließ sich nicht öffnen, was mich irritierte, weil der Wagen von innen aussieht wie ein normales Auto: Es gibt ein Lenkrad, ein Armaturenbrett und einen Automatik-Schaltknüppel. Selbst Sicherheitsgurte für den imaginären Fahrer und den Beifahrer sind eingebaut. Doch in den vorderen Teil des Wagens kann man von hinten nur durch eine Plexiglasscheibe schauen. Die Fahrtroute und sonstige Informationen werden auf zwei Monitoren hinter den Vordersitzen angezeigt.

Wie von Geisterhand bewegte sich dann das Lenkrad. Der Blinker leuchtete, wir bogen rechts ab in die Powell Street, auf der auch die berühmten Cable Cars verkehren. Irgendwie war ich froh, keiner Straßenbahn zu begegnen. Dafür gab es freilich eine Reihe anderer Autos. „Chocolate“ fädelte sich ein, stoppte an einer roten Ampel und bog erneut rechts ab. Insgesamt schien er mir ein umsichtiger und vorsichtiger Fahrer zu sein.

Dann bleibt er einfach stehen

In der Sacramento Street lauerte das erste Hindernis. Ein Lastwagen lugte aus einer Ausfahrt und versperrte die Fahrspur. „Chocolate“ schwenkte aus, fuhr kurz über die Busspur und kehrte dann auf die normale Strecke zurück. An einer Vorfahrtsstraße ließ er einem Auto von rechts den Vortritt. Beim abermaligen Abbiegen von der belebten Polk in die Clay Street ließ er Fußgänger höflich über die Straße und beachtete einen Skateboarder, der aus dem toten Winkel herangeschossen kam.

Gerade wollte ich mich entspannt zurücklehnen und die halb überwältigende, halb unheimliche Science-Fiction-Fahrt durch die Nacht genießen, als ein parkender grauer SUV die Fahrspur versperrte. Der Wagen stand in der zweiten Reihe, er hatte die Warnblinker angeschaltet. Man konnte über den Busstreifen ausweichen, wie dies die Fahrer in den anderen Autos machten. „Chocolate“ aber fuhr so dicht auf das Hindernis auf, als sei es ein unvermeidlicher Stau, und schaltete seine Warnblinkanlage an. Dann blieb er schicksalsergeben stehen. Einfach so.

Minutenlang passierte gar nichts. „Wir helfen ihrem Wagen noch immer an dieser Stelle“, versprach eine Anzeige auf dem Monitor. Es ruckelte ein bisschen. Der Computer schien ein Ausweichmanöver zu erwägen. Aber „Chocolate“ war eingekeilt zwischen dem parkenden SUV und dem fließenden Verkehr. Ich dachte an die Pappardelle und wurde nervös. Nach einer gefühlten Ewigkeit fuhr der SUV endlich los. Kurz darauf rollten auch wir wieder.

Auf den imaginären Fahrer eingebrüllt

Probleme wie dieses scheinen nach zehn Jahren Forschung und Entwicklung zu den Kinderkrankheiten der Robo-Taxis zu gehören. Ende Juni blieben zwei Fahrzeuge von Waymo wegen einer Straßensperrung einfach mitten auf einer Kreuzung stehen. Es bildete sich ein kilometerlanger Stau. Nach einer Viertelstunde war endlich ein Techniker der Firma vor Ort, der die Hindernisse wegfuhr – jeweils mit einem Strafzettel über 108 Dollar unter dem Scheibenwischer.

Deutlich gefährlicher war die Lage zwei Wochen zuvor nach einer Schießerei im Stadtteil Mission. Ein Cruise-Fahrzeug blockierte eine Spur für Rettungsfahrzeuge. Auf einem Video im Netz kann man sehen, wie ein Polizist wild gestikulierend auf den imaginären Fahrer einbrüllt, bis er fassungslos feststellt, dass niemand hinter dem Steuer sitzt.

Ähnliche Zwischenfälle registrieren die Rettungskräfte in San Francisco inzwischen fast jeden Tag. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas wirklich Katastrophales passiert“, sagt Feuerwehr-Chefin Jeanine Nicholson. In einem Interview schlug sie vor wenigen Wochen Alarm: „Ich habe gar nichts gegen diese Technologie. Aber sie ist einfach nicht reif für die Hauptverkehrszeiten.“

KI hat ihren eigenen Willen

Die Betreiber halten entschieden dagegen. „Wir sind sehr stolz auf unsere Sicherheitsbilanz“, betont eine Cruise-Sprecherin. Bei mehr als drei Millionen fahrerlosen Meilen an den Teststandorten San Francisco, Phoenix und Austin sei kein einziger Mensch lebensgefährlich verletzt oder getötet worden. Das Unternehmen hofft, dass die nationale Verkehrssicherheitsbehörde der USA in den nächsten Wochen ein neues Taxi-Modell zulässt: Der Kleinbus Cruise Origin kann bis zu sechs Menschen transportieren. Anders als der Chevy Bolt hat er weder Fahrersitz, noch Rückspiegel, Lenkrad oder Brems- und Gaspedal.

Nach der Zwangspause hinter dem SUV fuhr mich „Chocolate“ sicher durch Nob Hill, bis er vor einer Ampel stoppte. Auf der anderen Seite an der Ecke Mason Street konnte ich schon die rote Markise des Restaurants sehen. Die Ampel sprang auf Grün. „Chocolate“ fuhr mit Schwung über die Kreuzung, an dem Lokal vorbei und den Berg hinunter. „Halt“, hätte man jetzt einem menschlichen Fahrer zugerufen: „Hier ist es!“ Aber die künstliche Intelligenz hat ihren eigenen Willen. Erst fünf Häuser weiter beendete sie die Fahrt. „Wir haben Ihr Ziel erreicht“, behauptete die Anzeige im Monitor selbstbewusst. Ich sprang schnell heraus.

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