Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Microsoft Windows – jetzt doch die elfte

Neues Bild im Hintergrund, Android-App im Vordergrund.
Neues Bild im Hintergrund, Android-App im Vordergrund.

PC-Nutzer hatten sich an unauffällige Updates ihres Windows-Systems gewöhnt. Die laufende Nummer war schon uninteressant geworden. Das soll sich im Herbst ändern, wenn Microsoft sein Windows 11 in der Welt zu verteilen beginnt.

Von Jo Wüllner

Windows 11 kommt im Herbst. Genaues ist noch unbekannt. Der Oktober ist sehr wahrscheinlich. Die weltweite Verteilung wird sich aber sicher bis Jahresende hinziehen. Momentan ist eine Beta-Version verfügbar. Wir haben sie in einer virtuellen Umgebung installiert und angeschaut. Privaten Nutzern ist das nicht zu empfehlen. Zwar ist dem Rechner nichts passiert, aber was wir zu sehen bekamen, wird wohl nicht den definitiven Stand repräsentieren.

Windows 11 kostet nichts, wenn man Windows-Nutzer ist und Windows 10 installiert hat. Nr. 11 wird aber nicht automatisch installiert. Wer die neue Version auf seinem Rechner haben möchte, muss das laut Microsoft selbst in den Update-Einstellungen des Systems aktivieren. Und man braucht ein Microsoft-Konto zur Einrichtung. Das besitzt die Mehrheit der Nutzer und jeder Office-Abonnent bereits. Steht das Update bereit, kann Windows installiert werden, vorausgesetzt, der Rechner erfüllt gewisse Hardware-Voraussetzungen.

Die sind nicht hoch gehängt: Ein 64-Bit-Dualkern-Prozessor ab einem Gigahertz Taktrate, gerade mal vier Gigabyte Arbeitsspeicher und Speicherplatz von 64 Gigabyte auf Festplatte oder SSD. Dazu kommen ein paar Finessen bei der Grafikkarte und der Firmware. Damit muss man sich aber nicht beschäftigen. Es soll ein schneller Test mit dem kostenlos herunterladbaren Microsoft-Tool namens „Windows PC Health Check“ möglich sein. Leider hatte die erste Version Probleme. Microsoft hat sie daher wieder zur Überarbeitung zurückgezogen. Eine durchaus peinliche Sache. Wir haben vorher mit der ersten Version drei Laptops und zwei Desktoprechner getestet. Ein älterer ist durchgefallen, alle anderen haben bestanden. Den Grund für die Zurückweisung hat das Tool nicht angezeigt. Es war aber wohl eine zu alte Firmware des Motherboards. Die jetzt geforderte funktioniert nicht mehr mit dem altbekannten BIOS, sondern mit dem sogenannten UEFI. Einem alten Laptop ein neues Motherboard zu gönnen, ist aber nicht sinnvoll und auch nicht nötig. Wer sein älteres Schätzchen weiter mit Windows 10 laufen lassen will, kann das gefahrlos tun. Der Support für Windows 10 mit weiteren Updates läuft noch bis Oktober 2025. Danach läuft der Rechner zwar noch, rutscht aber langsam in eine Gefahrenzone.

Wozu überhaupt plötzlich eine „echte“ neue Version statt weiterer Updates? Es kam mehreres zusammen: Corona, Home Schooling und Home Office haben den persönlichen Rechner plötzlich aufgewertet. Er wurde noch deutlicher zum Zentrum des Alltags. Die Lage wollte Microsoft für noch etwas mehr Aufmerksamkeit nutzen. Zugleich ist Windows 11 eine Reaktion auf die Konkurrenz. Apple mischt seit Ende 2020 den Markt für mobile Rechner mit seinen neuen M1-Chips auf, die niedrigen Stromverbrauch und Spitzenleistungen zu passablen Preisen kombinieren. iOS-Apps können hier bereits installiert werden.

Den gleichen Service mit Android-Apps liefern auch die Laptops mit Googles Chrome als Betriebssystem. Da wollte oder musste Microsoft nachziehen. Nun lassen sich unter W11 auch Android-Apps in eigenen Fenstern mit Windows-Feeling nutzen. Das ging zwar schon früher mit Virtualisierungssoftware, hatte aber Haken und Ösen.

Was bringt Windows 11 dem Nutzer? Hinter den Bedienkulissen laut Microsoft dies: „Windows 11 legt die Messlatte für Sicherheit höher, indem es Hardware voraussetzt, die Schutzfunktionen wie Windows Hello, Geräteverschlüsselung, virtualisierungsbasierte Sicherheit (VBS), hypervisorgeschützte Codeintegrität (HVCI) und Secure Boot aktivieren kann. Die Kombination dieser Funktionen reduziert Malware auf getesteten Geräten nachweislich um 60 Prozent.“ Wenn das Versprechen gehalten wird, lohnt sich der Umstieg in Zeiten von Home Office und zunehmenden Attacken auf Netze und Rechner .

Der Rest der Innovationen ist vor allem Optik, einige Änderungen bei der Bedienung und die Option, Android-Apps zu installieren. Zur Optik: Es gibt ein neues Logo-Bild mit, nun ja, mysteriös blauem Faltenwurf, der durchaus schick wirkt. Dazu Programm- und Dateifenster mit sanft gerundeten Ecken. Das soll laut Microsoft modern sein. Es ist ok. Der Gesamteindruck ist angenehm aufgeräumt. Auffällige Änderung: Die Taskleiste prangt zentriert in der Mitte unten. Das kennt man vom Mac seit vielen Jahren. Und das Startmenü öffnet sich direkt darüber. Das ist nicht besser, nur anders. Aber weil Menschen, wie Microsoft weiß, bedienkonservativ eingestellt sind, lässt sich das Menü auch wieder wie gewohnt in die linke Ecke des Bildschirm verbannen. Erst beim Bedienen fällt auf, dass Bildlaufleisten sehr schmal geraten sind. Ein schnelles Scrollen braucht dabei hohe Zielgenauigkeit mit der Maus.

Und die Android-Apps auf PC? Das sind kleine Fenster im App-Format auf dem Rechner. Die Tiktok-App im hier gezeigten Screenshot demonstriert es. Hoch aufgelöste Sonderformate wird es kaum geben, weil sich das für Entwickler nicht rechnet. Apps werden dabei auch nicht über Googles Play Store sondern eine Microsoft-Suche geladen, die dann auf den Android Store von Amazon zugreift. Da gibt es nicht nur viel weniger als bei Google selbst, es fehlen auch die Google-spezifischen Dienste. Ein Amazon-Konto wird für den App-Kauf auf PC natürlich auch benötigt. Das ist keine gute Lösung; aber vielleicht finden Microsoft und Google ja noch eine elegantere Option.

Lohnt sich ein Update gleich nach dem Erscheinen von Windows 11? Wer sich bei der Bedienung seines Rechners nicht mit neuen Routinen bei Standardaktionen beschäftigen will, braucht wohl eher kein frisches Windows 11. In Arbeitsumgebungen mit bildschirmfüllenden Applikationen fällt das neue Windows eh nicht auf. Wer aber oft mit anderen vernetzt arbeitet und das Internet intensiv nutzt, hat durch die neuen Sicherheitsstandards Vorteile.

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