Technologie
Mehr Schub für „Made in Germany“
Der Dynamo, das erste Automobil, Quantenphysik und Relativitätstheorie, der erste frei programmierbare Computer, das Audioformat MP3, der mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus: Erfindergeist aus Deutschland wurde am Mittwoch im Gasometer in Berlin heraufbeschworen bei der Auftaktveranstaltung zur „Hightech-Agenda“ der Bundesregierung. Die reagiert auf den Umstand, dass „Made in Germany“ in der Welt nicht mehr den einstigen Glanz zu haben scheint, andere aufgeschlossen und sogar überholt haben. „Wir sind in Deutschland seit Jahren nicht mehr so innovations- und wachstumsstark, wie wir es mit unserem Potenzial sein könnten“, lautete die Bestandsaufnahme von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Dabei seien die Voraussetzungen gut angesichts einer wettbewerbsfähigen Industrie, des starken Mittelstands mit Weltmarktführern sowie eines anerkannten Wissenschaftssystems.
Aber es gebe einen erheblichen Verbesserungsbedarf, dieses Potenzial in Produkte und Dienstleistungen zu übersetzen, Wertschöpfung aus neuen Technologien zu schaffen. Oder wie es Forschungsministerin Dorothee Bär griffiger formulierte: „Wir können in Deutschland wahnsinnig viel, müssen nur die PS auf die Straße bringen.“ Als entscheidenden Hebel sieht die CSU-Politikerin die Forschung. „Wir wollen die Innovations- und Wirtschaftskraft unseres Landes deutlich erhöhen, indem verstärkt in Zukunftstechnologien investiert wird“, heißt es dazu in der „Hightech-Agenda“. Das gelinge durch eine schnellere Erforschung, Entwicklung und Verwertung von Technologien.
18 Milliarden Euro an Investitionen
Die Agenda wurde am 30. Juli im Kabinett verabschiedet und nun offiziell vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gestartet. Auf die Förderung von sechs Schlüsseltechnologien will man sich konzentrieren: künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung sowie Technologien für klimaneutrale Mobilität. Mindestens 18 Milliarden Euro an staatlichen Investitionen sind in dieser Legislaturperiode vorgesehen.
Die Ziele sind hoch gesteckt: Beispielsweise sollen Deutschland und Europa eine Spitzenposition bei der künstlichen Intelligenz (KI) einnehmen, dazu brauche es Rechenpower vor Ort und bessere Rahmenbedingungen. Die nächste Generation leistungsstarker Chips soll aus Deutschland kommen, das erste Fusionskraftwerk hier stehen.
Das Science-Media-Center hat speziell KI-Experten befragt, welche Chancen sie sehen. „Europa ist besser aufgestellt als oft behauptet“, sagt Kristian Kersting von der Technischen Universität Darmstadt. Er nennt Unternehmen wie Black Forest Labs aus Freiburg, Aleph Alpha aus Heidelberg oder Mistral AI aus Frankreich. Deutschlands generelles Transferproblem indes sei strukturell: „Exzellente Grundlagenforschung darf kaum wirtschaftlich agieren.“ Nötig seien unter anderem durchlässige Karrieren und privates Risikokapital.
Keineswegs abgehängt
Ausgründungen aus den meisten Hochschulen seien noch viel zu bürokratisch und dauerten zu lange, bestätigt auch Patrick Glauner von der Technischen Hochschule Deggendorf. „Hier ist eine Deregulierung überfällig.“ Start-ups seien zudem oft gezwungen, für größere Förderungsrunden in die USA oder den Nahen Osten zu gehen.
Katharina Morik von der Technischen Universität Dortmund sieht ebenfalls Deutschland und Europa keineswegs abgehängt, führt Spitzenforschung an und 30 „Unicorns“ in der KI – als Einhorn werden junge Unternehmen bezeichnet, die mehr als eine Milliarde Euro wert sind. „Klar ist aber auch, dass wir noch mehr tun müssen“, betont ihr Kollege Glauner.