Wirtschaft
Maschinenbauer: Ein Plan B namens Amerika
Wenn Karl Haeusgen über die USA spricht, dann beginnt er von den Pferdelaufbändern im pittoresken Derby-Land Kentucky zu schwärmen. Auf den übergroßen Übungsgeräten werden die Galopper gelenkschonend trainiert, wobei die Last durch eine Neigung der Bahn gezielt auf die Hinterhand des Tieres verlagert werden kann. „Da sind überall unsere Komponenten drin“, berichtet der Mehrheitseigentümer eines bayrischen Hydraulik-Herstellers stolz.
Es sind weit mehr als Sentimentalitäten, die Mittelständler wie Haeusgen – im einflussreichen Nebenjob Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) – derzeit sehnsüchtig über den Atlantik blicken lassen. „Unsere Mitgliedsfirmen sehen die USA so positiv wie lange nicht mehr“, berichtet der Lobbyist: „Drei Viertel wollen dort ihre Geschäftsaktivitäten ausweiten.“
Montage oder Produktion schon vor Ort
Wie stark der Drang nach Westen ist, offenbart eine aktuelle Umfrage des Verbandes, an der sich rund 350 Maschinenbau-Unternehmen beteiligten: Zwei Drittel von ihnen bieten derzeit Service und Vertrieb in den USA, ein Drittel hat bereits eine eigene Montage oder Produktion vor Ort. Mehr als 80 Prozent erwarten im laufenden Jahr steigende US-Umsätze – davon die Hälfte im zweistelligen Bereich. Zwei Drittel der Firmen wollen ihre Belegschaft in den USA aufstocken. Derzeit beschäftigt die Branche dort mehr als 100.000 Menschen.
Die Gründe für die wachsende Amerika-Begeisterung sind: Die Lage in China, dem hinter den USA bislang zweitgrößten außereuropäischen Exportmarkt der Branche, wird ökonomisch immer unberechenbarer und politisch zunehmend heikel. „Da braucht man einen Plan B“, sagt Haeusgen. Die USA drängen sich alleine wegen der Größe des Marktes und der billionenschweren Investitionen auf, die dort durch das Infrastrukturgesetz lockergemacht werden.
Keine paradiesischen Zustände
Mit dem Krieg in der Ukraine und den explodierenden Energiekosten in Deutschland ist ein weiteres Argument hinzugekommen: Der hiesige Strompreis ist inzwischen um ein Vielfaches höher als in den USA. Entsprechend teurer sind die hier gefertigten Maschinen. Für Exporteure sei dies „ein dramatischer Wettbewerbsnachteil gegenüber der amerikanischen Konkurrenz“, sagt Haeusgen. Gleichzeitig verlangt die Biden-Regierung unter dem Slogan „Buy American“ einen immer höheren heimischen Anteil bei staatlich geförderten Projekten. Beide Entwicklungen sprechen für eine Produktion vor Ort.
Doch auch in der Neuen Welt herrschen keine paradiesischen Zustände. Da ist zum Beispiel das Personalproblem. Qualifizierte Arbeitskräfte waren schon immer rar in den USA. Die Pensionierungswelle in der Corona-Pandemie hat das Problem extrem verschärft. „Das ist der zentrale Flaschenhals“, klagt Haeusgen. Hinzu kommen die aufwendigen Zertifizierungsanforderungen der Amerikaner für ausländische Maschinen und Anlagen. Bis zu 18 Prozent Zusatzkosten und monatelange Wartezeiten fallen dadurch an: „Das ist wirklich eine Innovationsbremse.“