Wirtschaft Mannheim: Bilfinger irritiert Anleger
«Mannheim». Bilfinger verschreckte die Anleger nicht lange. Der angeschlagene Mannheimer Industriedienstleister hatte seine Gewinnprognose kassiert. Daraufhin krachte gestern der Aktienkurs im frühen Handel um fast 4 Prozent auf 33,00 Euro nach unten, berappelte sich aber schnell und drehte noch am Vormittag wieder ins Plus.
Noch Mitte Mai hatte Bilfinger das Ziel für das laufende Geschäftsjahr bekräftigt: Die operative Rendite (bereinigte Ebita-Marge) sollte 2017 um 1 Prozentpunkt auf rund 1,5 Prozent steigen. Und jetzt das: Der Konzern rechnet in diesem Jahr nicht mehr mit einem operativen Gewinn. 2016 waren als bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) noch 15 Millionen Euro angefallen. Da wurden nun wieder Erinnerungen wach an den Beginn der Krise bei Bilfinger vor drei Jahren, als der einstige Baukonzern innerhalb kurzer Zeit gleich mehrfach seine Jahresziele immer weiter nach unten korrigierte. Der damalige Vorstandschef und frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch musste seinen Hut nehmen. Als Ursache für den jetzigen Rückzieher bei der Gewinnprognose gab Bilfinger Probleme bei einzelnen „Altprojekten“ in den USA an. Hier hätten im zweiten Quartal 2017 Rückstellungen gebildet werden müssen, die das bereinigte Ebita mit 55 Millionen Euro belastet hätten. Die missglückten Projekte in den USA seien vom damaligen Vorstand beschlossen worden, wenige Wochen bevor der jetzige Bilfinger-Chef Tom Blades am 1. Juli 2016 seinen Posten angetreten habe. Es handele sich um Aufträge der US-Tochter Westcon darunter die Montage einer Methanolanlage in Texas, teilte das Mannheimer Unternehmen mit. Blades betonte gestern mehrfach, Bilfinger habe inzwischen das Risikomanagement geschärft. Projekte würde sorgfältiger ausgewählt, besser durchgeführt, Risiken regelmäßig analysiert. Gleichzeitig würden „Alt-Projekte“ konsequent aufgearbeitet. „Das hört sich alles sehr logisch an, ist aber neu für Bilfinger“, sagte Blades gestern. Der Vorstand gehe davon aus, dass für Risiken aus Alt-Projekten nun ausreichend bilanzielle Vorsorge getroffen worden sei, teilte der Konzern mit. Auf das Konzernergebnis allerdings schlagen die Belastungen aus dem US-Geschäft nicht durch. Denn ihnen stünde ein positiver Effekt aus einem langjährigen Rechtsstreit im Emirat Katar gegenüber. Aus einem früheren Straßen-Großbauprojekt seien im zweiten Quartal 60 Millionen Euro gezahlt worden, die Bilfinger zugestanden hätten. Deshalb ergäben sich unterm Strich keine negativen Auswirkungen. Die übrigen Prognosen für 2017 hält Bilfinger unverändert aufrecht. Der Auftragseingang soll demnach ansteigen, die Konzernleistung um einen mittleren bis hohen einstelligen Prozentwert zurückgehen. Auch an den mittelfristigen Zielen ändert sich nichts. Demnach soll die Leistung schon ab 2018 wieder um jährlich 5 Prozent wachsen, die Ebita-Marge bis 2020 auf 5 Prozent klettern. Auch das angekündigte Programm zum Aktienrückkauf im Umfang von bis zu 150 Millionen Euro soll weiterhin wie geplant im Herbst 2017 beginnen. Abgesehen von den Belastungen im US-Geschäft habe die Geschäftsentwicklung im zweiten Quartal im Rahmen der Erwartungen gelegen, teilte Bilfinger mit. Der Auftragseingang habe sich gegenüber der gleichen Vorjahreszeit organisch stabil entwickelt. Die Leistung sei organisch nur leicht zurückgegangen, das bereinigte Ebita wäre ohne die Belastung positiv ausgefallen. Die Geschäftszahlen des zweiten Quartals 2017 will Bilfinger am 14. August vorlegen. Im ersten Quartal 2017 war das bereinigte Ebita des Mannheimer Konzerns nur wenig verändert mit 14 Millionen (Vorjahreszeit: 15 Mio) Euro in der Verlustzone geblieben. Der Auftragseingang war um 8 Prozent auf 928 Millionen Euro zurückgegangen, der Umsatz in gleichem Maße auf 958 Millionen Euro gesunken. Das Konzernergebnis war zwar mit 55 Millionen im negativen Bereich geblieben, hatte sich damit aber gegenüber einem Vorjahresverlust von 80 Millionen Euro verbessert.