Wirtschaft Machtkampf um Grammer

Die Zukunft von Grammer ist ungewiss. Das Foto zeigt den Hauptsitz in Amberg in der Oberpfalz.
Die Zukunft von Grammer ist ungewiss. Das Foto zeigt den Hauptsitz in Amberg in der Oberpfalz.

«Frankfurt/Amberg.» Das Landgericht Nürnberg-Fürth erlaubt vorerst den Einstieg im großen Stil des chinesischen Investors Ningbo Jifeng bei der Grammer AG. Das Unternehmen ist unter anderem im Industriepark Wörth vertreten und beliefert dort das Mercedes-Lastwagenwerk. Die Gerichtsentscheidung könnte die Übernahme von Grammer durch die Prevent-Gruppe verhindern – was dem Amberger Kfz-Zulieferer gelegen käme.

Eine einstweilige Verfügung gegen den Einstieg bei dem Zulieferer von Pkw-Kopfstützen und Nutzfahrzeugsitzen hoben die Richter gestern auf, teilte die Nürnberger Justiz mit. Die Chinesen agieren im Ringen um den Oberpfälzer Autozulieferer als Helfer im Abwehrkampf gegen die Hastor-Familie, die hinter Prevent steht. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Finanzmarktaufsicht Bafin kündigte an, die Aktiengeschäfte mit Grammer-Papieren genauer zu prüfen. „Wir werden uns das routinemäßig auf möglichen Marktmissbrauch hin ansehen“, sagte eine Sprecherin. Bisher war das Machtgefüge in der Autobranche zementiert: Wenige große Hersteller standen vielen kleinen Zulieferern gegenüber und diktierten die Bedingungen. Doch 2016 stellte die Prevent-Gruppe im Streit mit VW die Lieferung von Getriebegehäusen und Sitzbezügen ein und legte so die Produktion bei den Wolfsburgern teilweise lahm. Nun will die Unternehmerfamilie den Oberpfälzer Zulieferer Grammer unter ihre Kontrolle bringen. Das lässt in der Branche die Alarmglocken schrillen. Denn alle großen Autohersteller, darunter VW, BMW und Daimler, beziehen ihre Kopfstützen von Grammer. Die Amberger Firma stemmt sich vehement gegen die Übernahme. Auf der Hauptversammlung am Mittwoch wird der Showdown erwartet. Der Machtkampf zwischen Prevent und VW, der nach wochenlangen Verhandlungen beigelegt wurde, gilt in der Branche als Mahnung. „Die Automobilindustrie will auf jeden Fall verhindern, dass sich so etwas wiederholt“, sagt Stefan Brazel, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. VW sagte damals zu, mindestens sechs Jahre mit Prevent zu kooperieren. Die Wolfsburger durften dafür einen weiteren Lieferanten für Getriebe-Gussteile suchen. Was die Hastor-Gruppe mit Grammer vorhat, liegt im Dunkeln. Die Bosnier hielten zuletzt über die Investmentfirmen Cascade und Halog mehr als 20 Prozent an dem Hersteller von Kopfstützen, Armlehnen und Mittelkonsolen. Ziel sei, die Profitabilität zu steigern, sagte ein Insider. Zuletzt erwirtschaftete die Firma eine operative Marge von 4,9 Prozent. Damit rangiert Grammer laut Prevent hinter vergleichbaren Unternehmen. Die Bayern selbst halten dagegen, die Konkurrenz komme im Schnitt lediglich auf 4,7 Prozent. Der Prevent-Insider verwies auf den Grammer-Wettbewerber Dräxlmaier, der Renditen um 7 Prozent erziele. Das Unternehmen aus Vilsbiburg macht dazu keine Angaben. Grammer peilt eine Marge in dieser Höhe bis 2021 an. Zum Vergleich: Der Dax-Konzern Continental erzielt mehr als 10 Prozent Rendite. Um die Profitabilität bei Grammer zu steigern, könnte Prevent eine härtere Gangart in den Verhandlungen mit den Autobauern über Preise und Bedingungen einschlagen. Bisher können die großen Hersteller wegen der Stückzahlen, die sie abnehmen, Lieferanten zu Zugeständnissen zwingen. Für die Autobauer wäre ein Lieferant wie Grammer unter der Kontrolle von Prevent ein Risiko. Ihn zu ersetzen, könnte Jahre dauern. Der Angriff der Familie Hastor auf Grammer gefährde die Existenz des Unternehmens, meint dessen Aufsichtsratschef Klaus Probst: „Im ersten Quartal haben sich unsere Auftragseingänge im Vergleich zum Vorjahr halbiert.“ Investor Ningbo Jifeng, der gut 12 Prozent an Grammer hält, soll den Durchmarsch von Prevent verhindern.

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