Sonderposten RHEINPFALZ Plus Artikel Möhren für die Anleger

Kapital ist ein scheues Reh, denn im Wald der Geldanlagen lauern viele Gefahren.
Kapital ist ein scheues Reh, denn im Wald der Geldanlagen lauern viele Gefahren.

Auch wenn seine eigene Bank Prognosen abgebe, sagte 2015 Wolfgang Leoni, der damalige Vorstandsvorsitzende der altehrwürdigen Privatbank Sal. Oppenheim, hätten sie lediglich einen gewissen Unterhaltungswert, aber keinen Informationsgehalt. Wirtschaftliche Prognosen seien „für die Balustrade“. So bringen es Praktiker immer mal wieder auf den Punkt, auch wenn Leoni damals möglicherweise den Unterhaltungswert unterschätzt hat.

Und jetzt erneut: Die Hamburger Sutor Bank, ein unabhängiges Privatinstitut, hat sich jüngst die Prognosen für den Deutschen Aktienindex Dax in den vergangenen 20 Jahren angeschaut. Solche Vorhersagen namhafter Geldinstitute und Analystenhäuser für den Schlussstand des nächsten Jahres haben gerade in den letzten Wochen eines Jahres Konjunktur. Das Urteil der Sutor Bank fällt vernichtend aus: Diese Dax-Prognosen auf Jahressicht gingen „stets am Ziel vorbei“. Und dieses Fazit klingt noch harmlos, wenn man näher betrachtet, wie sehr die Aktien-Experten daneben lagen. Besonders unrühmlich war das Jahr 2002, für das die Analysten einen Anstieg des Dax um 11 Prozent vorhersagten, es tatsächlich aber zu einem Absturz von knapp 44 Prozent kam. Krasse Fehlprognosen waren die Regel in den untersuchten 20 Jahren. Für lediglich zwei Jahre lagen die Vorhersagen so, dass man sagen würde, sie seien halbwegs zutreffend gewesen.

„Die einzelnen Wertprognosen dürfen Anleger getrost als Spielerei links liegen lassen“, sagt nun Lutz Neumann, Leiter Vermögensverwaltung der Sutor Bank. Allerdings will das private Geldhaus bei ihrer Untersuchung eine positive Entdeckung gemacht haben. Und die hängt ausgerechnet damit zusammen, dass die Vorhersagen für den Dax oder andere Indizes oft besonders heftig danebenliegen. Von 2000 bis 2019 haben Analysten im Durchschnitt nämlich nur für ein einziges der 20 Jahre eine negative Entwicklung prognostiziert. Der Dax aber lag aber sechs Mal im Minus. Ausgerechnet dann, als Anleger eine besonders deutliche Warnung vor einer negativen Kursentwicklung dringend gebraucht hätten, kamen die Analysten zu ausgesprochen positive Vorhersagen. Und genau hier nun will die Sutor Bank das Gute im Schlechten gefunden haben.

„Mit Vorsicht zu genießen“

Diese optimistische Haltung der Analysten sei „zwar mit Vorsicht zu genießen“, meint Chef-Vermögensverwalter Neumann etwas drollig. Aber überwiegend optimistische Prognosen könnten als „Möhre für Anleger“ funktionieren, als eine Art „Appetitanreger“ für ein längerfristiges Aktienengagement, das sich nicht von kurzfristigen Kurskapriolen oder negativen Prognosen nervös machen lässt. Diesem Optimismus der Analysten könne man „durchaus vertrauen“. Denn die Erfahrung zeige, dass Märkte sich von Rückschlägen stets wieder erholen, manchmal auch sehr schnell. Und die Vergangenheit lehre, dass Aktienanlagen im langfristigen Durchschnitt im Wert stiegen und damit ein wesentlicher Bestandteil für den Vermögensaufbau seien.

Also noch einmal Klartext: Die Dax-Prognosen der Analysten liegen meist mehr als grob daneben und sind überwiegend optimistisch. Aber wenn auch die Vorhersagen nichts taugen, von diesem Optimismus der unfähigen Auguren sollte sich Anleger dann schon anstecken lassen. Zumindest auf lange Sicht, denn dann lohne sich die Aktienanlage aus bisheriger Erfahrung.

Wer aber die langfristige historische Wertentwicklung des Dax in die Zukunft projiziert, der macht doch wohl nichts anderes als eine Dax-Prognose, oder? Und da sollte man ja vorsichtig sein, wie wir jetzt wissen. Oder sollte man sagen: vorsichtig optimistisch?

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