Wirtschaft Leitartikel: Die Zugkraft der S-Bahn

Auf der Strecke von Mannheim über Ludwigshafen und Frankenthal nach Mainz ist die Aufnahme des S-Bahn-Betriebs eine wichtige Etappe in einem langen Prozess. Die zugkräftige Marke S-Bahn macht das Angebot attraktiver. Ab Dezember fährt die S-Bahn auch in die BASF. Beschlossen ist zudem die Verlängerung nach Zweibrücken.
Vor fast genau 60 Jahren, am 1. Juni 1958, wurde auf der Bahnstrecke zwischen Worms und Koblenz der elektrische Betrieb aufgenommen. Das war eine wichtige Etappe auf dem 1959 erfolgten Lückenschluss zwischen Süddeutschland und dem Ruhrgebiet. Fast genau 60 Jahre später beginnt nun auf der Strecke von Mannheim über Worms nach Mainz das S-Bahn-Zeitalter. Anders als vor 60 Jahren bedeutet das für den Bahnbetrieb allerdings keinen Einschnitt. Es ändert sich nämlich zunächst einmal so gut wie gar nichts. Das liegt daran, dass auf dieser Strecke schon seit Jahren ein gleitender Übergang zur S-Bahn im Gange ist. Zuerst wurden nach und nach die lokbespannten Garnituren durch Triebwagen der Baureihe 425 ersetzt, die den Fahrzeugen der S-Bahn Rhein-Neckar ähneln. Dann wurden in jahrelanger Arbeit, die gerade in Frankenthal alles andere als komplikationslos verlief, die Bahnsteige an der Strecke auf S-Bahn-Niveau gebracht. Schließlich wurden rund 15 Triebwagen der Baureihe 425 für den Einsatz auf der Linie Mannheim–Mainz nach S-Bahn-Standard modernisiert. Damit sind nun die Voraussetzungen für einen Etikettenwechsel von Regionalbahn auf S-Bahn gegeben. Die Erfahrungen seit 2003 haben gezeigt, dass der Begriff S-Bahn unabhängig von den konkreten Verbesserungen, die damit verbunden sind, eine spezifische Zugkraft hat. Auf der Strecke von Mannheim nach Kaiserslautern hat der Rheinland-Pfalz-Takt schon 1994 einen täglichen Halbstundentakt und erhebliche Fahrgastzuwächse gebracht. Als hier Ende 2003 die S-Bahn eingeführt wurde, brachte sie beim Fahrplan keine großen Verbesserungen mehr. Dennoch gab es weitere deutliche Fahrgastzuwächse, weil viele Autofahrer offenbar erst durch den Begriff S-Bahn dazu veranlasst wurden, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Die S-Bahn Rhein-Neckar ist eine Erfolgsgeschichte, auch wenn die anfangs sehr gute Pünktlichkeit in den vergangenen Jahren oft stark unter den Bauarbeiten auf der Pfälzer Ost-West-Hauptstrecke gelitten hat. In der Pfalz wurde nach dem Start mit den Linien von Mannheim nach Kaiserslautern und Speyer im Dezember 2003 dass Netz schon drei Jahre später durch die Verlängerung der Speyerer Linie nach Germersheim und der Kaiserslauterer Linie nach Homburg erweitert. Ende 2011 folgte der Abschnitt von Germersheim über Graben-Neudorf nach Bruchsal. In diesem Jahr steht nun außer dem Etikettenwechsel zur S 6 auf der Linie von Mannheim über Ludwigshafen und Frankenthal nach Mainz die Integration der BASF ins S-Bahn-System an. Beschlossen ist auch die Verlängerung der heute in Homburg endenden S-Bahn-Linie nach Zweibrücken. Der noch vor gut einem Jahr für eine Inbetriebnahme in Aussicht stehende Termin Ende 2021 ist aber nicht mehr zu halten; der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) hat zuletzt Ende 2024 genannt. Ende 2023 eröffnet das Auslaufen des Stadtbahn-Verkehrsvertrags für die Strecke von Karlsruhe nach Germersheim neue Möglichkeiten dafür, dass die bisher in Germersheim endende S-Bahn-Linie über das derzeitige Ausmaß hinaus einen größeren Teil des Verkehrs zwischen Germersheim und Karlsruhe übernehmen könnte. Ein mögliches Modell dafür ist der aktuelle Betrieb auf dem Abschnitt zwischen Kaiserslautern und Homburg. Hier ergänzen sich für einen Teil der Halte die S-Bahn nach Homburg und die Regionalbahn von Saarbrücken nach Kaiserslautern zu einem etwa halbstündlichen Angebot.