Wirtschaft Leitartikel: China schießt Eigentor

US-Präsident Trump droht mit Importzöllen auf chinesische Produkte.
China kontert mit Strafzöllen auf Soja. Doch das Land ist von der Einfuhr der Bohnen aus den USA abhängig. Verhandlungen sind wahrscheinlich. Nur Brasilien hat ähnlich große
Kapazitäten für den Sojaanbau
wie die USA.
Beim Handelszwist zwischen den USA und China geht es zu wie unter Raufbolden im Kindergarten: auf Schlag folgt Gegenschlag. Zwar schien die US-Regierung zwischenzeitlich zurückzurudern. Donald Trumps neuer Wirtschaftsberater Larry Kudlow hatte verkündet, die Strafmaßnahmen seien nur Vorschläge und es gebe noch Verhandlungsspielraum. Aber inzwischen hat sich der Wind in Washington erneut gedreht. Trump droht jetzt mit noch mehr Strafzöllen gegen China. Es zeichnet sich ab, dass der Streit zum Handelskrieg ausartet. China kontert. Als Reaktion auf die Liste der US-Regierung mit 1333 chinesischen Produkten, auf die die USA bei der Einfuhr 25 Prozent Zusatzzoll erheben wollen, hat die chinesische Führung ihrerseits eine Liste vorgelegt. Sojabohnen, Rindfleisch, Autos, Chemikalien, Tabak, Orangen, Whiskey und Flugzeuge stehen unter anderem darauf. 106 US-Produkte will Chinas Führung bei der Einfuhr mit Strafzöllen in gleicher Höhe belegen – falls die US-Regierung ihre Drohung wahr macht und so Chinas Exportüberschuss in die USA von 375 Milliarden Dollar um 100 Milliarden senkt. Was dabei auffällt: Die US-Strafzölle zielen vor allem auf Produkte chinesischer Hochtechnologie ab – jene Branchen, in denen die chinesische Führung in den nächsten Jahren zur Weltspitze aufschließen will. Die Trump-Regierung scheint Chinas Aufstieg zur technologischen Supermacht per Strafzoll aufhalten zu wollen. Diese Strategie könnte nach hinten losgehen. Laut dem China-Analysten Arthur Kroeber vom Pekinger Wirtschaftsberatungsinstitut Gavekal haben gerade US-Technologiefirmen zuletzt besonders kräftig im Reich der Mitte investiert. Es sei äußerst schwierig, „Strafzölle zu finden, die China mehr schaden als den USA.“ Mit Strafzöllen auf Soja und Rindfleisch will China wiederum vor allem den ländlichen Raum in den USA treffen – Trumps Kernwählerschaft. Sojabohnen gehören zu den profitabelsten landwirtschaftlichen Exportgütern der USA. Und China ist der größte Abnehmer. Ganze Landstriche im Mittleren Westen haben sich wegen der großen Nachfrage aus Fernost auf den Anbau von Soja spezialisiert. Auch in China dürften die Einfuhrzölle auf Soja zu einem großen Problem werden. Die Bohne ist seit Jahrhunderten neben Reis eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Chinesen. Hinzu kommt der in den letzten Jahren rasant gestiegene Fleischkonsum. Auch in China ist Soja das meistgenutzte Futtermittel für die Viehhaltung. Die Volksrepublik kann ihren hohen Bedarf nach der gelben Bohne schon lange nicht mehr selbst decken. Aktuell beziehen die Chinesen etwa 70 Prozent ihres Sojaverbrauchs aus dem Ausland, ein Drittel davon aus den USA. Nur Brasilien hat ähnlich große Kapazitäten und seine Produktion aufgrund der hohen Nachfrage aus Fernost bereits stark ausgeweitet. Doch das Limit scheint in dem lateinamerikanischen Land erreicht. Sollten die Strafzölle auf US-Soja in Kraft treten, dürfte es in China zu einem erheblichen Engpass kommen. Die Folge: stärker steigende Preise für Soja und Fleisch. China könnte jedoch noch in anderer Hinsicht als Verlierer aus dem Handelsstreit hervorgehen. Die USA stehen keineswegs alleine da mit ihrer Kritik an Chinas Protektionismus, so etwa dem Zwang für ausländische Unternehmen, ein Joint Venture mit einem chinesischen Unternehmen eingehen zu müssen, um Waren in China produzieren und verkaufen zu können. Auch europäische Unternehmen bemängeln den ungleichen Marktzugang in der Volksrepublik. Westliche Diplomaten halten es für möglich, dass China Konzessionen macht und etwa den Joint Venture-Zwang aufhebt. Vorschläge in diese Richtung hat Vizepremier Liu He im März bei einem Washington-Besuch gemacht. Da war das Weiße Haus noch nicht verhandlungsbereit. Das ist jetzt anders. Das Geschacher kann beginnen.