Glasindustrie RHEINPFALZ Plus Artikel Kommt die Öko-Bierflasche? Forscher entwickeln vollelektrisches Braunglas-Verfahren

Versuchsstand im Labor: Blick in die Glasschmelzwanne mit der heißen Glasschmelze.
Versuchsstand im Labor: Blick in die Glasschmelzwanne mit der heißen Glasschmelze.

Bierflaschen bestehen meist aus Braunglas, dessen Produktion als besonders energieintensiv gilt. Ein neues elektrisches Schmelzverfahren könnte die Emissionen senken.

Abends eine kühle Flasche öffnen – was selbstverständlich wirkt, beginnt technisch bei rund 1500 Grad Celsius. In den Schmelzwannen der Glasindustrie wird Braunglas bislang überwiegend mit Erdgas erhitzt. Ein Forschungsteam der Technischen Universität Bergakademie Freiberg hat nun jedoch ein Verfahren entwickelt, das diese Hitze vollelektrisch erzeugt. Gelingt der Schritt in den industriellen Maßstab, könnte damit auch die Bierflasche deutlich klimafreundlicher werden.

Braunglas schützt Bier

Nach Angaben der Forscher verursacht die Produktion von Braunglas in Deutschland derzeit rund 0,58 Millionen Tonnen CO 2 pro Jahr. Das neu entwickelte Verfahren könnte diesen Ausstoß um bis zu 86 Prozent senken – vorausgesetzt, der eingesetzte Strom stammt aus erneuerbaren Quellen. Rein rechnerisch entspräche das dem jährlichen Emissionsausstoß von etwa 77.000 Haushalten.

Bislang wird Braunglas überwiegend in gasbefeuerten Schmelzwannen bei Temperaturen von bis zu 1500 Grad Celsius hergestellt. Der Einsatz von Erdgas sorgt für die nötige Prozessstabilität und beeinflusst chemische Reaktionen, die für die charakteristische Braunfärbung verantwortlich sind. Gerade diese Farbgebung schützt Bier vor Lichteinwirkung und verlängert seine Haltbarkeit. Hier lag bislang die technische Hürde für eine vollständige Elektrifizierung.

Dem Forschungsteam aus Sachsen gelang es nach eigenen Angaben, die Zusammensetzung des sogenannten Gemenges – also der Mischung aus Rohstoffen, Farb- und Reduktionsmitteln – so anzupassen, dass die gewünschte Braunfärbung auch in einer rein elektrisch beheizten Schmelzwanne stabil entsteht. Zudem wurden Temperaturführung und Aufbau der Gemengeschicht optimiert. Das Verfahren wurde im Technikum getestet und lieferte demnach eine konstante Glasqualität.

Test unter Praxisbedingungen

Braunglas wird nicht nur für Bierflaschen eingesetzt, sondern auch für lichtempfindliche Lebensmittel und Arzneimittel. Die Glasindustrie zählt insgesamt zu den energieintensiven Branchen. Entsprechend groß ist der Druck, Produktionsprozesse zu dekarbonisieren. Erste Unternehmen arbeiten bereits mit Hybridanlagen, bei denen Gas und Strom kombiniert werden. Eine vollständig elektrische Schmelze gilt jedoch als anspruchsvoll, weil Glasöfen kontinuierlich und über viele Jahre hinweg betrieben werden müssen.

Das Verfahren der Technischen Universität Freiberg befindet sich noch nicht im industriellen Einsatz. In einem nächsten Schritt soll es gemeinsam mit Partnern aus der Industrie weiterentwickelt und unter Praxisbedingungen erprobt werden. Ob und wann Bierflaschen in großem Stil mit grünem Strom statt mit Gas geschmolzen werden, hängt damit nicht nur von der technischen Umsetzbarkeit ab, sondern auch von der Verfügbarkeit wettbewerbsfähiger erneuerbarer Energie.

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