Wirtschaft
Helfen Finanzgiganten dem Klimaschutz?
Texte über Blackrock sind oft überschrieben mit Titeln wie „Die unheimliche Macht“ oder „Gefährlicher Gigant“. Der US-Konzern, bei dessen deutschem Zweig der CDU-Politiker Friedrich Merz von 2016 bis 2020 als Aufsichtsratschef fungierte, verwaltet weltweit Geldanlagen im Wert von 7,8 Billionen US-Dollar. 2020 entsprach das über einem Zehntel der globalen Wirtschaftsleistung. Eine solche Ballung von Anlagekapital in privater Hand hat es noch nie gegeben. Doch Blackrock ist nicht der einzige gigantisch große Vermögensverwalter. Drei Firmen, allesamt aus den USA, sind die Schwergewichte: neben Blackrock sind dies Vanguard und State Street.
Bereits die schiere Größe dieser Firmen ist manchem Finanzanalysten unheimlich. Sie verweisen darauf, dass die „Großen Drei“ beispielsweise bei 90 Prozent der 500 größten Unternehmen in den USA beteiligt sind. Und natürlich haben Blackrock & Co. auch Aktien deutscher Dax-Unternehmen im Portfolio – also von BASF über Daimler bis SAP. Kritisiert wird daher die globale Macht, über die die Vermögensverwalter verfügen.
Den Managern auf die Finger schauen
Freilich gibt es Kritiker, die genau anders herum argumentieren. Sie verweisen darauf, dass die Vermögensverwalter ihre Kundengelder mindestens zur Hälfte passiv managen. Was bedeutet: Da sitzt kein Fondsmanager, der Aktien bestimmter Unternehmen verkauft oder kauft, damit sich der eingesetzte Geldbetrag im besten Fall vermehrt. Vielmehr können die Kunden beim passiven Management Anteile zum Beispiel an einem Aktienfonds (ETF) erwerben, dessen Inhalt sich nach einem Index richtet und der dessen Entwicklung abbildet. Zu solchen Indizes zählen der Dax oder der MSCI-Welt-Index (über 1600 Firmen).
Das Argument der Kritiker, die einen zu geringen Einfluss von Fondsgesellschaften à la Blackrock auf die Chefetagen sehen, geht nun so: An den einzelnen Aktiengesellschaften wird von den Vermögensverwaltern meist nur ein kleinerer Anteil gehalten (in der Regel um die 10 Prozent) – nur so ist die große Anzahl an Unternehmensbeteiligungen weltweit überhaupt möglich. Durch diese breite Streuung aber, so lautet der Einwand, sei es Blackrock & Co. unmöglich, dem Management der jeweiligen Firma auf die Finger zu schauen.
Abkehr von Kohle und Erdöl
Zu großer Einfluss – oder zu kleiner Einfluss? Gerade in Zeiten, da die Wirtschaft sich neu erfinden muss, kommt dieser Frage große Bedeutung zu. Wichtigstes Stichwort ist hier: der Klimawandel. Spätestens seit 2015, als sich die Staatengemeinschaft auf den Welt-Klimavertrag von Paris einigte, müssten sich Investoren eigentlich für die Geschäftsstrategie von Firmen, in die sie das Geld ihrer Kunden stecken, interessieren. Denn das Ziel für die Zukunft lautet: Der Ausstoß an Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) muss rapide sinken. Was einhergeht mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Erdöl. Werden vor diesem Hintergrund falsche Anlageentscheidungen getroffen, drohen „stranded investments“, also Investitionsruinen.
In diesem Zusammenhang ist es interessant, was jetzt Wirtschaftswissenschaftler des IESE-Business-School-Verbunds (München) herausgefunden haben. Vier spanische Professoren um Jose Azar analysierten erstmals (im Zeitraum 2005 bis 2018) Daten zum Kohlenstoffausstoß von 8000 großen Unternehmen weltweit, bei denen Blackrock, Vanguard und State Street investiert sind. Die vier Autoren kommen in ihrer (bei der Harvard Law School Forum on Corporate Governance) veröffentlichten Studie zum Ergebnis: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Engagement der „Großen Drei“ bei diesen 8000 Firmen und einem Rückgang von deren CO2-Emissionen.
Es geht auch um die Bindung von Kunden
Dabei wird Vanguard, Blackrock und State Street von Umweltschützern oft vorgehalten, sie konzentrierten sich auf große Konzerne, die meist (noch) hohe CO2-Emissionen haben. Allerdings ist genau dies eine Auswirkung der passiven Anlagestrategie: In Indizes wie Dax oder MSCI-World sind eben vorzugsweise die großen Firmen vertreten. Wer als Privatmensch sein Geld „grün“ anlegen will, muss sich daher bewusst einen entsprechenden ETF beziehungsweise Standard aussuchen.
Und warum sinkt der CO2-Ausstoß der untersuchten 8000 Firmen nach dem Einstieg der „Großen Drei“ überhaupt? Die Studienautoren gestehen den Investoren altruistische Motive zu – also den Gedanken, Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen. In diesem Sinne hat sich Blackrock-Gründer Larry Fink bereits mehrfach öffentlich geäußert. Doch letztlich geht es wohl vor allem um Kundenbindung: Umweltbewusste Anleger, von denen es immer mehr gibt, können gehalten oder neu für die Finanzprodukte gewonnen werden, wenn die Klimabilanz der in einem Fonds gehaltenen Firmen stimmt.
Schneller zu Lösungen
Zu großer Einfluss – oder zu kleiner Einfluss? Der Blick auf die verbesserte CO2-Bilanz von Firmen, an denen die „Großen Drei“ Anteile halten, zeigt: Auf jeden Fall haben Blackrock & Co. ziemlichen Einfluss. Wie drückte dies doch vor ein paar Jahren der Deutschlandchef von Blackrock, Dirk Schmitz, in einem Interview aus: „Wir machen das im Dialog mit den Unternehmensführungen.“ Man legt keinen Wert darauf, Meinungsunterschiede öffentlich auszutragen.
Ins Positive gewendet lässt sich mit Wirtschaftswissenschaftler Azar und seinen Kollegen feststellen: Die „Großen Drei“ können aufgrund ihres über den Globus gespannten Netzwerks dafür sorgen, dass es schneller zu Lösungen beim Klimaschutz kommt. Häufig scheitert die Politik ja daran, dass in der Staatenwelt nationale Interessen überwiegen.
Stellt sich die Frage: Ist eine Firma wie Blackrock eine neue Art von Weltmacht? Eine, die über den Staaten schwebt – und die neben einer unheimlichen Seite auch eine gute hat, weil sie den Klimaschutz voranbringt? Zumindest ein Stück weit.