Motorrad-Test RHEINPFALZ Plus Artikel Harley-Davidson: Mit der Low Rider ST auf Hubraum-Trip

Mit wirkungsvoller Verkleidung und Sechsganggetriebe: Low Rider ST.
Mit wirkungsvoller Verkleidung und Sechsganggetriebe: Low Rider ST.

Man kauft ein ganz besonderes Lebensgefühl – und bekommt das Kult-Motorrad mit dem legendären Sound gratis dazu. Sagt man keck, wenn es um die nicht gerade günstigen Maschinen der US-Motorradmanufaktur Harley-Davidson geht. Die aktuelle Low Rider ST zum Beispiel scheint ein Meisterstück aus Milwaukee zu sein. Was gibt es sonst noch Neues?

Die erste Fahrt beginnt mit viel Respekt. Denn die Low Rider ST, die zu den fernreisetauglichen Cruisern von Harley-Davidson (H-D) zählt, wiegt 327 Kilogramm. Wer bisher meist mit einer vergleichsweise schlanken Honda zu tun hatte, muss umdenken – und umfühlen.

Die Low Rider ST (Sport Touring, ab 22.495 Euro) macht es einem Umsteiger am Anfang also nicht unbedingt einfach – was eingefleischten, erfahrenen HD-Fans, die mit noch größeren Dickschiffen unterwegs sind, vermutlich einen lauten Lacher abverlangt. Aber Stück für Stück, Tag für Tag, Kilometer für Kilometer wird man vertrauter mit der Low Rider ST, wagt schneller gefahrene Kurven, kommt mit der Dosierung der Bremsen und der Blinker-Bedienung immer besser zurecht. Rund 200 Kilogramm Zuladung (inklusive Fahrer oder Fahrerin ...) sind übrigens erlaubt. Das ist ein Wort!

1923 Kubikzentimeter

Und dann natürlich das tolle Design im West-Coast-Stil und der Sound des 105 PS starken Motors mit seinen 1,9 Litern Hubraum! Der Milwaukee-Eight 117 ist mit exakt 1923 Kubikzentimern das hubraumstärkste V2-Triebwerk, das von der Motor Company mit Sitz im US-Bundesstaat Wisconsin (H-D feiert nächstes Jahr 120. Geburtstag) ab Werk in Serienmotorräder eingebaut wird. Nun ist es auch für die Low Rider ST im Einsatz. Es gibt es vier Jahre Garantie.

Nicht zu aufdringlich

Klar: Das Motorengeräusch dieser Maschine ist, wie es von einer Harley erwartet wird, markant. Aber es wirkt nicht zu aufdringlich oder gar ordinär. Im Übrigen hat man es ja selbst in der Gashand, ob man akustisch gesittet fährt oder glaubt, wichtigtuerisch auf sich aufmerksam machen zu müssen.

Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 190 km/h angegeben, der Durchschnittsspritverbrauch mit 5,6 Litern pro 100 Kilometer (CO2: 135 g/km), das Standgeräusch mit 94 dB(A) und das Fahrgeräusch mit 76 dB(A) . Unser Testverbrauch lag bei knapp über 6 Litern. Das maximale Drehmoment von 168 Newtonmetern liegt bei 3500 Umdrehungen pro Minute an.

Cruisen statt rasen

Die Höchstgeschwindigkeit loteten wir witterungsbedingt und wegen modellbedingt unzureichender Fahrpraxis nicht aus. Doch auch zum Beispiel bei zahmen 100 km/h und bei gemütlichem Tempo darunter fühlt man sich auf der ST, nicht zuletzt wegen der wirkungsvollen und noch dazu sportlich-schick aussehenden Frontverkleidung, gut aufgehoben. Die Sitzposition (720 Millimeter ohne Fahrer beziehungsweise Fahrerin) ist schön niedrig, low eben. Die Koffer sind praktisch, nicht nur für die größere Tour, sondern auch für kleine Einkäufe mal eben so. Der Beinschwung zum Aufstieg auf den Sattel gelingt bei montierten Koffern aber kaum. Man kann die Koffer aber ruck-zuck abnehmen.

Rücksichtslose Drängler

Sind die Feinheiten der Lenkgeometrie und die optimale Gewichtsverlagerung per Popometer intus, macht das Cruisen auf leicht kurvigen Landstraße am meisten Spaß, während Autobahnfahrten etwa wegen rücksichtsloser Lkw-Drängler in engen Baustellen mit Tempolimit 60 oder 80 km/h nervenzerfetzend sein können. Aber solchen lebensgefährlichen Nötigungen ist ja nicht nur Harley-Community ausgesetzt.

Gut ausgestattet

Was hat die Low Rider ST noch so zu bieten? Tachometer und Betriebsanzeigen digital, LED-Scheinwerfer, LED-Rücklicht, elektronische Geschwindigkeitsregelanlage, USB-Anschluss, Wegfahrsperre, schlüsselloses Anlassen, Reichweitenanzeige, selbstrückstellende Blinker, Warnblinkanlage und Anschluss fürs Batterieladegerät. Alles in allem bietet die Low Rider ST eine gute Mischung aus Sportlichkeit, Komfort und attraktivem Auftritt. Wer auf sie umsteigen möchte, findet in ihr eine ernstzunehmende Alternative. Aber es braucht Eingewöhnungszeit – und man muss sich auf die andere, coole Motorrad-Kultur einlassen können. Langfristige Qualität und Zuverlässigkeit dürfen erwartet werden.

Auch in der Pfalz

Die Low Rider ST, die es in Vivid-Black-Lackierung sowie für 540 Euro Aufpreis in Gunship Gray gibt und die optisch an die FXRT Sport Glide (1983 bis 1992) erinnern soll, ist natürlich nicht das einzige aufgewertete Pferd im Harley-Stall: Das jüngste Modellprogramm umfasst in Deutschland, Österreich und der Schweiz 21 Serienmaschinen, zwei Serien-Trikes und vier individualisierte CVO-Sondermodelle, so Lisa Alexandra Happ von der Harley-Davidson Deutschland GmbH mit Sitz in Frankfurt und Rudolf Herzig von der Kölner Herzig PR. Geschäftsführer von H-D Deutschland ist übrigens Kolja Rebstock, der früher unter anderem für den japanischen Autobauer Mitsubishi tätig war. In der Pfalz ist H-D mit Händlern in Ludwigshafen-Ruchheim sowie in Bruchmühlbach vertreten. Der Inhaber und Geschäftsführer der Harley-Davidson Rhein-Neckar GmbH in Ruchheim, Pascal Vergnaud, ist inzwischen zusammen mit einem Kollegen auch für H-D Saarland mit Sitz in Saarbrücken zuständig.

Fünf Familien

Modernisiert ins Modelljahr 2022 sind neben der Low Rider ST die Typen Street Glide ST und Road Glide ST gestartet. Sie werden – wie auch die CVO-Modelle und die Low Rider S des Modelljahrs 2022 – ebenfalls vom Milwaukee Eight 117 V-Twin angetrieben. Neu sind ferner die Nightster und die Low Rider El Diablo, die optisch an die 1983 vorgestellte Sport Glide erinnern soll und technisch auf der Low Rider ST basiert. 2022 teilte H-D sein Modellprogramm neu auf. Es umfasst nun die Familien Sport, Cruiser, Grand American Touring, Adventure Touring und Trike.

Wie alles begann

Noch ein Blick zurück ins H-D-Geschichtsbuch: 1901 arbeiteten in Milwaukee der technische Zeichner William Harley und der Modellbauer Arthur Davidson in ihrer Freizeit an der Konstruktion und Fertigung eines Verbrennungsmotors. Später schloss sich ihnen Arthurs Bruder, der Eisenbahnmaschinist Walter Davidson, an. 1903 wurden die ersten drei fahrtüchtigen Motorräder – Einzylinder mit Riemenantrieb – gebaut.

Der Tank der Low Rider ST fasst rund 19 Liter. Die Koffer bieten zusammen etwa 50 Liter Stauraum.
Der Tank der Low Rider ST fasst rund 19 Liter. Die Koffer bieten zusammen etwa 50 Liter Stauraum.
Vier Jahre Garantie: Low Rider ST.
Vier Jahre Garantie: Low Rider ST.
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