Wirtschaft
Grande Nation als „Start-up-Nation“
Es war eines der liebsten Schlagworte des Kandidaten und dann neu gewählten Präsidenten Emmanuel Macron 2017: Eine dynamische „Start-up-Nation“ werde er aus Frankreich machen, versprach er. Was ihm zunächst Bewunderung einbrachte, wurde später zum Kritikpunkt derer, die ihm vorwarfen, innovative Jungunternehmer den klassischen Arbeitern vorzuziehen.
Tatsächlich hat sich die Grande Nation in den vergangenen Jahren unter Macron zu einem der attraktivsten Länder in Europa für Start-ups, gerade in der Tech-Branche, entwickelt. Es gibt Subventionen auch durch das Förderprogramm France 2030 mit einem Budget von mehr als 50 Milliarden Euro, das kürzlich angesichts der Sparzwänge allerdings verringert wurde, steuerliche Anreize und ein „French Tech Visum“ für internationale Software-Entwickler. 2017 entstand in Paris mit der „Station F“ ein Inkubator für bis zu 1000 Start-ups gleichzeitig. Als Vorzüge des Landes gelten zudem die gute Ingenieursausbildung und die Infrastruktur.
Europa zuerst
„Frankreich und auch Deutschland befinden sich bei den Rankings in diesem Bereich europaweit regelmäßig auf den Spitzenpositionen“, sagt François Bitouzet, Generaldirektor der VivaTech, einem jährlichen Branchentreffen in Paris. Drei Tage lang kommen 15.000 Start-ups, 4000 Investoren und internationale Akteure im Tech-Bereich zusammen. Bei der zehnten Ausgabe der Messe, die am Mittwoch nächster Woche beginnt, ist Deutschland als „Country of the year“ mit der bislang größten Delegation vertreten. Auch der deutsche Minister für Digitales Karsten Wildberger und die Forschungs- und Technologie-Ministerin Dorothee Bär reisen an. Präsident Macron wird am Donnerstag eine Rede halten. Er forderte bereits zu einem Zeitpunkt die „digitale Souveränität“ Europas, als dies die wenigsten für notwendig hielten.
Bitouzet widerspricht der Annahme, dass der alte Kontinent hinsichtlich der Digitalindustrie längst hoffnungslos abgehängt sei: „Es stimmt, dass wir bei den Social-Media-Plattformen den Wandel nicht mitgestaltet haben, aber bei den Themen KI und Souveränität bleibt eine echte Chance für Europa.“ Groß sei das Potenzial auch dank der Mischung aus aufsteigenden Start-ups und großen Industriekonzernen. Doch dessen Nutzung setze die Erfüllung einiger Bedingungen voraus.
„Um wirklich im Wettbewerb mit den Giganten, vor allem den USA und China, zu bleiben, brauchen wir einen europäischen Kapitalmarkt, in dem Barrieren, wie auch Unterschiede bei der Gesetzgebung und beim Arbeitsrecht, fallen.“ Überwog lange der Glaube an einen offenen Markt, könne Bitouzet zufolge eine „europäische Bevorzugung“ bei öffentlichen Ausschreibungen, wie Macron sie fordert, als Beschleuniger für europäische Unternehmen wirken.
Die französische Regierung hat alle Ministerien und Behörden angewiesen, schrittweise auf europäische Alternativen zu US-Technologien umzustellen. Es gebe, so Bitouzet, zwei Ansätze: „Die einen setzen auf zunehmende Diversifizierung der Anbieter, um nicht komplett von einem Land abzuhängen. Der andere, französische Ansatz zielt auf größtmögliche Souveränität mit der Entwicklung eigener Technologien, von der Cloud OVH über Datenzentren auf europäischem Boden bis zur KI des französischen Start-ups Mistral.“
Ausbau des KI-Bereichs
Eine Frau verkörpert die ambitionierte Digitalstrategie der Regierung in Paris: Clara Chappaz, früher Staatssekretärin, heute Botschafterin Frankreichs für Digitales und KI. „Die Schlacht hinsichtlich der KI beginnt erst und die Öffentlichkeit wird sich allmählich der strategischen Bedeutung dieser Themen bewusst“, sagt die 36-Jährige im Gespräch mit er RHEINPFALZ. Der erste Gipfel für europäische digitale Souveränität im Herbst 2025 in Berlin stehe für diese „Revolution“ der Mentalitäten. Ziel sei es, das Erstarken europäischer Akteure im KI- und Tech-Bereich sowie eine Harmonisierung der europäischen Regeln zu fördern.
Auch bei der jüngsten Ausgabe des von Macron ins Leben gerufenen, jährlichen Investorengipfels „Choose France“ („Wähle Frankreich“) in Versailles Ende Mai betraf ein großer Teil der Investitionszusagen aus dem Ausland in Höhe von 93 Milliarden Euro den KI-Bereich. Allein die japanische Tech-Investmentgesellschaft Softbank will 45 Milliarden in KI-Rechenzentren im Norden Frankreichs stecken. Auch SAP kündigte an, in den nächsten drei Jahren 100 Millionen Euro in eine souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur im Großraum Paris investieren zu wollen. „Frankreich nimmt unter anderem durch den günstigen, CO 2 -armen Strom, sein dynamisches Ökosystem und eine sehr gezielte Förderpolitik eine besondere Position ein“, betont Chappaz.
Auch im Rahmen der G7, der das Land vorsitzt, spielt das Thema eine Rolle. Im Vorfeld der Begegnung kommende Woche einigten sich die Digitalminister auf Grundsätze wie die Verbesserung der Energieeffizienz digitaler Technologien, mehr Transparenz und eine Verbesserung der Altersverifizierung bei Pornoseiten für den Schutz von Kindern. In anderen Bereichen, die über die G7 hinausgehen, wie einer globalen KI-Governance oder einem Verbot sozialer Medien für unter 15-Jährige, das Frankreich einführen will, bleibt noch ein weiter Weg zu gehen.