Gasversorgung RHEINPFALZ Plus Artikel Gefahr für das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen

Das BASF-Stammwerk liefert Ausgangsprodukte für nahezu alle produzierenden Industrien.
Das BASF-Stammwerk liefert Ausgangsprodukte für nahezu alle produzierenden Industrien.

Eine stark verminderte Gasversorgung in Deutschland hätte für den BASF-Standort Ludwigshafen dramatische Konsequenzen. Dann müsste das Stammwerk mit seinen etwa 34.400 Mitarbeitern komplett heruntergefahren werden.

Als Folge des Angriffskrieges gegen die Ukraine stehen die Energieimporte aus Russland als Sanktionsmittel im Mittelpunkt der Diskussionen. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte in den vergangenen Tagen betont, es sei eine bewusste Entscheidung der EU, angesichts der sehr hohen Abhängigkeit einiger Länder von Gas, Öl und Kohle aus Russland, dies nicht in das Sanktionspaket aufzunehmen. Das „von einem Tag auf den anderen zu tun, hieße, unser Land und ganz Europa in eine Rezession zu stürzen. Hunderttausende Arbeitsplätze wären in Gefahr. Ganze Industriezweige stünden auf der Kippe.“

Allerdings drohte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag indirekt damit, dass auch Russland seine Gaslieferungen einstellen könnte. Er machte klar, dass Russland darauf bestehe, dass Erdgaslieferungen an europäische Länder künftig in Rubel bezahlt werden müssten. Es sei klar, dass Russland im Fall einer Weigerung Gas „nicht umsonst“ nach Europa liefern werde. Der Anteil der russischen Lieferungen an den Gasimporten nach Deutschland ist laut Bundeswirtschaftsministerium bereits von zuletzt 55 auf 40 Prozent reduziert worden. Bis zum Sommer 2024 könne es gelingen, bis auf wenige Anteile unabhängig von russischem Gas zu werden, hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gesagt.

Vorrang für Privathaushalte

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), hatte am Montagmorgen in einem Interview im Deutschlandfunk gesagt, das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen müsse komplett heruntergefahren werden, wenn kurzfristig die Gaslieferungen aus Russland ausfallen würden. Dies sei auch schon der Fall, wenn die Gaslieferungen um 50 Prozent geringer ausfallen würden. Vassiliadis ist auch Mitglied im Aufsichtsrat der BASF.

Auf die Frage, was passieren würde, wenn bereits im Sommer kein russisches Gas mehr importiert würde, sagte der Gewerkschaftschef: Dann hätten Privathaushalte Vorrang in der Versorgung und es müsste ein Plan entwickelt werden, wann, wie und was in der Industrie abgeschaltet werden müsse.

Als Beispiel nannte er den „Standort Ludwigshafen, der größte Chemiestandort der Welt“ und bezog sich damit offensichtlich auf das Stammwerk der BASF: Schon bei einer Reduktion der Einfuhr von 50 Prozent, müsse der Standort „auf Null“ heruntergefahren werden, weil dann der Standort insgesamt nicht mehr stabil zu fahren sei. Die vielen Fabriken im Stammwerk der BASF sind in einem Verbund bei der Produktion eng miteinander vernetzt.

„Kurzfristig nicht zu ersetzen“

Für die Mitarbeiter würde das bedeuten, so Vassiliadis, sie müssten in Kurzarbeit gehen oder würden ihren Job verlieren. Würden 100 Prozent der Erdgas- und Erdölimporte aus Russland kurzfristig ausfallen und es gäbe keine Kompensation dafür, dann würde das in der deutschen Industrie Hunderttausende Arbeitsplätze kosten und hätte auch starke Auswirkungen auf die Versorgungslage.

Eine kontinuierliche Belieferung mit Erdgas sei für die Chemieproduktion unverzichtbar, teilte die BASF am Montag auf Anfrage mit. In Europa verwendet der Chemiekonzern demnach etwa 60 Prozent des gekauften Erdgases für die Erzeugung von Energie in Form von Dampf und Strom, die für die Produktion benötigt werden. Etwa 40 Prozent des Erdgases nutzt die BASF als Rohstoff, um daraus wichtige Grundchemikalien und darauf aufbauend eine Vielzahl von Produkten für nahezu alle Industriebranchen herzustellen. Eine Verknappung des Erdgases würde sich für die BASF also doppelt auf die Chemieproduktion auswirken. Erdgas, so der Konzern, lasse sich weder als Rohstoff noch als Energieträger kurzfristig ersetzen.

Wenn die Menge des an die BASF gelieferten Erdgases deutlich eingeschränkt würde, dann müsste der Chemiekonzern „die Produktion von wichtigen Basischemikalien und Folgeprodukten drosseln“. Das träfe auch alle nachgelagerten Kundenbranchen und würde in der weiterverarbeitenden Industrie die Produktion vieler wichtiger Stoffe des täglichen Bedarfs einschränken.

Schwerwiegende Folgen

Für den BASF-Standort Ludwigshafen heißt das konkret: „Eine Reduzierung der Erdgasversorgung auf unter die Hälfte des heutigen Bedarfs würde zu einer vollständigen Einstellung der Betriebstätigkeit führen.“ Das hätte „erhebliche Auswirkungen auf die Grundversorgung der Bevölkerung nicht nur in Deutschland“, so die BASF. Denn der Chemiekonzern stellt viele Erzeugnisse her, die der Produktion von Waren für den täglichen und häuslichen Bedarf dienen, darunter Lebensmittel, Verpackungen oder Toiletten- und Hygieneartikel.

Die BASF weist darauf hin, dass die Chemieindustrie die Ausgangsprodukte für nahezu alle produzierenden Industrien liefert. Daher sei zu erwarten, dass schwerwiegende Engpässe bei der Gasversorgung und daraus resultierende Beeinträchtigungen oder Stillstände in der Produktion der BASF zu schwerwiegenden Unterbrechungen in vielen Wertschöpfungsketten ihrer Kunden führten. Nahezu alle Branchen wie etwa Landwirtschaft, Ernährung, Automobil, Kosmetik/Hygiene, Bauwesen, Verpackung, Pharma oder Elektronik wären dann betroffen.

Diese Auswirkungen würden, so die BASF, zwar erst mit zeitlicher Verzögerung zum Tragen kommen, dürfen aber in keinem Fall unterschätzt werden. Wie fragil die globalen Handelsnetzwerke seien, haben die Unterbrechung der Lieferketten durch die Covid-Pandemie bereits deutlich gemacht.

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