Konsum
Gebrauchte Kleidung ist plötzlich schick
Warum neue Klamotten online kaufen, wenn es viel billiger gebrauchte Ware gibt? So denken offenbar immer mehr Kunden und bescherten dem Second-Hand-Modemarkt im vergangenen Jahr einen satten Aufschwung. Plattformen wie Mädchenflohmarkt oder Momox steigerten ihren Umsatz um 25 beziehungsweise 50 Prozent – und gehören damit zu den Corona-Krisengewinnern.
Die Pandemie trägt dazu bei, dass die Deutschen ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Shoppen, anders nachgehen. Lange waren die Modegeschäfte vor Ort geschlossen, also wurde online gekauft. „Nachhaltigkeit ist sicher ein Grund, warum Menschen gebrauchte Kleidung kaufen. Aber auch die Vorliebe für Vintage und der Preis spielen eine Rolle“, sagt Kristina Pors, Handelsforscherin beim Kölner Handelsforschungsinstitut EHI.
Ausmisten in der Pandemie
Hinzu kommt, dass – mangels anderer Freizeitmöglichkeiten – viele Deutsche während der Pandemie das Ausmisten für sich entdeckt haben. Schon seit Jahren kritisieren Umwelt-Organisationen wie Greenpeace, dass rund 40 Prozent der Kleider in den Schränken überhaupt nicht mehr getragen werden. „Wer aussortiert, versucht, die Sachen noch irgendwie zu verkaufen und landet dabei auf den Online-Plattformen“, sagt Textilingenieur Kai Nebel von der Hochschule Reutlingen.
Diese machen es den Kunden einfach: Die aussortierten Waren müssen lediglich mit einem kostenlosen Versandschein an die Verkaufsplattformen geschickt werden. Den Rest übernimmt die Plattform: Preis ermitteln, Ware fotografieren, bei erfolgreichem Verkauf versenden und dem Verkäufer einen Teil des Erlöses gutschreiben.
Jeder dritte kauft Gebraucht-Kleidung
Schon heute kaufen 34 Prozent der Deutschen Second-Hand-Kleidung, weitere 28 Prozent können sich das vorstellen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG in Kooperation mit dem EHI. Die Studienautoren gehen davon aus, dass der Trend zur Second-Hand-Kleidung in den kommenden zehn Jahren einen Marktanteil von bis zu 20 Prozent erreichen könnte.
Versandhändler und Modeketten, die bislang mit sogenannter Fast Fashion – also billiger, kurzlebiger Trendmode – ihr Geld verdient haben, wollen sich den neuen Second-Hand-Boom nicht entgehen lassen. Der Online-Modehändler Zalando bietet seit September 2020 mit Zalando Zircle „den Kleiderschrank der Zukunft“ an. Wettbewerber About You nennt seine im vergangenen November gestartete Plattform Second love. Und der schwedische Moderiese H&M unterstützt seit einigen Monaten den ebenfalls in Schweden beheimateten Second-Hand-Onlineshop Sellpy beim deutschsprachigen Angebot.
Modehändler verticken zuvor unverkäufliche Ware
„Statt zu schauen, wie ihnen die Konkurrenz Marktanteile abnimmt, bieten die Modehändler lieber gleich selbst Second-Hand-Plattformen an“, sagt Textilexperte Nebel. Als positiven Nebeneffekt können sie sich damit als nachhaltig präsentieren – und einen Kontrapunkt zu den schlechten Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzungen bei der Produktion setzen, die Fast Fashion in Verruf gebracht haben. Auch Kundenbindung ist ein Thema: Wer beispielsweise über Zalando Zircle Klamotten verkauft, bekommt eine Gutschrift, um im Zalando-Angebot einzukaufen.
Es gibt aber noch einen ganz praktischen Grund für die Modeketten, sich im Second-Hand-Markt zu engagieren: Irgendwo muss die zu viel produzierte Bekleidung hin. „Das ganze System steht vor dem Kollaps“, sagt Textilexperte Nebel. Verbrennen ist schlecht fürs Image, Recyclingunternehmen haben keine Verwendung mehr für Berge aussortierter Klamotten, Drittländern geht es ähnlich. Also wird versucht, die Bekleidung als Gebrauchtware den Kunden ein zweites Mal anzupreisen. Nebel zufolge geschieht das nicht selten mit Neuware – denn die Lager der Händler quellen durch die coronabedingten Schließungen über: 2020 haben die Deutschen rund ein Drittel weniger Bekleidung gekauft als in den Jahren zuvor. Würde man die Herstellung von Mode an die gesunkene Nachfrage und das gestiegene Interesse an Second-Hand-Ware anpassen, wäre das für die Modeindustrie eine realistische Chance, die immense Überproduktion in den Griff zu bekommen. Doch Experte Nebel glaubt nicht daran, dass die Deutschen das Shoppen dauerhaft aufgeben werden. „Und die Second-Hand-Käufe kommen meist noch zusätzlich zu dem dazu, was an neuen Klamotten gekauft wird.“
Die massenhafte Produktion von Bekleidung hat Folgen, die mitunter dramatisch sind:
Ressourcen: Kleidung wird zu 97 Prozent aus organischem Material wie Erdöl (Kunstfasern) und Baumwolle und nur zu 3 Prozent aus recyceltem Material hergestellt. Bei der Produktion werden Tausende verschiedener Chemikalien verwendet, außerdem sehr viel Wasser. So werden für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts knapp 2500 Liter Wasser verbraucht, hat die Technische Universität Berlin in einer Modellstudie errechnet.
Klima: Den Vereinten Nationen (UN) zufolge ist die Modeindustrie pro Jahr für 10 Prozent der weltweiten klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich.
Menge und Lebensdauer: Von 2000 bis 2015 hat sich die Anzahl der weltweit produzierten Kleidungsstücke der Organisation Greenpeace zufolge in etwa verdoppelt, ebenso ihre Verkäufe. Die Tragedauer hat sich gleichzeitig halbiert, bei sogenannter Fast Fashion auf maximal ein Jahr.
